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Autismus, frühkindlicher




Was versteht man unter frühkindlichem Autismus?


Beim frühkindlichen Autismus ist die kindliche Entwicklung tiefgreifend beeinflusst. Insbesondere das Verhalten im Kontakt mit anderen Menschen und die Fähigkeit zur Kommunikation sind beeinträchtigt. Zudem zeigen die Kinder ungewöhnliche, meist sehr eingeschränkte, sich ständig wiederholende Verhaltensmuster und Aktivitäten. Ihre Interessen sind zumeist auf bestimmte Gegenstände und nicht auf Menschen gerichtet.

Das Wort "Autismus", das aus dem Griechischen (autos = für sich selbst) stammt, beschreibt die Hauptsymptomatik: die Isolation bzw. die Selbstbezogenheit auf die eigene Person. Autistische Kinder wirken oft, als ob sie nicht in dieser Welt und im Austausch mit anderen lebten, sondern im eigenen Ich gefangen seien. Man geht jedoch davon aus, dass diese Kinder Kontakt zu ihrer Umwelt aufnehmen, allerdings auf eine andere, ihnen eigene Art und Weise.

Welche Symptome treten auf?


Wissenschaftliche Erkenntnisse haben gezeigt, dass der frühkindliche Autismus mit vielen verschiedenen möglichen Symptomen einhergehen kann. Kennzeichnend für die Erkrankung ist, dass die Symptome vor dem dritten Lebensjahr auftreten.

In jedem Fall finden sich Beeinträchtigungen im Umgang mit anderen Menschen. Die Kinder nehmen von sich aus keinen Kontakt zu Gleichaltrigen auf oder teilen gemeinsame Interessen und Aktivitäten. Sie äußern ihre Gefühle kaum und zeigen anderen gegenüber wenig Zuneigung und Zärtlichkeit. Sie suchen auch selten Menschen auf, um selbst Trost zu erhalten. Körperkontakt lehnen die Kinder meist ab. Stattdessen bevorzugen sie Erfahrungen durch Riechen, Tasten oder Mundkontakt.

Autistischen Kindern fehlen die Möglichkeiten, Signale anderer, z. B. den Ausdruck von Freude oder Trauer, richtig einzuschätzen und darauf zu reagieren. Ebenso sind sie von sich aus nicht in der Lage, Blickkontakt aufzunehmen und Mimik, Gestik und Körperhaltung gezielt einzusetzen. Diese Form der Abkapselung von anderen Menschen ist häufig schon im ersten Lebensjahr erkennbar. Das Kind antwortet dem Blick der Mutter nicht mit einem Lächeln, es streckt ihr nicht die Ärmchen entgegen, wenn sie es aufnehmen will. Ganz im Gegenteil nehmen autistische Kinder häufig keine Notiz von den Eltern. In sozialen Beziehungen zeigt sich also insgesamt eine starke Konzentration auf die eigene Person - ein Verhalten, das für die Eltern sehr belastend ist, da es ihnen kaum gelingt, Kontakt zu ihrem Kind aufzubauen.

Weitere Schwierigkeiten treten bei der Kommunikation auf. Die Hälfte der Kinder spricht gar nicht und versucht auch nicht, diese Beeinträchtigung durch andere Kommunikationsformen (z. B. Gestik oder Mimik) auszugleichen. Bei den Kindern, die sprechen lernen, setzt die Entwicklung in der Regel verspätet ein und ist durch häufiges Wiederholen einzelner Wörter ohne konkreten Zusammenhang und durch Worte, die neu erfunden werden, gekennzeichnet. Autistische Kinder verfügen nur eingeschränkt über die Fähigkeit, ein Gespräch zu beginnen und weiterzuführen. Lautäußerungen dienen hier eher nicht dem gegenseitigen Austausch, sondern wirken häufig wie ein Spiel, mit dem das Kind sich selbst beschäftigt. Große Schwierigkeiten haben die Kinder mit dem Gebrauch des Wortes "Ich". Dieses wird entweder sehr spät oder gar nicht verwendet. Stattdessen sagen einige "Du", wenn "Ich" gemeint ist.

Wenn autistische Kinder spielen, fehlt sehr häufig das für Kinder sonst typische Imitieren anderer Personen und pantomimische Darstellungen. Sie verbringen keine Zeit mit so genannten "So-tun-als-ob-Spielen", z. B. eine Banane als Telefonhörer zu benutzen. Das bedeutet, Gegenstände werden nicht zweckentfremdet. Dennoch haben die Kinder ein sehr ausgeprägtes Spielverhalten. Jedes Kind entwickelt eigene, individuelle Interessen und ein enges Verhältnis zu bestimmten Gegenständen, die nicht ausgetauscht werden dürfen. So können z. B. Waschmaschinen, Murmeln oder Klötze eine große Anziehungskraft ausüben - das Interesse für diese Gegenstände ist meist sehr intensiv und bezieht sich auch häufig nur auf bestimmte oft mechanische Teile eines Objekts (z. B. eine Schraube an einem Spielzeug).

Autistische Kinder sind in ihrem Spielverhalten sehr starr. Bestimmte Handlungen werden immer wiederholt, dabei handelt es sich häufig um Körperbewegungen, wie z. B. Biegen der Finger in einer bestimmten Abfolge. Bei fortgeschrittener Entwicklung können dies auch geistige Aktivitäten sein. Dabei zeigen sie oft spezielle Begabungen; so können manche Betroffene selbst komplizierte Fahrpläne wiedergeben oder besitzen besondere Rechenfähigkeiten. Insgesamt zeigen autistische Kinder also nur eingeschränkte Interessen, die sie aber besonders beharrlich verfolgen.

Auch alltägliche Aufgaben führen sie oft auf sehr stereotype Art durch. Wichtig für die Kinder ist, dass sie in ihren Abläufen nicht gestört werden. Sie zeigen heftigen Widerstand gegenüber Veränderungen von Alltagsroutinen oder gewohnten Umgebungsbedingungen wie etwa dem Umstellen von Möbeln in der Wohnung. Auch bestehen sie darauf, dass wiederkehrende Aktivitäten immer genau gleich ausgeführt werden (z. B. dass beim Einkaufen immer derselbe Weg eingehalten wird). Änderungen können zu einer Art Verzweiflung führen, die auch selbstschädigendes Verhalten oder sich immer wiederholende Körperbewegungen wie Klopfen, Schlagen und Hüpfen auslösen kann.

Neben den genannten Auffälligkeiten zeigen autistische Kinder oft weitere Störungen. Dazu gehören unter anderem epileptische Anfälle sowie Angst-, Schlaf- und Essstörungen. So kauen sie beispielsweise nur unzureichend beim Essen oder zeigen eigentümliche Vorlieben für bestimmte Speisen. Sie essen z. B. über einen längeren Zeitraum nur Joghurt. Manchmal verschlingen sie auch nicht essbare Dinge wie Zigaretten oder Papier. Weiterhin kommt es häufig zu Wutausbrüchen und Aggressionen, insbesondere Selbstverletzungen. Dies erweckt mitunter den Eindruck, dass Autisten weniger empfindlich gegenüber Hitze, Kälte und Schmerz sind.

Entgegen früheren Vermutungen kann bei autistischen Kindern jedes Intelligenzniveau vorkommen. Etwa drei Viertel der Betroffenen sind jedoch deutlich intelligenzgemindert.

Wie häufig ist diese Erkrankung?


Frühkindlicher Autismus ist äußerst selten. Etwa 100 bis 150 Kinder erkranken pro Jahr, das sind drei bis fünf autistische Kinder pro 10.000 Neugeborene.

Untersuchungen zeigten, dass Autismus bei Jungen drei- bis viermal häufiger auftritt. Allerdings vermutet man, dass Mädchen mit autistischer Störung ein erhöhtes Risiko für eine geistige Behinderung haben.

Was sind die Ursachen für einen frühkindlichen Autismus?


Viele Jahre dachte man, Autismus würde durch Fehlverhalten der Eltern verursacht. Es wurde angenommen, dass die Eltern das Kind ablehnend behandeln und sich das Kind deshalb in seine eigene Welt zurückzieht, um sich so vor Enttäuschungen und Verletzungen zu schützen. Diese Einschätzung wurde durch die Tatsache gestützt, dass zu früheren Zeiten mit Hilfe der vorhandenen Forschungsmethoden keine neurologischen Auffälligkeiten nachzuweisen waren. Zudem sind die Kinder von ihrem äußeren Erscheinungsbild - im Gegensatz zu geistig behinderten Kindern - unauffällig, sie sehen gesund aus. Dies verstärkte den Eindruck, dass keine körperlichen Ursachen, sondern Erfahrungen und Erlebnisse der Kinder die Symptomatik bedingen.

Trotz vieler offener Fragen ist aber eines heutzutage sicher: Die Ursache einer autistischen Symptomatik ist eine Störung der Hirnentwicklung. Man spricht von einer so genannten "neuroanatomisch-neurochemischen Störung". Bisher konnte zwar noch keine eindeutige neurologische Grunderkrankung identifiziert werden, es häufen sich jedoch Einzelschicksale, die für eine angeborene oder erworbene Störung der hirnorganischen Entwicklung kurz vor oder nach der Geburt sprechen.

Dies ist eine wichtige Information zur Entlastung der Eltern und weiteren Bezugspersonen, da sie durch diese Erkenntnisse von dem Vorurteil befreit werden, sie hätten durch ihr Erziehungsverhalten die autistische Störung verursacht. Inzwischen wird eher davon ausgegangen, dass Besonderheiten im Verhalten der Eltern eher durch die autistische Störungen des Kindes bedingt sind: So wird sich bei vielen Eltern das Bemühen, mit dem Kind durch Lächeln oder Berührungen in Kontakt zu treten, reduzieren, wenn es darauf ablehnend oder sogar mit Aggressionen reagiert.

Auch eine erbliche, genetische Veranlagung von Autismus wird seit langem diskutiert. So liegt beispielsweise die Wahrscheinlichkeit, dass der eineiige Zwilling eines autistischen Kindes ebenfalls unter Autismus leidet bei etwa 95 Prozent, bei zweieiigen Zwillingen beträgt diese Wahrscheinlichkeit noch etwas über 20 Prozent. Welche Rolle dieser vermutete Anlagefaktor bei der Entstehung von Autismus spielt, ist jedoch noch nicht genau bekannt.

Dass bestimmte Verhaltensweisen autistischer Menschen von der Umwelt verstärkt, geändert oder abgeschwächt werden können, wird jedoch nicht ausgeschlossen. So können natürlich, wie bei anderen Kindern auch, bestimmte positive oder negative Lebensereignisse oder der Erziehungsstil der Eltern, kompensierenden oder schädigenden Einfluss auf die allgemeine Entwicklung und die Verhaltensprobleme haben. So zeigen beispielsweise Kinder, die von ihren Eltern extrem vernachlässigt wurden, manchmal autistische Züge wie emotionale Gleichgültigkeit und fehlende Initiative. Diese Einschränkungen gleichen sich jedoch nach intensiver Begleitung und Zuwendung meist recht schnell aus.

Biologische Faktoren scheinen bei der Entstehung von Autismus eine zentrale Rolle zu spielen. So ist z. B. die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind an Autismus erkrankt um das Zehnfache erhöht, wenn die Mutter während der Schwangerschaft an Röteln litt. Auch findet man bei autistischen Kindern häufiger eine Komplikation während der Geburt wie z. B. Sauerstoffmangel. Mit Hilfe spezieller Verfahren, die es ermöglichen, das Gehirn abzubilden, wurde festgestellt, dass bei Autisten bestimmte Hirnregionen unterentwickelt oder zu wenig durchblutet sind. Die betroffenen Hirnregionen spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Sozialverhaltens und der Sprache: Aufgrund der neurologischen Störung sollen die Kinder zum einen nicht in der Lage sein, nachvollziehen zu können, was eine andere Person denkt, glaubt oder fühlt. Zum anderen sollen sie die vielen Informationen, die man in einer sozialen Situation aufnimmt, nicht angemessen verarbeiten können. Es kommt zu einer Art Reizüberflutung. Dies führt diesem Ansatz zur Folge zur tiefgreifenden Beeinträchtigung der Entwicklung und schließlich zur autistischen Symptomatik.

Wie stellt der Arzt die Diagnose?


Die frühe Erkennung einer autistischen Störung ist von entscheidender Bedeutung, um möglichst schnell mit einer Frühförderung zu beginnen und dem Kind damit eine bestmögliche Entwicklung zu schaffen.

Tatsache ist jedoch, dass die Diagnose "Autismus" häufig erst zwei bis zweieinhalb Jahre, nachdem die Eltern erste Auffälligkeiten bemerkt haben, später gestellt wird. Bei rund 80 Prozent der Kinder, bei denen ein Autismus im Vorschulalter diagnostiziert wurde, gaben die Eltern im Nachhinein an, dass schon während des Säuglingsalters Auffälligkeiten im Sozialverhalten vorgelegen hatten. Sinnvoll ist daher, dass die Eltern mit ihren Kindern frühzeitig einen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie aufsuchen.

Kompetenzen und Defizite autistischer Kinder können bereits im frühen Vorschulalter (ab dem 24. Lebensmonat) anhand standardisierter Verfahren ermittelt werden. Die Autismusforschung sah es zudem in den neunziger Jahren als ihre wichtigste Aufgabe an, weitere Möglichkeiten zu entwickeln, um autistische Störungen schon im Säuglings- und Kleinkindalter zu erkennen.

Dem Arzt geht es zunächst darum, auffällige Verhaltensweisen des Kindes und die Entwicklung der Symptome genau zu erfassen. Er führt dazu zunächst ein offenes Gespräch mit den Eltern, indem er die Vorgeschichte und die Problematik genau erfragt. Zudem liegen für die Eltern standardisierte Fragebögen und so genannte Symptomchecklisten vor, mit Hilfe derer sich der Arzt ein differenzierteres Bild von der Symptomatik machen kann.

Wichtig ist darüber hinaus, das Verhalten des Kindes sorgfältig zu beobachten. Hier wird unter anderem geschaut, welche Worte die Kinder benutzen und ob sie die Sprache zum gegenseitigen Austausch verwenden. Der Arzt beobachtet den Blickkontakt der Kinder und ihre Gestik und prüft, ob sie in der Lage sind, gemeinsam mit einer anderen Person ihre Aufmerksamkeit auf eine Sache zu lenken, z. B. gemeinsam ein Bilderbuch zu betrachten.

Zudem führt der Arzt eine körperliche und neurologisch-psychiatrische Untersuchung durch, um mögliche andere Erkrankungen auszuschließen oder zusätzliche körperliche Grunderkrankungen zu erfassen. Schließlich werden in psychologischen Untersuchungen die Bereiche Wahrnehmung, Sozialverhalten, Sprache, Motorik und intellektuelle Fähigkeiten getestet. Diese Ergebnisse geben weiteren Aufschluss über individuelle Defizite und Kompetenzen des Kindes.

Die gesammelten Informationen helfen, die Störung genauer einzuordnen und eine optimale Therapie zu veranlassen.

Wie sieht eine Behandlung aus?


Das Ziel der Therapie des Autismus ist nicht die Heilung. Es handelt sich um eine Störung, deren Schwere und Ausprägung zwar abgeschwächt werden kann, die jedoch im Allgemeinen bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt. Es geht daher in allen zur Verfügung stehenden Verfahren vielmehr darum, unangemessene Verhaltensweisen zu vermindern sowie soziale und kommunikative Fähigkeiten aufzubauen. Das bedeutet, das Ziel der Behandlung ist es, besser mit der Symptomatik umgehen zu können. Zudem werden weitere Fertigkeiten wie z. B. Lesen und Schreiben gefördert.

Es liegen insbesondere aus der Verhaltenstherapie gute therapeutische Konzepte vor. Bei dieser Therapie geht es um eine Belohnung und damit um die Verstärkung von erwünschten Verhaltensweisen. So erhält das Kind z. B. eine Belohnung, wenn es zu anderen Menschen spontan Kontakt aufnimmt. Bei der Auswahl der Belohnung ist es wichtig, die speziellen Bedürfnisse eines autistischen Kindes zu berücksichtigen. So ist z. B. alleiniges Loben für autistische Kinder aufgrund ihrer geringen sozialen Ansprechbarkeit ungeeignet, das Spiel mit mechanischen Gegenständen stellt aber für viele Betroffene eine Belohnung dar.

Die Therapie stützt sich nicht allein auf die Diagnose "Autismus", sondern konzentriert sich nach einer eingehenden Diagnostik auf die individuellen Verhaltensprobleme des Kindes, seine Defizite und Kompetenzen. Je nach Alter der Kinder stehen verschiedene Themen im Vordergrund. In den ersten drei Lebensjahren sollen beispielsweise die Fähigkeiten zum gegenseitigen Austausch zwischen Eltern und Kind gefördert werden, im Vorschulalter zusätzlich die Beziehungen zu Gleichaltrigen. Dies ist ein besonders wichtiger Therapieschritt, denn wenn die Betroffenen Kontakt zu Gleichaltrigen aufbauen, kann dies auch hilfreich für das Erlernen weiterer Fähigkeiten sein. In den folgenden Jahren kommen schulische Fertigkeiten und Selbständigkeit hinzu.

Weiterhin ist ein grundlegendes Ziel der Therapiekonzepte, die Eltern autistischer Kinder in die Behandlung mit einzubeziehen. Dazu gehört zum einen die ausführliche Aufklärung über die Erkrankung - insbesondere auch, um den Eltern das Gefühl zu nehmen, sie seien schuld an der Erkrankung ihres Kindes. Andererseits werden die Eltern darin geschult, ihre Kinder quasi als Co-Therapeuten im häuslichen Umfeld zu fördern. Dies ist von entscheidender Bedeutung, da das größte Problem der Therapie ist, die ersten Fortschritte und Erfolge auf die häusliche natürliche Umwelt des Kindes zu übertragen.

Daher ist es wichtig, dass die Kinder, die z. B. gelernt haben, Blickkontakt zum Therapeuten aufzunehmen, dies auch auf andere Beziehungen übertragen. Eltern und weitere Bezugspersonen sprechen sich daher in ihrem Vorgehen genau mit dem Therapeuten ab. Allein schon dadurch, dass die Eltern durch das Verhaltenstraining für das Kind zur Quelle von Belohnungen werden, verbessert sich häufig ihre Beziehung. Für die Eltern, die sich der Erkrankung des Kindes gegenüber oft sehr hilflos fühlen, ist es zudem oft hilfreich, in die Therapie eingebunden zu werden, da sie dort aktiv sein können.

Bei körperbezogenen Therapieansätzen werden vorrangig körperliche Formen der Kontaktaufnahme angesprochen, um eine intensive Beziehungsaufnahme zu ermöglichen. Hervorgehoben werden insbesondere die Bedeutung von emotionalen Erfahrungen wie Wärme, Verständnis und Geborgenheit.

Der "Halteansatz" versucht, durch das Festhalten des Kindes dessen Widerstand gegen Nähe und Körperkontakt zu durchbrechen. Diese Methode kann jedoch im Gegenteil zu einer Zunahme an Gegenwehr gegenüber anderen Personen und aggressiven Gefühlen führen.

So genannte audiosensorische Ansätze gehen davon aus, dass Autismus dadurch verursacht wird, dass akustische Reize, also Dinge, die man hören kann, nicht angemessen verarbeitet werden. Ein Hörtraining soll laut diesem Therapiekonzept positive Veränderungen bringen. Dieses Verfahren allein erscheint aber nicht ausreichend, um die Kinder umfassend zu fördern.

Die Ergotherapie bietet verschiedene vielseitige Beschäftigungsmöglichkeiten an. Es wird z. B. gemalt, getanzt oder musiziert. Dieses Verfahren bietet vor allem bei geringem Ausprägungsgrad der Störung gute Fördermöglichkeiten.

Auch die anthroposophische Heilpädagogik bietet mit eher künstlerisch orientierten Therapien Möglichkeiten, z. B. durch Werken, Modellieren, Malen, Tanz und Musik, die sozialen Fertigkeiten des Kindes zu fördern. Zudem gibt es anthroposophisch orientierte Heimsonderschulen und sozialtherapeutische Lebensgemeinschaften, die autistischen Kindern strukturierte Lebensräume bieten. Eltern scheuen häufig vor einer Unterbringung ihres Kindes in einem Heim zurück, da sie ihr Kind nicht "abschieben wollen. In manchen Fällen kann das Kind aber nur durch geschultes Personal eine optimale Förderung erhalten, da das Leben mit einem autistischen Kind und die Therapie eine zeitliche und emotionale Überforderung der Eltern darstellen kann.

Bei der "gestützten Kommunikation" handelt es sich um eine mittlerweile bekannte Methode, die jedoch nicht als Therapie bezeichnet werden kann. Man versteht darunter eine Hilfestellung, die es Menschen mit Kommunikationsstörungen ermöglicht, sich ohne Sprache (nonverbal) mitzuteilen. Ein Helfer hält den Arm des autistischen Kindes, während dieses eine Buchstabentastatur oder eine Buchstabentafel benutzt, um etwas mitzuteilen. Neuerdings verwendet man neben Buchstaben auch Fotos, Bilder und Symbole als Mitteilungsobjekte.

Helfen Medikamente bei einem Autismus?


Bisher gibt es keine Medikamente, die die Hauptsymptome des Autismus behandeln oder lindern können. Medikamente werden eher dazu eingesetzt, um die oft vorhandenen Begleitsymptome zu vermindern. Dies ist in erster Linie bei Wutausbrüchen und Aggressionen, teilweise bei Schlaf- und Essstörungen, seltener bei depressiven Entwicklungen oder Angststörungen der Fall. Dennoch sollte vorher abgeklärt werden, ob es keine alternative therapeutische Möglichkeit gibt, um diese Symptome zu behandeln.

Bei kurzzeitigen Krisen, bei denen es zu einer erhöhten Anspannung und zu Aggressionen kommt, werden häufig bestimmte Beruhigungsmittel, so genannte Benzodiazepine, verordnet. Da diese Medikamente bei langfristiger Einnahme zu Abhängigkeit führen können, sollte ihr Einsatz aber sorgfältig abgewogen werden. Medikamente aus der Gruppe der so genannten Antikonvulsiva sind wirksam bei Stimmungsschwankungen und aggressivem Verhalten, auch werden sie insbesondere bei der Untergruppe von autistischen Kindern eingesetzt, die unter epileptischen Krampfanfällen leiden. Bei depressiven Störungen stehen Antidepressiva zur Verfügung. Teilweise werden auch Neuroleptika verordnet, insbesondere bei Menschen mit zusätzlicher geistiger Behinderung.

Die Medikamente haben jedoch zum Teil erhebliche Nebenwirkungen (z. B. Schwindel, Übelkeit, Herzrhythmusstörungen). Deshalb sollte nach ausführlicher Beratung mit dem behandelnden Arzt sorgfältig abgewogen werden, ob eine medikamentöse Therapie überhaupt notwendig ist.

Wie sind der Verlauf und die Prognose?


Die Symptomatik beginnt meist vor dem dritten Lebensjahr, auch wenn nicht immer zu diesem Zeitpunkt schon die Diagnose gestellt wird. Autismus ist jedoch ein Störungsbild, das nicht ausschließlich auf das Kindesalter beschränkt ist, da die gesamte psychische Entwicklung beeinflusst wird. Es handelt sich hier nicht um eine Entwicklungsverzögerung, sondern um einen grundlegend veränderten Entwicklungsverlauf. Obwohl deutliche Verbesserungen der Symptomatik möglich sind, bleiben bestimmte Schwierigkeiten in der Regel bis ins Erwachsenenalter bestehen.

Im Verlauf kommt es immer wieder zu Veränderungen der Symptomatik. Es gibt Hochs und Tiefs, Rückschläge und Fortschritte. Einige Merkmale treten erst später in Erscheinung, andere verschwinden mit der Zeit.

Während bestimmte Auffälligkeiten, wie z. B. die körperliche Ablehnung und das Nichtreagieren auf Personen, häufig schon von den Eltern innerhalb des ersten Lebensjahres bemerkt werden, zeigt sich meist erst in der mittleren Kindheit das volle Bild der autistischen Störung. Dies besteht aus der sozialen Zurückgezogenheit, der mangelnden Kommunikationsfähigkeit und dem Beharren auf immer gleichförmig ablaufendem Verhalten.

Die vollkommene Ablehnung von Kontakt kann sich jedoch im Entwicklungsverlauf verändern. Manchen Kindern ist es möglich, den Widerstand gegenüber anderen zu durchbrechen und die Annäherung von Menschen zu akzeptieren. Schließlich gelingt es einigen dieser Kinder, auch selbst aktiv zu werden und spontan Kontakt aufzunehmen. Die Kommunikation ist aber durch sich immer wiederholende Äußerungen oder Befragungen gekennzeichnet. Zudem haben die Kinder mehr Interesse an der Routine dieses "Spiels" als am gegenseitigen Austausch.

Während der mittleren Kindheit bestehen die größten Schwierigkeiten autistischer Kinder in Verhaltensstörungen wie Aggression, Selbstverletzungen und Hyperaktivität.
Im Jugendalter kann sich die Symptomatik verschlechtern, was man bisher auf die Pubertät selbst zurückgeführt hat. Intelligente autistische Kinder können sich in dieser Phase ihrer "Andersartigkeit" bewusst werden und leiden mitunter an den Schwierigkeiten, Kontakte aufzubauen. Bei geistig behinderten Kindern treten mitunter epileptische Anfälle auf. Normalerweise nimmt das Risiko für ein Anfallsleiden aber mit zunehmendem Alter wieder ab. Die Hyperaktivität, die häufig in früheren Entwicklungsphasen bestanden hat, geht zurück und kehrt sich ins Gegenteil um. Es kann außerdem zu einer starken Gewichtszunahme kommen.

Für die Prognose im Erwachsenenalter hat sich gezeigt, dass ein bis zwei Prozent der betroffenen Kinder im Erwachsenalter ein relativ normales Leben führen. 5 bis 20 Prozent üben einen Beruf aus und gehen Freizeitinteressen nach. Sie entwickeln aber keine engen persönlichen Beziehungen. 15 bis 20 Prozent zeigen deutliche Verhaltensauffälligkeiten und benötigen pflegerische Betreuung. 60 bis 70 Prozent der Betroffenen leben ständig in Institutionen und sind sehr pflegebedürftig - dies ist insbesondere bei autistischen Patienten der Fall, deren geistige Fähigkeiten eingeschränkt sind.

In bestimmten Bereichen können autistische Menschen jedoch hervorragende Leistungen erbringen. Einige entwickeln aufgrund ihrer intensiven Beschäftigung mit speziellen Dingen ein beträchtliches Wissen oder beherrschen besondere Fähigkeiten. Dies gilt insbesondere für diejenigen, bei denen die Symptome erst recht spät (ab dem zweiten Lebensjahr) aufgetreten sind. Sie sind meist durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligent und oft in der Sprachentwicklung zwar verzögert, sprachlich aber ansonsten unbeeinträchtigt.

Generell haben Personen mit höherem Intelligenzniveau und Kinder, die vor dem fünften Lebensjahr die Sprache erlernt haben, eine gute Prognose. Der Verlauf kann zudem durch eine frühzeitige Förderung des Kindes positiv beeinflusst werden.

Impressum


Copyright: sanvartis GmbH
Erstellungsdatum: Januar 2003
Autor: Dagmar Wittenbrink de Lozada (Diplom-Psychologin)
Letzte Aktualisierung: September 2005
Durch: Janna Christoffers, Medizinjournalistin und Dr. med. Dirk Nonhoff (Facharzt für Allgemeinmedizin)

Literatur/Leitlinien/EBM:


Bundesverband Hilfe für das autistische Kind (Hrsg.): Zur Situation von Menschen mit Autismus in der Bundesrepublik Deutschland.

Bundesverband Hilfe für das autistische Kind. www.autismus.de (2004).

Döpfner, M.; Lehmkuhl, G.: Diagnostik-System für psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter nach ICD-10 und DSM-IV (DISYPS-KJ). Hogrefe Verlag (2.Aufl. 2000).

Kusch, M., Petermann, F.: Tiefgreifende Entwicklungsstörungen. In F. Petermann (Hrsg.): Lehrbuch der Klinischen Kinderpsychologie und -Psychotherapie. Hogrefe Verlag (5.Aufl. 2002).

Petermann, F.: Verhaltens- und Entwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen. In U. Baumann & M. Perrez (Hrsg.): Lehrbuch Klinische Psychologie und -Psychotherapie. Huber (2.Aufl. 2000).

Cordes, R., Petermann, F.: Autistische Störung. In F. Petermann: Fallbuch für klinische Kinderpsychologie. Hogrefe Verlag (2.Aufl. 2000).

Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie: Tiefgreifende Entwicklungsstörungen.
AWMF-Leitlinien-Register Nr. 028/018. (Letzte Überarbeitung: 2003).
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