Hörprüfung und Gleichgewichtsprüfung
(Gleichgewichtsprüfung und Hörprüfung)
Wie entsteht eine Hörminderung?
Akustische Signale verursachen Schallwellen, die über die Ohrmuschel und den Gehörgang auf das Trommelfell treffen. Das Trommelfell grenzt den Gehörgang vom Mittelohr ab. Der Teil des Mittelohres, der hinter dem Trommelfell liegt, ist die Paukenhöhle, ein kleiner Hohlraum, der mit Schleimhaut ausgekleidet ist. Hier befinden sich die drei Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel. Sie verbinden das Trommelfell mit dem Innenohr, das die weitergeleiteten Schallwellen in elektrische Nervensignale umwandelt.
Bei der Hörminderung ist die Schallübertragung im Mittelohr oder die Sinneswahrnehmung im Innenohr, eventuell auch die Reizverarbeitung im Gehirn, erschwert oder behindert.
Welche Untersuchungen sind bei einer Hörminderung sinnvoll?
Eine Untersuchung durch einen Hals-Nasen-Ohrenarzt ist die Grundlage einer weiterführenden Untersuchung. Ein Loch im Trommelfell oder die Beschädigung der Gehörknöchelchen weisen auf eine chronische Mittelohrentzündung als Ursache der Beschwerden hin, die ebenfalls eine Schallleitungs-Schwerhörigkeit verursachen kann.
Wichtig ist eine ausführliche Prüfung des Gehörs: Im Hörtest findet der Arzt typischerweise eine Behinderung der Schallleitung. Bei der Hörtestung (Audiometrie) wird das Hörvermögen gemessen, d. h. die Quantifizierung bestimmter gehörbezogener Leistungen. Dabei unterscheidet man eine subjektive Audiometrie (der Patient muss auf einen Hörreiz antworten) und eine objektive Audiometrie (ohne aktive Mitarbeit des Patienten).
Tonschwellen-Audiometrie
Bei der Tonschwellen-Audiometrie wird die Hörschwelle (d. h. der leiseste hörbare Ton) für reine Töne in Oktav- bzw. Halboktavabständen (zwischen 125 und 8000 Hz) gemessen. Sie ist die am meisten angewandte audiometrische Untersuchungsmethode. Das Tonaudiogramm ist die in einem international genormten Koordinatensystem eingetragene Hörschwellenkurve. Die Prüfung kann prinzipiell für beide Ohren gleichzeitig erfolgen (Freifeld-Audiometrie; z. B. bei Kleinkindern), doch wird sie üblicherweise über Kopfhörer für beide Ohren getrennt durchgeführt.
Bei der Hörprüfung werden die einzelnen Frequenzen mit stufenweise zunehmender Lautstärke angeboten. Sobald der Patient einen Ton hört, teilt er dies mit (meist durch Drücken eines Signalknopfes). Durch Verbinden der einzelnen Messwerte entsteht das Tonaudiogramm.
Stimmgabelprüfungen
Mit der Stimmgabelprüfung kann einfach und schnell zwischen Innenohr- und Mittelohrschwerhörigkeit unterschieden werden. Hierbei werden Unterschiede zwischen der Schalleitung über die Luft und der Schalleitung über die Schädelknochen zur Ergebnisinterpretation berücksichtigt. Eine schwingende Stimmgabel wird hierbei an verschiedenen Stellen des Schädels aufgesetzt.
Die Vibrationen der Stimmgabel werden von den Sinneszellen des Innenohres wie Töne wahrgenommen, wobei das äußere und das Mittelohr umgangen werden. Ist die Wahrnehmung der Stimmgabel über die knöcherne Schalleitung ungestört, liegt eine Beeinträchtigung der Luftleitung des Schalls vor.
Der Weber-Versuch dient zur Prüfung und Lokalisation einer Knochenleitungsstörung.
Die schwingende Stimmgabel wird auf die Mitte des Kopfes gesetzt. Der Normalhörende hört den Ton in der Mitte und auf beiden Ohren gleich laut.
Auch der seitengleich Schwerhörige hört den Ton in der Mitte und auf beiden Ohren gleich gut, doch wird die Stimmgabel im Vergleich zum Normalhörenden nur bei größerer Lautstärke gehört. Ein einseitig Schallleitungs-Schwerhöriger hört den Ton im schlechteren Ohr besser. Ein einseitig Schallempfindungs-Schwerhöriger hört den Ton dagegen auf dem besser hörenden Ohr lauter.
Der Rinne-Versuch dient zur Unterscheidung von Luft- und Knochenleitung.
Die schwingende Stimmgabel wird so lange auf den Knochen hinter dem Ohr gesetzt (Prüfung der Knochenleitung), bis der Patient nichts mehr hört. Anschließend wird die Stimmgabel (ohne neu angeschlagen zu werden) vor das Ohr gehalten (Prüfung der Luftleitung).
Der Normalhörende hört die Stimmgabel nun wieder, weil bei der Schallleitung eine Verstärkung erfolgt und die Schwingungen wieder hörbar werden.
Beim Schallleitungs-Schwerhörigen ist die Knochenleitung lauter als die Luftleitung, und die Luftleitung verkürzt. Beim Schallempfindungs-Schwerhörigen wird der Ton sowohl über die Luft- als auch die Knochenleitung kürzer gehört als beim Normalhörenden.
Bei der Schallleitungs-Schwerhörigkeit hört der Patient die über den Kopfhörer angebotenen Töne erst bei größerer Lautstärke. Das Hörvermögen über die Knochenschalleitung ist nicht vermindert.
Die Schallempfindungs-Schwerhörigkeit geht auf eine verminderte Empfindlichkeit der Sinneszellen im Innenohr zurück und erfordert größere Lautstärken sowohl über den Kopfhörer als auch über die Knochenschallleitung.
Elektrische Reaktionsaudiometrie
Bei der objektiven Hörprüfung (Elektrische Reaktionsaudiometrie) werden Gehirnaktivitäten gemessen, die durch Hörreize ausgelöst und deren elektrische Spuren an der Stirn und Kopfoberfläche registriert werden können. Diese messbaren Aktivitäten bezeichnet man als "akustisch evozierte Potenziale". Dadurch, dass keine Bestätigung des Höreindrucks durch den Patienten erforderlich ist, gilt diese Untersuchung als objektives Verfahren.
Besonders bei Kindern und bei Patienten, bei denen die notwendige Mitarbeit für eine Tonschwellen-Audiometrie unter Umständen nicht gewährleistet ist, erlaubt diese Untersuchung eine weitere Unterscheidung von Hörstörungen.
Bei der Messung von so genannten otoakustischen Emissionen handelt es sich um eine weitere Methode, die zur Durchführung eines Hör-Screenings bei Säuglingen angewandt wird. Bei dieser Messung wird das Innenohr mittels eines Schallreizes stimuliert. Bei der Schallverarbeitung im Innenohr kommt es zum Zusammenziehen der so genannten äußeren Haarzellen.
Als "Nebenprodukt" dieser Schallverstärkung durch die äußeren Haarzellen erfolgt eine aktive Schallaussendung in Richtung Trommelfell, die als otoakustische Emissionen im Gehörgang gemessen werden können. Diese Emissionen sind damit an die Funktionsfähigkeit der äußeren Haarzellen gebunden und nicht mehr nachweisbar, wenn die äußeren Haarzellen bei einer Innenohrschädigung nicht mehr funktionsfähig sind.
Sprach-Audiometrie
Bei der Sprach-Audiometrie wird überprüft, wie viele der angebotenen Wörter (Zahlen oder Einsilber) oder Sätze vom Patienten über Kopfhörer an einem Ohr oder Lautsprecher mit beiden Ohren im freien Schallfeld richtig gehört werden.
Bei der Prüfung des Hörverlustes für Zahlen (Zahlentest) dienen als Testwörter mehrsilbige Zahlen, von denen 50 Prozent verstanden werden müssen. Verglichen wird jene Lautstärke, bei der ein Patient 50 Prozent versteht, mit der von Normalhörenden.
Die Prüfung der Sprachverständlichkeit (Einsilber) beschreibt, bei welcher Lautstärke 100 Prozent der einsilbigen Wörter verstanden werden. Auch hier wird die Lautstärkenerhöhung beim Patienten mit der normalen Lautstärke Gesunder verglichen.
Stapedius-Reflexmessung
Bei der so genannten Stapedius-Reflexmessung wird die Beweglichkeit des Steigbügels getestet. Diese Untersuchung kann zeigen, dass der Steigbügel als letzter Teil der Gehörknöchelchen-Kette unbeweglich am Übergang zum Innenohr festgewachsen ist, was zu einer Schallleitungs-Schwerhörigkeit führt.
Wie wird der Gleichgewichtssinn überprüft?
Das Gleichgewichtsorgan, der Vestibularapparat, befindet sich direkt neben dem Hörorgan.
Seine Funktionsfähigkeit wird daran gemessen, ob man durch bestimmte Reize unwillkürliche schnelle Augenbewegungen auslösen kann.
Lassen sich durch diese Reize keine oder nicht die natürlichen, sondern krankhafte Augenbewegungen auslösen, deutet dies auf eine Störung des Gleichgewichtsorgans hin.
Gleichgewichtsprüfungen finden in der Regel in einem abgedunkelten Raum statt, und der Patient trägt eine mit Vergrößerungsgläsern und Leuchtlampe ausgestattete Brille, damit der Untersucher die Augenbewegungen genau erkennen und verfolgen kann.
So versucht man, die unwillkürlichen (nicht willentlich beeinflussbaren) schnellen Augenbewegungen auszulösen durch
- Eine Drehprüfung (rotatorische Prüfung): Der Patient sitzt auf einem Stuhl, der sich dreht. Während der Drehbeschleunigung erfolgen normalerweise unwillkürliche Augenbewegungen in die Drehrichtung, bei plötzlichem Abbremsen für ca. 20 bis 50 Sekunden in die entgegengesetzte Richtung.
- Eine thermische Prüfung: Der äußere Gehörgang wird mit kaltem oder warmem Wasser gespült. Normalerweise schlagen die Augenbewegungen zur jeweils wärmeren Seite.
- Eine galvanische Prüfung (Auslösung durch Reizstrom)
- Eine mechanische Prüfung (Auslösung mittels Druckluft)
- Eine optokinetische Prüfung (Test auf durch Bewegung großer optischer Reize auslösbare Augenbewegungen)
Literatur/Leitlinien/EBM:
Arnold, W.; Ganzer, U.; Largiader, F.; Sturm, A.; Wicki, O.: Checkliste Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Thieme (4.Aufl. 2005).
Boenninghaus, H.G.; Lenarz, T.: Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. Springer (12.Aufl. 2004).
Probst, R.; Grevers, G.; Iro, H.: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Thieme (2.Aufl. 2004).
Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)
Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie: Periphere Hörstörungen im Kindesalter. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 049/010. (Erstellung: 2005).
http://www.uni-duesseldorf.de/AWMF


