Psychotherapie
Was ist Psychotherapie?
Das allgemeine Ziel der Psychotherapie ist, den Menschen dazu zu befähigen, dass er mit seinem Leben und der Gesellschaft gut zurechtkommt.
Anders als bei vielen medizinischen Behandlungen, bei denen der Patient eher passiv bleibt (z. B. er lässt sich operieren), nimmt der Patient in der Psychotherapie meist eine aktivere Rolle ein. Die Psychotherapie bietet Unterstützung bei Veränderungsprozessen, die der Betroffene aber selbst umsetzen muss.
Wichtig ist dabei einerseits eine Alltagsbewältigung im Leistungsbereich, also in Schule oder Beruf, aber auch im Umgang mit anderen Menschen. Durch Psychotherapie können je nach Problem die Gefühle, die geistigen Fähigkeiten und die Fähigkeiten im Umgang mit anderen Menschen positiv beeinflusst werden.
Es gibt verschiedene psychotherapeutische Lehren, die die Entstehung psychischer Störungen unterschiedlich erklären und somit auch unterschiedliche Behandlungsansätze verfolgen. Daher kann das Vorgehen von Psychotherapeuten sehr verschieden sein, je nachdem, welcher Schule sie angehören. Auch das Ausmaß, in dem die psychotherapeutischen Verfahren überprüft und in ihrer Wirksamkeit bestätigt sind, ist unterschiedlich.
Welche Verfahren gibt es?
Eine vollständige Liste aller Verfahren aufzustellen, die sich selbst als psychotherapeutisch definieren, ist wegen der Vielzahl der Methoden nahezu unmöglich. Im Folgenden werden daher nur einige der wichtigsten Verfahren näher erklärt. Jedes der folgenden psychotherapeutischen Verfahren ist durch ein Weltbild, durch einen spezifischen Erklärungsansatz für psychische Störungen, und durch bestimmte psychotherapeutische Methoden gekennzeichnet.
Anhänger der Psychoanalyse und der tiefenpsychologischen Verfahren gehen davon aus, dass es durch traumatische Erlebnisse - insbesondere während der Kindheit - zu unbewussten Konflikten kommt, die zu psychischen Problemen führen. Ziel der Psychoanalyse und der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie ist es, diese aufzudecken und zu bearbeiten, so dass die psychische Gesundheit wiederhergestellt werden kann.
Die Verhaltenstherapie geht davon aus, dass jedes Verhalten - und somit auch das problematische Verhalten wie z. B. eine übermäßige Angstreaktion - erlernt ist und auch wieder verlernt werden kann. Die therapeutischen Verfahren haben zum Ziel, Verhaltensweisen, Gedanken und Gefühle durch bestimmte Lernprozesse so zu verändern, dass das Wohlbefinden des Betroffenen gesteigert wird. Dabei wird der Patient aktiv in den Therapieprozess eingebunden: So erhält er z. B. Übungen zur Veränderung des problematischen Verhaltens, die er zwischen den Therapiesitzung selbständig durchführt.
Vertreter der Gesprächspsychotherapie gehen davon aus, dass psychische Probleme vor allem dadurch entstehen, dass bestimmte Gefühle von den Betroffenen nicht gefühlt oder bestimmte Erfahrungen nicht gemacht werden dürfen. Der Betroffene erlaubt sich dies deswegen nicht, weil er die Gefühle oder Erfahrungen als nicht zu seiner Person passend empfindet. Dieser unbewusste Vorgang führt zu den psychischen Problemen, die der Betroffene sich nicht erklären kann. Unter anderem kann der Therapeut durch das Einfühlen in die Situation des Patienten und den Ausdruck von Wertschätzung ihm gegenüber den Betroffenen dabei unterstützen, die vorher "verbotenen" Gefühle und Erfahrungen in seine Person zu integrieren, also zu akzeptieren, um sich selbst besser zu verstehen. Dabei geht die Gesprächspsychotherapie davon aus, dass jeder Mensch die Fähigkeit zur Selbstheilung besitzt, diese bei Menschen, die unter psychischen Problemen leiden, aber verschüttet sind. In der Therapie soll durch ein Klima von Achtung, Echtheit und Verständnis diese Fähigkeit wiedererlangt werden.
Der Begriff Familientherapie umfasst eine Vielzahl verschiedener Therapiemethoden. Gemeinsam ist ihnen, dass nicht nur mit einzelnen Personen gearbeitet wird. Es werden vielmehr alle Familienmitglieder oder auch weitere Personen, die zum Beziehungsnetz des Betroffenen gehören, in die Therapie mit einbezogen. Grundannahme ist dabei, dass diejenige Person, die psychische Schwierigkeiten zeigt (z. B. ein Kind mit Schulangst), damit ein Problem zum Ausdruck bringt, dass innerhalb des Familiensystems besteht. Unter anderem sollen in der Therapie durch das Aufdecken und Verändern bestehender Kommunikationsstrukturen Störungen im System beseitigt werden.
Wer sollte sich einer Psychotherapie unterziehen?
Bei der Frage, wer eine Psychotherapie machen sollte, muss zunächst bedacht werden, dass es sehr von der Gesellschaft abhängt, welches Verhalten als normal - und welches als unnormal oder psychisch krank und somit als therapiebedürftig - angesehen wird. Beispielsweise werden in unserer Gesellschaft Menschen mit Halluzinationen, die also Dinge hören, sehen oder fühlen, die andere Menschen nicht wahrnehmen, für nicht normal oder krank gehalten. In anderen Kulturkreisen werden sie dagegen als Seher verehrt. Ein weiteres Beispiel: Noch vor wenigen Jahrzehnten wurde Homosexualität als psychische Krankheit angesehen; heute ist das zumindest für die meisten Menschen eine diskriminierende Sichtweise.
Die Entscheidung, eine Psychotherapie zu machen, fällt den Betroffenen oft schwer, da es immer noch als ein Makel gilt, seine Probleme nicht alleine bewältigen zu können. Leider nimmt die Psychotherapie aufgrund bestehender Vorurteile dabei immer noch einen anderen Stellenwert ein, als medizinische Therapien: So hat kaum ein Betroffener den Anspruch an sich, beispielsweise mit einer Blinddarmentzündung alleine zurechtkommen zu müssen. Es wird meist vernachlässigt, dass psychische Probleme eine Störung von Krankheitswert darstellen können, die einer professionellen Behandlung bedürfen.
Die Entscheidung für eine Psychotherapie fällt meist erst dann, wenn der Betroffene sich durch seine Probleme stark eingeschränkt fühlt und eigene Versuche, sich selbst zu helfen, gescheitert sind. Ob und in welcher Form im Einzelfall eine Psychotherapie sinnvoll ist, sollte in einem gemeinsamen Gespräch mit einem Psychologen oder Arzt entschieden werden. Um die Therapiebedürftigkeit zu beurteilen, führt dieser ein ausführliches Gespräch, in dem die aktuellen Beschwerden, der Zeitpunkt, die Umstände, unter denen die Probleme zum ersten Mal auftraten, und der weitere Verlauf der Probleme erfragt werden.
Außerdem ist wichtig zu erfassen, welche Maßnahmen schon unternommen wurden, um die Probleme zu verändern. Gegebenenfalls werden auch Fragebögen und Tests eingesetzt, um genau abzuklären, um welche Probleme es sich handelt. Um körperliche Ursachen zu überprüfen, wird der Betroffene auch durch einen Arzt untersucht.
Wer darf diese Therapie anbieten?
"Psychotherapeut" darf sich in Deutschland seit einiger Zeit nur noch derjenige nennen, der eine Anerkennung als Ärztlicher oder Psychologischer Psychotherapeut hat. Diese Anerkennung können nur Personen erwerben, die ein Hochschulstudium in Psychologie oder Medizin abgeschlossen und anschließend eine staatlich anerkannte Weiterbildung in Psychoanalyse, tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie oder Verhaltenstherapie gemacht haben. Diese Spezialisierung erstreckt sich berufsbegleitend über mehrere Jahre.
Entgegen den Annahmen der meisten Menschen sind Psychiater nicht unbedingt Psychotherapeuten. Psychiater haben Medizin studiert und sich dann auf den Bereich Psychiatrie - der Lehre psychischer Krankheiten - spezialisiert. Sie behandeln vor allem mit Medikamenten. Nur manche Psychiater haben zusätzlich eine Spezialisierung in Psychotherapie und sind somit auch auf diesem Gebiet kompetent.
Neben den Ärztlichen und Psychologischen Psychotherapeuten gibt es eine Vielzahl weiterer Personen, die Psychotherapie anbieten. Diese sind nicht unbedingt Psychologen oder Ärzte. Gemeinsam ist ihnen, dass sie nicht die Weiterbildung zum Ärztlichen oder Psychologischen Psychotherapeuten, sondern eine andere psychotherapeutische Weiterbildung gemacht haben. Nur diejenigen Therapeuten, die den Titel Ärztlicher oder Psychologischer Psychotherapeut tragen, können mit der Krankenkasse abrechnen, andere Psychotherapien muss der Patient selbst bezahlen.
Die Zahl der psychotherapeutischen Methoden ist sehr groß, die wichtigsten wurden bereits genannt. Noch größer wird diese Zahl, wenn man bedenkt, dass die meisten Therapeuten nicht nur eine bestimmte Methode anwenden, sondern aus verschiedenen Methoden ihre ganz persönliche Arbeitsweise entwickeln.
In Österreich ist die Bezeichnung "Psychotherapeut" ein eigenständiger, freier und wissenschaftlicher Heilberuf. Die psychotherapeutische Ausbildung dauert etwa sieben Jahre und ist im Österreichischen Psychotherapiegesetz geregelt. Die Berufsbezeichnung "Psychotherapeut" ist gesetzlich geschützt.
Ist der niedergelassene Psychotherapeut in ein Finanzierungsmodell der Krankenkassen eingebunden, kann bei der Krankenkasse ein Antrag auf Kostenzuschuss gestellt werden. Wird er genehmigt, erstatten die Kassen einen Teil des zuvor an den Therapeuten bezahlten Honorars. Diese Finanzierungsform trifft auf den Großteil der Psychotherapien zu.
Wie findet man einen geeigneten Psychotherapeuten?
Bei der Wahl eines Psychotherapeuten ist es wichtig, dass sowohl die Methode, die der Psychotherapeut anwendet, als auch der Psychotherapeut als Mensch zu dem Betroffenen passt.
Die Forschung im Bereich Psychotherapie kann bisher keine Hinweise darauf geben, für welchen Menschen welche Form der Psychotherapie am sinnvollsten ist. Es gibt jedoch erste Hinweise darauf, welche Methoden bei welchen Problemen am wirkungsvollsten sind. Zudem gibt es Bücher und Internetseiten, in denen die verschiedenen Methoden der Psychotherapie beschrieben sind, so dass sich der Betroffene ein Bild vom Ablauf und von den Zielen eines bestimmten psychotherapeutischen Verfahrens machen kann.
Sinnvoll ist sicherlich auch, Informationen und Erfahrungen über Bekannte und Freunde einzuholen. Wenn ein Kontakt zum Therapeuten bereits zustande gekommen ist, sollte der Betroffene sich erkundigen, welche Ausbildung und Weiterbildung der Therapeut hat, ob er mit der Behandlung des bestehenden Problems Erfahrung hat. Wichtig ist auch, zu klären, wie der Therapeut vorgehen möchte und wie lange die Therapie voraussichtlich dauern wird.
Die Bedeutsamkeit von Empfehlungen durch Bekannte ist vielleicht noch größer bei dem Ziel, einen Psychotherapeuten zu finden, der auch persönlich als Mensch zu dem Betroffenen passt. Eine gute therapeutische Beziehung zwischen dem Therapeuten und dem Patienten ist eine unverzichtbare Grundlage dafür, dass psychotherapeutische Methoden wirkungsvoll sein können. Der Betroffene muss sich im Umgang mit dem Therapeuten wohl fühlen; er sollte das Gefühl haben, diesem vertrauen und ihm gegenüber offen sein zu können. Schon beim ersten Telefonat und bei den ersten Treffen ist es wichtig, auf den persönlichen Eindruck von der Person des Therapeuten zu achten.
Eine Psychotherapie dauert je nach Schwere der Problematik und Art der psychotherapeutischen Methode zwischen 20 und 100 Stunden. Es sollte sich spätestens ungefähr in den ersten 10 bis 20 Stunden eine Veränderung der Probleme einstellen. Ansonsten ist zu überlegen, ob der Therapeut gewechselt werden sollte. Eine Ausnahme stellt hier die psychoanalytische Langzeittherapie dar; diese dauert wesentlich länger.
Bei der Suche nach einem Therapeuten unterstützt die telefonische Beratung des Psychotherapie-Informations-Dienstes des Berufsverbandes Deutscher Psychologen. Ein Verzeichnis von Psychotherapeuten ist auch beim Deutschen Psychotherapeutenverband erhältlich. Auch die Krankenkassen geben Listen von anerkannten Therapeuten heraus. Hilfreich ist auch wenn Bekannte einen bestimmten Therapeuten persönlich empfehlen können.
Literatur/Leitlinien/EBM:
Chirazi-Stark, F.-M.; Esterer, I.; Bremer, F.: Wege aus dem Wahnsinn. Psychiatrie-Verlag (2002).
Davison, G.C.; Neale, J.M.: Klinische Psychologie. Beltz (6.Aufl. 2002).
Kriz, J.: Grundkonzepte der Psychotherapie. Beltz (5.Aufl. 2001).
Uexküll, T. v.: Psychosomatische Medizin. Urban & Fischer (6.Aufl. 2003).


