Cluster-Kopfschmerz
(Bing-Horton-Syndrom)
Cluster-Kopfschmerz - was ist das?
Der Cluster-Kopfschmerz ist durch schwere Schmerzattacken, die 15 bis 90 Minuten dauern, gekennzeichnet. Die Attacken sind immer einseitig und wechseln fast nie die Seite. Der Hauptschmerz liegt hinter den Augen, im Bereich der Stirn und der Schläfenregion. Cluster ist das englische Wort für Haufen: Die Kopfschmerzanfälle treten mehrfach täglich auf und sind auch jahreszeitlich gehäuft. Die meisten Kopfschmerzanfälle kommen im Frühjahr oder im Herbst vor. Zwischen Phasen mit häufigen Schmerzattacken befinden sich längere beschwerdefreie Intervalle.
In vielen Fällen beginnen die Anfälle nachts zwischen ein und drei Uhr aus dem Schlaf heraus.
Der Cluster-Kopfschmerz ist insgesamt recht selten, Männer sind etwa fünfmal häufiger betroffen als Frauen. Die Erkrankung tritt meistens erstmals zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr auf.
Die Schmerzintensität ist fast unerträglich und wird oft als bohrend und stechend, "wie ein brennendes Messer" beschrieben. Nichtbetroffene können sich so starke Kopfschmerzen oft nicht vorstellen, so dass die Erkrankten häufig auf Unverständnis stoßen. Während einer Kopfschmerzattacke können die Betroffenen nicht ruhig liegen, laufen herum, bewegen rhythmisch ihren Oberkörper oder schlagen sogar aus Verzweiflung mit dem Kopf gegen die Wand, um die Schmerzen zu stoppen.
Typisch sind Begleiterscheinungen wie Augentränen, ein gerötetes Auge, Nasenlaufen oder ein hängendes Augenlid. Gelegentlich tritt eine Rötung auf der betroffenen Gesichtsseite auf.
Wie entsteht der Cluster-Kopfschmerz?
Die Ursache des Cluster-Kopfschmerzes ist noch nicht vollständig geklärt. Eine Schlüsselfunktion bei der Entstehung der Attacken kommt wahrscheinlich dem so genannten Hypothalamus zu. Dabei handelt es sich um eine Region des Gehirns, die für die Steuerung von unwillkürlichen Prozessen, wie Kreislauf, Atmung, Schlaf-Wach-Rhythmus oder Sexualfunktion zuständig ist. Nachdem diese Gehirnregion aktiviert wurde, kommt es zu einer Entzündung eines der großen Blutgefäße im Gehirn. Im Bereich dieses Blutgefäßes liegen auf engstem Raum gebündelt Nervenfasern, die die Augenlider, die Augenhöhle und das Gesicht versorgen. Diese werden durch die Entzündung mit gereizt. In manchen Familien treten Cluster-Anfälle bei mehreren Personen auf, so dass auch eine erbliche Komponente diskutiert wird.
In Cluster-Phasen können typische Auslöser eine Attacke hervorrufen. Der bekannteste ist Alkohol, besonders, wenn nur geringe Mengen getrunken werden. Weitere Auslöser sind bestimmte Medikamente, die gegen Herzbeschwerden oder Bluthochdruck eingenommen werden. Manchmal kann auch blendendes Licht eine Kopfschmerzattacke bewirken. Manche Patienten kennen auch persönliche Auslöser, wie Wetterwechsel oder Reisen in andere Zeitzonen.
Während der schmerzfreien Phasen bewirken diese Faktoren typischerweise keine Kopfschmerzanfälle.
Wie wird die Diagnose gestellt?
Die Schilderung der typischen Symptome des Cluster-Kopfschmerzes führt zur richtigen Diagnose. Dennoch dauert es in vielen Fällen sehr lange, bis die Diagnose feststeht. Das liegt zum Teil daran, dass die Erkrankung sehr selten ist. Zum anderen bleiben dem Arzt manche richtungweisende Begleitsymptome verborgen, da solche Beschwerden wie ein hängendes Augenlid oder eine Gesichtsrötung bei Vorstellung der Patienten oft schon wieder abgeklungen sind, und die Betroffenen sie selbst nicht wahrnehmen.
Um die Diagnose zu sichern, ist die genaue Beschreibung der Symptomatik und die vollständige Untersuchung durch einen Neurologen von großer Bedeutung. In einzelnen Fällen wird in der Arztpraxis eine Kopfschmerzattacke durch eines der auslösenden Medikamente herbeigeführt. Diese kann dann natürlich auch sofort behandelt und behoben werden.
Weitere Untersuchungsverfahren sind erforderlich, wenn es sich nicht um einen typischen Cluster-Kopfschmerz handelt, zum Beispiel wenn die Kopfschmerzen erstmalig in einem untypischen Lebensalter auftreten, oder wenn sich lange bestehende Beschwerden plötzlich verändern oder neue Begleiterscheinungen wie Lähmungen, Gefühlsstörungen oder Gedächtnisstörungen hinzukommen.
In diesen Fällen ist die Durchführung einer Kernspin- oder Computertomografie zur Abgrenzung anderer Ursachen für die Kopfschmerzen hilfreich. Bei Cluster-Kopfschmerzen lassen sich in diesen Schichtaufnahmen keine Auffälligkeiten im Schädelinneren feststellen. Eine Hals-Nasen-Ohren-ärztliche Untersuchung oder der Besuch beim Augenarzt kann ebenfalls zum Ausschluss einer anderen Ursache der Beschwerden sinnvoll sein.
Gibt es verschiedene Formen von Cluster-Kopfschmerzen?
Man unterscheidet die geschilderte episodische Form mit dem Auftreten von anfallsfreien Phasen von einem chronischen Cluster-Kopfschmerz. Bei der chronischen Form des Cluster-Kopfschmerzes treten die Kopfschmerzanfälle über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr ohne längere Pausen auf.
Manchmal besteht von Anfang an eine chronische Verlaufsform. Aus einem episodischen Cluster-Kopfschmerz kann sich aber auch eine chronische Form entwickeln.
Wie sieht eine Behandlung aus?
Da die Ursachen für Cluster-Kopfschmerzen nicht vollständig bekannt sind, ist eine Heilung der Erkrankung bisher nicht möglich. In der überwiegenden Mehrheit kann den Betroffenen heute jedoch gut geholfen werden. Dabei wird die Behandlung immer individuell auf den einzelnen Erkrankten zugeschnitten.
Während eines Schmerzanfalls kommen besonders Medikamente zum Einsatz, die auch gegen Migräne eingesetzt werden. Diese Medikamente wirken verengend auf die entzündlich erweiterten Blutgefäße, verengen aber auch andere Blutgefäße stark und können dadurch auch zu Nebenwirkungen mit Durchblutungsstörungen der Hände und der Füße, aber auch des Herzmuskels führen. Es steht auch ein Medikament als Injektion zur Verfügung, die sich der Patient bei Bedarf selbst unter die Haut spritzen kann. Nach der Injektion tritt die Wirkung rasch ein; bei den meisten Betroffenen verschwinden die Beschwerden innerhalb von fünf bis zwanzig Minuten.
Die einzelne Cluster-Attacke wird auch mit der Inhalation von reinem Sauerstoff therapiert. Diese Behandlung ist bei vielen Patienten mit episodischem Cluster-Kopfschmerz hochwirksam, wenn sie frühzeitig eingesetzt wird. Der Patient sollte dabei vorne übergebeugt sitzen und den Sauerstoff für 15 Minuten einatmen. Wahrscheinlich beruht die Wirkung ebenfalls auf einer Verengung des entzündeten Blutgefäßes. Sauerstoff wirkt nicht bei allen Patienten, da er aber sehr gut verträglich und bei der beschriebenen kurzfristigen Anwendung praktisch frei von Nebenwirkungen ist, sollte die Therapie in jedem Fall versucht werden. Bei guter Wirksamkeit können Sauerstoffgeräte für zu Hause sowie transportable Sauerstoff-Flaschen verordnet werden.
Bei einem deutlich geringeren Teil der Betroffenen ist die Verabreichung eines örtlichen Betäubungsmittels in die Nase wirksam. Ein Vorteil dieser Methode ist, dass sich das Medikament (anders als Sauerstoff) gut mit sich führen lässt, und dass die Nebenwirkungen deutlich geringer sind als bei den Migräne-Medikamenten.
Kann man Cluster-Kopfschmerzen vorbeugen?
Es gibt keine Therapieform, die eine dauerhafte Schmerzfreiheit bei Cluster-Kopfschmerzen erreichen kann. Eine vorbeugende Behandlung ist aber möglich. Ziel ist, in den Kopfschmerzphasen durch die regelmäßige Einnahme von Medikamenten die Anfallshäufigkeit und die Länge der Kopfschmerzattacke zu reduzieren. Ein guter Therapieerfolg ist eine Verminderung der Anfälle in Häufigkeit und Schweregrad um 50 Prozent.
Verschiedene Medikamente mit bestimmten Wirkstoffen, die ansonsten bei Herzbeschwerden, Migräne und bei rheumatischen Beschwerden Anwendung finden oder aber auch kortisonhaltige Medikamente, können das Auftreten der Cluster-Kopfschmerzen reduzieren oder ganz verhindern. Allerdings sind auch hier die Nebenwirkungen zu beachten.
Auch Arzneimittel gegen epileptische Krampfanfälle können in einigen Fällen eine Verminderung der Cluster-Anfälle bewirken. Sie werden besonders dann eingesetzt, wenn mit anderen Wirkstoffen keine ausreichende Wirkung erzielt werden konnte. Das gilt auch für bestimmte Psychopharmaka. Auf keinen Fall bedeutet der Einsatz dieser Medikamente, dass die Kopfschmerzen psychisch bedingt sind, oder dass der Betroffene sich die Beschwerden nur einbildet.
Manchmal müssen auch verschiedene Medikamente versucht werden, bis eines mit ausreichender Wirkung bei vertretbaren Nebenwirkungen gefunden wird. Nicht jedes Medikament ist bei jedem Patienten gleichermaßen erfolgreich und gut verträglich.
Da Alkohol, bestimmte Medikamente, bei manchen Betroffenen auch Nikotin und helles, blendendes Licht Kopfschmerzattacken hervorrufen können, sollte man diese Auslöser zumindest in den aktiven Cluster-Phasen meiden. Möglicherweise hilft auch schon eine dunkle Sonnenbrille.
Welche Therapieversuche sind unwirksam?
Weder rezeptfreie noch verschreibungspflichtige Schmerzmittel sind bei Cluster-Kopfschmerzen ausreichend wirksam. Das liegt vor allem daran, dass die Medikamente als Tabletten eingenommen werden und so bis zur Wirkung einige Zeit vergeht. Da die einzelnen Kopfschmerzattacken oft nicht lange andauern, kann der Betroffene im Einzelfall meist nicht sagen, ob das Medikament gewirkt hat oder ob die Schmerzen von allein aufgehört haben.
Anders als bei anderen Kopfschmerzformen haben sich krankengymnastische Übungen, das Erlernen von Entspannungsverfahren, Stressbewältigungstechniken und ähnliche Verfahren nicht als wirkungsvoll erwiesen. Auch der Einsatz alternativer Therapiemaßnahmen, wie die Akupunktur, die Neuraltherapie, das Biofeedback, Massagen, die Manualtherapie oder die elektrische Nervenstimulation über Hautelektronen (so genannte TENS-Therapie), ist beim Cluster-Kopfschmerz in der Regel wirkungslos. Auch operative Verfahren führen nicht zu einer Besserung der Beschwerden.
Literatur/Leitlinien/EBM:
Grehl, H. et al: Checkliste Neurologie. Thieme (2.Aufl. 2002).
Gleixner, C.; Müller, M.; Wirth, S.-W.: Neurologie und Psychiatrie. Medizinische Verlags- und Informationsdienste (4.Aufl. 2004).
Klingelhöfer, J.; Rentrop, M.: Klinikleitfaden Neurologie/Psychiatrie. Urban & Fischer (3.Aufl. 2003).
Schockenhoff, B.: Spezielle Schmerztherapie. Urban & Fischer (2.Aufl. 2002).
Zenz, M.; Jurna, I.: Lehrbuch der Schmerztherapie. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (2.Aufl. 2001).


