Ihre Suche

Augenschäden bei Zuckerkrankheit



(Retinopathie, diabetische; Makulopathie, diabetische)


Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Zuckerkrankheit und Sehstörungen?


Die Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) ist eine der schwerwiegendsten und häufigsten chronischen Krankheiten in den Industrienationen. Etwa acht von hundert Menschen sind davon betroffen, wobei die Zahlenangaben etwas variieren. Der Diabetes mellitus ist eine Stoffwechselstörungen, der der der Körper den Blutzuckerspiegel nicht in den richtigen Schranken halten kann. Das hat Folgen an der verschiedensten Organen des Körpers: Bei dauerhaft erhöhtem Blutzuckerspiegel werden vor allem kleine Blutgefäße geschädigt, und die Durchblutung im gesamten Kreislauf verschlechtert sich. Langfristig führt dies unter anderem zu Schäden an den Nieren, den Nerven, am Herz-Kreislauf-System und am Gehirn.

Auch im Auge stellen sich Folgeerscheinungen der Blutzuckererhöhung ein, die bis zur völligen Blindheit führen können. Zuckerschäden im Auge zählen in den entwickelten Ländern zu den häufigsten Ursachen der Erblindung. Ist eine Sehverschlechterung bereits eingetreten, gilt es alles zu tun, um die Selbstversorgung und möglichst die Arbeitsfähigkeit des Betroffenen zu erhalten. Außerdem muss man versuchen, ein weiteres Fortschreiten der Krankheit zu vermeiden. Am wichtigsten ist jedoch die Vorbeugung, denn durch eine optimale medikamentöse Einstellung des Blutzuckers lassen sich schwere Sehverschlechterungen vermeiden.

Welche Folgeschäden der Zuckerkrankheit treten am Auge ein?


Am Auge ist in erster Linie die Netzhaut von einer Zuckerkrankheit betroffen. Dieses auch Retina genannte Gewebe hat eine herausragende Bedeutung für die Sehfähigkeit. Sie ist die Stelle des Auges, in der die von der Hornhaut und Augenlinse entworfenen Bilder der Außenwelt in Nervenimpulse übersetzt werden, die das Gehirn zu einem Seheindruck verarbeitet.

Ein erhöhter Blutzucker schädigt die kleinen Blutgefäße, welche die Netzhaut mit Nährstoffen versorgen. Dies hat zur Folge, dass die Retina letztlich ihre Fähigkeit verliert, Lichtreize in Nervenimpulse umzusetzen.

Man unterscheidet drei Formen der diabetischen Netzhauterkrankung:

Netzhautveränderungen ohne Gefäßneubildungen (nicht-proliferative diabetische Retinopathie)
Bei dieser Form beschränken sich die Gefäßveränderungen auf die Netzhaut. Es kommt zu kleinen Aussackungen der Arterienwände (Mikroaneurysmen), zu Venenveränderungen, zu Blutungen und Ablagerungen an der Retina. Die Sehminderung aufgrund dieser Schädigungen ist anfangs schleichend und wird vom Patienten nicht sofort wahrgenommen. Das liegt unter anderem daran, dass die Verschlechterung im einen Auge oft durch das andere Auge ausgeglichen wird.

Netzhautveränderungen mit Bildung neuer Gefäße (proliferative diabetische Retinopathie)
Schreitet die Netzhautschädigung fort, bilden sich neue, sehr bauchige Gefäße an der Netzhaut. Sie wachsen in das Innere des Auges, den Glaskörper, ein und führen dort häufig zu Blutungen. Diese Blutungen beeinträchtigen das Sehvermögen erheblich. Gleichzeitig setzen Vernarbungen ein, welche die Netzhaut von ihrer Unterlage abziehen können. Man nennt diesen Prozess Netzhautablösung (Ablatio retinae), bei der die Sehfähigkeit manchmal nicht mehr zu retten ist.

Schwellung der Netzhautmitte mit Sehverschlechterung (diabetische Makulopathie)
In der Mitte der Netzhaut liegt der so genannte gelbe Fleck (Makula). Dies ist die Stelle des schärfsten Sehens. Kommt es hier zu Flüssigkeitseinlagerungen sieht der Betroffene unscharf. Dies lässt sich auch durch eine stärkere Brille nicht zufriedenstellend ausgleichen. Im weiteren Verlauf kann dann die gesamte Sehfähigkeit verloren gehen.

Neben diesen drei typischen Netzhautveränderungen kann die Zuckerkrankheit noch zahlreichen weiteren Veränderungen am Auge hervorrufen. Bei starken Blutzuckerschwankungen variiert das Sehvermögen kurzfristig mitunter erheblich, was mit Änderungen der optischen Brechungsverhältnisse aufgrund der wechselnden Blutzuckerkonzentration im Auge zusammenhängt. Diese Störungen bilden sich zwar vollständig zurück, bergen aber im Straßenverkehr große Risiken. Hierüber sollte man mit dem Augenarzt sprechen.

Bei manchen Diabetikern steigt der Augeninnendruck schmerzhaft an. Diese Glaukom oder grüner Star genannte Krankheit macht im schlimmsten Fall sogar die Entfernung des Auges erforderlich. Linsentrübungen (Katarakt, grauer Star) und Hornhautschäden treten im Zusammenhang mit der Zuckerkrankheit ebenfalls überdurchschnittlich oft auf.

Insgesamt ist das Erblindungs-Risiko für Blutzuckerpatienten (Diabetiker) 10- bis 20-mal größer als für Stoffwechselgesunde. Die Hälfte aller Patienten leidet bereits nach zehn Erkrankungsjahren unter Folgeschäden am Auge, nach 20 Jahren liegt die Rate bei über 90 Prozent. Im Einzelfall ist der Verlauf jedoch nicht genau vorhersehbar und vom Patienten nicht selbst festzustellen. Hier hilft nur eine regelmäßige Vorsorge durch den Augenarzt.

Welche Untersuchungen werden vom Augenarzt durchgeführt?


Stellt der Arzt einen erhöhten Blutzucker fest, muss jeder Patient unverzüglich zur Augenuntersuchung. Dabei wird der Augenarzt die Sehschärfe bestimmen, den Augeninnendruck messen, den vorderen Teil des Auges untersuchen und vor allem den Augenhintergrund, also die Netzhaut beurteilen.

Um besser ins Auge schauen zu können, erweitert er die Pupille mit speziellen Tropfen. Mit dem Augenspiegel oder der Spaltlampe kann der Augenarzt den Augenhintergrund genau untersuchen: Besonderes Augenmerk zur Früherkennung von Blutzucker bedingten Augenschäden gilt dem Sehnervenkopf, der Netzhautmitte und den Blutgefäßen. Einzelheiten betrachtet der Augenarzt räumlich unter hoher Vergrößerung.

Aufgrund der Pupillenerweiterung sieht der Patient nach der Untersuchung vorübergehend verschwommen. Er sollte sich deshalb nach dem Arztbesuch von einer Begleitperson nach Hause fahren lassen.

Liegt eine (drohende) Sehverschlechterung vor, wird oft eine spezielle Untersuchung der Netzhautdurchblutung erforderlich (Fluoreszenzangiografie, FAG). Dabei spritzt man einen Farbstoff (Fluoreszein) in eine Armvene, der sich dann in den Gefäßen des Körpers und des Auges verteilt. Die Durchblutung der Netzhautgefäße wird dann mit einer Kamera festgehalten, so dass Undichtigkeiten, krankhafte Gefäße und Netzhautverdickungen sofort auffallen. Die Farbstoffuntersuchung wird um den Behandlungserfolg zu sichern und zur weiteren Kontrolle meist wiederholt. Über mögliche Unverträglichkeiten und Risiken klärt der Arzt den Patienten auf.

In manchen Fällen können Untersuchungen des Farbensehens, des Gesichtsfeldes und vieles mehr erforderlich sein, um den Verlauf der Erkrankung zu überwachen, andere Augenkrankheiten früh zu entdecken, und Seheinschränkungen zu dokumentieren. Dies ist unter anderem die Voraussetzung für die Gewährung von Behindertenvergünstigungen oder Blindengeld.

Wie können Blutzucker bedingte Netzhautschäden behandelt werden?


Die wichtigste Vorbeugung von Netzhautschäden und Erblindung ist die Behandlung der Grunderkrankung, der Blutzuckererhöhung. Starke Schwankungen des Blutzuckerspiegels sind für die Versorgung der Netzhaut nachteilig.

Ein frühzeitig sehr gut eingestellter Diabetes mellitus ist der beste Schutz vor einer Erblindung. Allerdings kann auch bei optimal therapiertem Blutzucker die diabetische Netzhauterkrankung fortschreiten, was die dringende Notwendigkeit der regelmäßigen augenärztlichen Überwachung unterstreicht.

Begleiterkrankungen, wie ein erhöhter Blutdruck (arterielle Hypertonie), behandelt der Arzt mit, da diese zu diabetischen Augenschädigungen beitragen. Das gilt auch für andere Herz-Kreislauf-Risikofaktoren (z. B. Übergewicht, Rauchen, erhöhte Blutfette, Bewegungsmangel).

Behandlung mit Laserlicht
Die einzige Möglichkeit, eine bereits fortgeschrittene diabetische Retinopathie zu behandeln, ist die gezielte Verödung der Netzhaut mit Laserlicht, abgestimmt auf die Schwere der Netzhautveränderungen. In den meisten Fällen lässt sich durch die wiederholte Behandlung mit Laserlicht die Durchblutung der Netzhaut stabilisieren, so dass weitergehende, schwere Schäden vermieden werden. Der Augenarzt führt diese Behandlung in Tropfenbetäubung ambulant in seiner Praxis einmal oder mehrmals durch.

Die Laserbehandlung selbst beeinträchtigt je nach Art und Ausmaß der Anwendung das Sehen , weil Teile der Retina zerstört werden. Weitere Risiken umfassen Netz- und Aderhautschwellung, Beeinträchtigung des Dämmerungs- und des Farbensehens. Dies ist im Vergleich zu einer drohenden schweren Sehverschlechterung oder Erblindung im Regelfall aber uneingeschränkt vertretbar.

Wenn die Schäden an der Netzhaut gering sind, nicht fortschreiten und somit das Sehen nicht gefährden, verzichtet man auf eine Laserbehandlung. Entscheidend sind dann regelmäßige augenärztliche Kontrollen, um den Übergang in ein behandlungsbedürftiges Stadium der diabetischen Netzhauterkrankung rechtzeitig zu erkennen. .

Operation mit Entfernung des Glaskörpers (Vitrektomie)
Bei einer schweren proliferativen Retinopathie mit bereits eingetretenen Blutungen und Gefäßeinsprossung in den Glaskörper des Auges lässt es sich nicht vermeiden, diesen operativ zu entfernen. Dadurch werden der Reiz zur Bildung krankhafter Gefäße im Augeninneren vermindert und Trübungen aus dem Augeninneren entfernt, wodurch sich das Sehen in einigen Fällen wieder bessern kann. Eine eventuell abgelöste Netzhaut legt der Arzt im Rahmen des Eingriffs wieder an.

Ist eine Linsentrübung aufgetreten, muss - nicht zuletzt um den Augenhintergrund gut einsehen, überwachen oder mit Laserlicht behandeln zu können - operativ eine Kunstlinse eingesetzt werden.

Bei einer Augeninnendruck-Steigerung können drucksenkende Operationen nötig werden. In einzelnen Fällen kann eine dauerhafte Spritzenbetäubung des Augapfels oder seine Entfernung zur Schmerzstillung erforderlich sein.

Schulmedizinisch nicht gesicherte Behandlung
Verschiedene Behandlungen werden praktiziert, ohne dass bislang ein günstiges Wirksamkeits-Risiko-Verhältnis wissenschaftlich bewiesen ist. Die Behandlung mit Wirkstoffen, die erkrankte Gefäße abdichten sollen, oder mit pflanzlichen Präparaten, die die Fließfähigkeit des Blutes verbessern sollen, zählen ebenso dazu wie Verfahren der Blutwäsche, Akupunktur und vieles mehr.
Aus schulmedizinischer Sicht muss man Patienten raten, zu warten, bis geeignete Studienergebnisse vorliegen. Ohne gesicherte wissenschaftliche Ergebnisse sollte man die Risiken und Kosten einer ungesicherten Behandlung nicht eingehen.

Welche praktischen Tipps kann der Blutzuckerpatient befolgen?


Nur durch die Früherkennung zuckerbedingter Veränderungen am Auge kann einer Verschlechterung des Sehvermögens und einer drohenden Erblindung vorgebeugt werden. Liegen in der Netzhaut erst einmal eine größere Anzahl von krankhaften Gefäßen, Netzhautblutungen oder Venenveränderungen vor, so ist das Fortschreiten dieser Erkrankung vorprogrammiert.

Leider nehmen nur etwa 20 Prozent der Diabetiker regelmäßig Früherkennungsuntersuchungen durch den Augenarzt wahr, deren Ziel darin besteht, die beschriebenen Komplikationen und eine Operationen zu vermeiden.

Eine augenärztliche Untersuchung sollte erfolgen:

  • grundsätzlich bei der Erstdiagnose "Blutzuckererhöhung"
  • wenigstens einmal jährlich nach der Diagnose
  • alle drei bis sechs Monate, wenn Sehverschlechterungen eingetreten sind
  • außerplanmäßig sobald neue Sehverschlechterungen eintreten
  • bei jüngeren Diabetikern nach besonderen Regeln, z. B. in der Pubertät, vor und während der Schwangerschaft
  • bei Umstellungen der Zucker senkenden Behandlung mit Tabletten oder Insulin
  • allgemein nach Maßgabe des behandelnden Augenarztes
Praktische Hilfe leistet ein Diabetiker-Pass, in den alle bisherigen und geplanten Untersuchungen eingetragen werden.

Impressum


Copyright: sanvartis GmbH
Erstellungsdatum: Juli 2000
Autor: Anja Gertner (Krankenschwester)
Letzte Aktualisierung: Juni 2005
Durch: Ulrich Kraft (Arzt)

Literatur/Leitlinien/EBM:


Wolff, H.P.: Internistische Therapie. Urban & Fischer (13. Auflage 2000/2001).

Behandlungsleitlinie "Diabetische Retinopathie" Berufsverband der Augenärzte. http://www.augeninfo.de/leit/leit20.htm (1998).

Berger: Diabetes mellitus. Urban & Fischer (2000).

Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag (2004).

Harrison, T. R.: Harrisons Innere Medizin. ABW Wissenschaftsverlag (2003).

Bundesärztekammer: Nationale Versorgungs-Leitlinie Diabetes mellitus Typ 2 (April 2003).

Bundesministerium für Gesundheit und Soziales (BMGS):
Vierte Verordnung zur Änderung der Risikostruktur-Ausgleichsverordnung (RSAV),
Anlagen 1 und 2b: Anforderung an strukturierte Behandlungsprogramme für Diabetes mellitus Typ 2 (2003).

AWMF-Leitlinien: Leitlinien der Deutschen Diabetes-Gesellschaft: Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle der diabetischen Retinopathie und Makulopathie (057/006K) Mai 2002

AWMF-Leitlinien: Leitlinien der Deutschen Diabetes-Gesellschaft: Therapieziele und Behandlungsstrategien beim Diabetes mellitus (057/011K) Mai 2002

AWMF-Leitlinien: Leitlinien der Deutschen Diabetes-Gesellschaft: Definition, Klassifikation und Diagnostik des Diabetes mellitus (057/002K) Mai 2002

AWMF-Leitlinien: Leitlinien der Deutschen Diabetes-Gesellschaft: Behandlung des Typ 1 Diabetes (057/013K) Mai 2002

AWMF-Leitlinien: Leitlinien der Deutschen Diabetes-Gesellschaft: Diabetes Mellitus Typ 2 (057/012K) Mai 2002

Lichtenauer U. D.: Die diabetischen Folgeerkrankungen. Der Internist 44, 840-852 (2003).
Anzeige
Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen Diese Seite zu del.icio.us hinzufügen
Anzeige
Anzeige
Anzeige