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Angststörungen



(Phobien)


Was ist eine Angststörung?


Angst ist ein grundlegendes und normales Gefühl, das jeder Mensch kennt. In den meisten Situationen hat dieses Gefühl eine wichtige Warnfunktion - Angst weist auf Gefahren hin. Die mit Angst verbundenen körperlichen Reaktionen (z. B. erhöhter Herzschlag) machen eine schnelle Reaktion auf die Bedrohung (z. B. Flucht) möglich.

Von einer Angststörung (Phobie) spricht man hingegen erst, wenn Menschen in Situationen, die eigentlich nicht gefährlich sind, übertriebene Angstgefühle erleben. Die Betroffenen können sich ihre starken unangemessenen Gefühle oft selbst nicht erklären. Sie wissen zwar, dass ihre Gefühle unbegründet sind, sehen aber keine Möglichkeit, die Ängste zu reduzieren. Deswegen versuchen sie, die Situationen zu vermeiden, in denen sie mit dieser Angst reagieren. Langfristig schränkt sie dieses Verhalten in ihrem Lebensalltag stark ein.

Sobald die Angst sehr störend ist, das normale Leben beeinträchtigt und nicht innerhalb einiger Tage von selbst vergeht, muss von einer Angststörung ausgegangen werden, die behandelt werden sollte. Angststörungen sind streng zu trennen von Angst, die bei anderne psychiatrischen Störungen auftritt, da sie auf unterschiedliche Behandlungen ansprechen.

Welche Angststörungen gibt es?


Es lassen sich zwei Gruppen von Angststörungen unterscheiden: Die gerichteten Ängste und die ungerichteten Ängste.

1. Gerichtete Ängste:
Bei den gerichteten Ängsten beziehen sich die Ängste und Befürchtungen auf bestimmte Situationen oder Objekte. Die Betroffenen vermeiden diese Situationen und Objekte bzw. begegnen ihnen nur unter großem Stress. Sie verstehen jedoch die Zusammenhänge und erkennen das Übermaß ihrer Angst. Zur Gruppe der gerichteten Ängste gehören die soziale Phobie, die spezifischen Phobien und die Agoraphobie.

Soziale Phobie
Menschen mit einer sozialen Phobie haben starke Angst vor Situationen, in denen sie von anderen Menschen bewertet oder beurteilt werden könnten. Sie leiden meist unter einem geringen Selbstwertgefühl und fürchten sich stark vor Kritik. Die Betroffenen befürchten zu versagen, sich lächerlich zu machen oder von anderen gedemütigt zu werden. In Gegenwart anderer zu sprechen, zu essen, zu trinken oder zu schreiben, gehört zu den typischen Situationen, vor denen Menschen mit sozialer Phobie Angst haben.

In solchen Situationen nehmen sie körperliche Veränderungen wie Zittern, Schwitzen oder Erröten übertrieben wahr und denken, andere würden dies bemerken. Von sozialer Phobie - im Gegensatz zu normaler Unsicherheit oder Schüchternheit - spricht man dann, wenn die Ängste sehr stark ausgeprägt sind, über einen längeren Zeitraum bestehen und dazu führen, dass der Betroffene zunehmend Situationen vermeidet, in denen diese Ängste auftreten.

Spezifische Phobie
Wenn sich die Phobie auf einen ganz bestimmten Gegenstand, bestimmte Tiere oder bestimmte Situationen bezieht, spricht man von spezifischen Phobien. Dazu zählen beispielsweise die inadäquate Angstreaktion vor Hunden oder Spinnen, vor Höhe, dem Fliegen, vor Dunkelheit, vor Unwetter sowie vor Blut, Spritzen oder Verletzungen. Die übertriebene Angst vor engen Räumen (Klaustrophobie) - etwa vor Tunneln oder Aufzügen - gehört ebenfalls zu den spezifischen Phobien.

Agoraphobie
Bei der "Agoraphobie" tritt die Angst vor allem in Situationen auf, in denen man sich außerhalb der gewohnten Umgebung aufhält. "Agora" ist ein aus dem Griechischen stammender Begriff und kann mit "Platz öffentlicher Zusammenkunft" übersetzt werden. Platzangst ist also nicht - wie im Volksmund verwendet - die Angst vor engen Räumen, sondern die Angst vor Plätzen, auf denen sich viele Menschen aufhalten. Im engeren Sinne ist damit gemeint, dass Angst besteht, irgendwo gewissermaßen gefangen zu sein und keinen geeigneten Ausweg zu finden, falls die Angst auftaucht. Die Phobie bezieht sich auf Menschenmengen und öffentliche Orte wie überfüllte Kaufhäuser, Schlangestehen im Supermarkt, ein Mittelplatz im Theater oder die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, die dann oft bedrohlich erlebt werden.

Die Betroffenen haben Angst, in solchen Situationen nicht schnell genug einen sicheren Ort zu erreichen, da ihnen möglicherweise schwindelig oder übel werden könnte oder sie spontan die Kontrolle über ihre Blasenfunktion verlieren. Diese Form der spezifischen Ängste ist für die Betroffenen meist besonders einschränkend, da die Furcht vor der "Öffentlichkeit" in vielen Fällen dazu führt, dass sie das Haus nur noch selten verlassen. Durch diesen zunehmenden Rückzug entstehen bei vielen Menschen, die unter Agoraphobie leiden, zusätzlich depressive Symptome.

2. Ungerichtete Ängste:
Zu den ungerichteten Ängsten gehört die Panikstörung und die generalisierte Angststörung. Darunter versteht man Ängste, die ohne einen bestimmten äußeren Auslöser auftreten.

Panikstörung
Bei einer Panikstörung treten wiederholt unerwartete Panikanfälle auf. Ein Panikanfall ist ein Zustand, der plötzlich auftritt und innerhalb von zehn Minuten seinen Höhepunkt erreicht. Meist klingt er innerhalb von wenigen Minuten wieder ab. Er müssen mindestens vier der folgenden Symptome auftreten:
  • Herzrasen oder Herzklopfen
  • Schmerzen im Brustbereich
  • Kurzatmigkeit oder das Gefühl, zu ersticken
  • Schwitzen
  • Zittern
  • Schwindel oder Ohnmacht
  • Übelkeit oder Magenschmerzen
  • Würgegefühl
  • Hitzewallungen oder Frösteln
  • Taubheitsgefühl oder Kribbeln
  • Angst, die Kontrolle zu verlieren oder verrückt zu werden
  • Angst, zu sterben (zum Beispiel in Folge eines möglichen Herzinfarktes)
  • Gefühl des Unwirklichen, von Entfremdung oder veränderte Wahrnehmung der Umgebung.

Häufig erleben die Betroffenen den Angstanfall als so bedrohlich, dass sie den Notarzt rufen oder wiederholt ihren Arzt aufsuchen, um sich - vergeblich - auf eine zugrundeliegende körperliche Erkrankung untersuchen zu lassen. Obwohl Panikattacken sehr beklemmend sind, sind sie nicht gefährlich.

Weil die Paniksymptome so plötzlich und unerwartet auftreten, bauen die meisten Betroffenen eine starke Erwartungsangst auf, d. h. sie "warten" mit großer Furcht auf den nächsten Anfall. Aus Angst, dann nicht rechtzeitig Hilfe holen zu können, verlassen viele nur noch in Begleitung das Haus.
Auch wenn Panikanfälle meist unerwartet auftreten, kann mit der Zeit eine Kopplung an bestimmte Situationen auftreten - kam es z. B. in einem Supermarkt zu Paniksymptomen, wird dieser Ort möglichst gemieden.

Generalisierte Angststörung
Menschen mit einer generalisierten Angststörung machen sich über einen langen Zeitraum in übertriebener Form ständig Sorgen. Die Ängste und Befürchtungen können sich auf ganz unterschiedliche Aspekte ihres Lebens beziehen. Typisch sind zum Beispiel die Sorge, dass Angehörigen etwas Schlimmes zustoßen könnte, übertriebene Geldsorgen oder die Sorge, im Beruf nicht leistungsfähig zu sein.

Auch Menschen mit einer generalisierten Angststörung sind sich im Klaren darüber, dass ihre Befürchtungen unrealistisch und übertrieben sind, können sie jedoch nicht kontrollieren. Sie erleben zwar in der Regel keine Panikanfälle, leiden neben ihren Ängsten jedoch unter Ruhelosigkeit, Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen sowie körperlichen Symptomen wie Schwindel, Herzrasen oder Schwitzen.

Wie häufig sind Angststörungen?


Angststörungen sind bei Frauen die häufigsten psychischen Störungen und bei Männern die zweithäufigsten nach den Abhängigkeitserkrankungen wie Alkoholismus. Etwa 10 von 100 Personen in der Allgemeinbevölkerung leiden unter so exzessiven Angstreaktionen, dass eine Behandlung notwendig ist. Bei 3 von 100 besteht neben einer Angststörung noch eine gravierende Begleiterkrankung (z. B. Medikamentenmissbrauch oder Depression). Die einzelnen Angststörungen sind unterschiedlich häufig.

Am weitesten verbreitet sind die spezifischen Phobien, die allerdings selten behandelt werden. Weniger häufig ist die Panikstörung, die jedoch sehr oft behandlungsbedürftig ist. Das liegt daran, dass spezifische Phobien die Betroffenen im Alltag oft weniger stark einschränken als plötzliche Panikanfälle. Jemand, der Angst vor Höhen hat, steigt einfach nicht mehr auf Türme. Jemand, der plötzliches Herzrasen, Atemnot und Schwindelgefühle erlebt und die Ursache nicht kennt, sucht häufiger einen Arzt auf.

Wie kommt es zu Angststörungen?


Wie Angststörungen entstehen, ist noch nicht endgültig erforscht. Sehr wahrscheinlich tragen zahlreiche Umstände zur Entstehung einer Angststörung bei, beispielsweise ein besonders belastendes Lebensereignis, aber auch lang anhaltende alltägliche Belastungen. Nach neueren Erkenntnissen spielt auch eine besondere Bereitschaft, auf Angst zu reagieren, eine Rolle. Diese Bereitschaft hat körperliche Ursachen.

Wie die starke Angst aufrechterhalten wird, erklärt das so genannte Teufelskreismodell. Anhand dieses Angstkreislaufs lässt sich z. B. ein Panikanfall folgendermaßen erklären: Ein Betroffener nimmt eine Veränderung seines Herzschlages wahr (z. B. weil er zu schnell aufgestanden ist). Er kann sich dieses Symptom nicht erklären, befürchtet aber, es könnte ein Anzeichen eines drohenden Herzinfarktes sein. Er bekommt Angst. Die Angst löst eine Stressreaktion aus, was zu verschiedenen körperlichen Veränderungen führt - unter anderem auch zu einem noch höheren Puls. Die Wahrnehmung dieser körperlichen Reaktion bestätigt seine Befürchtung, ernsthaft körperlich krank zu sein, so dass die körperlichen Angstreaktionen weiter ansteigen. Durch diesen Prozess schaukelt die Angst sich immer weiter hoch.

Bei gerichteten Ängsten versuchen die Betroffenen, die Situationen zu meiden, in denen diese extreme Angst entstehen könnte. Auch ähnliche möglicherweise angstauslösende Situationen werden umgangen. So entsteht auch eine Angst vor der Angst, die durch Vermeidungsverhalten noch stärker wird. Wenn sich diese Ängste in so einem Maße ausbreiten, ziehen sich die Betroffenen häufig zurück und haben nur noch wenige soziale Kontakte.

Ein Beispiel: Einer Frau wird im Kaufhaus schwindelig und schlecht. Sie bekommt Angst, in der Menschenmenge in Ohnmacht zu fallen und verlässt so schnell wie möglich das Kaufhaus. Die unangenehmen körperlichen Empfindungen verschwinden, und die Angst nimmt ab. Nach diesem Erlebnis entsteht meist unbewusst die Überzeugung, Kaufhäuser seien ein gefährlicher Ort und sie befürchtet, in dem Kaufhaus wieder einen solchen Anfall zu erleiden. Deshalb vermeidet sie künftig, dort einzukaufen. In anderen ähnlichen Situationen achtet sie stark auf ihre Körperreaktionen. Schon bei geringsten Anzeichen von schnellerem Herzschlag oder Übelkeit verlässt sie den Ort. Aus Angst vor der Angst meidet sie zukünftig auch jene Orte, von denen sie denkt, dass dort eventuell ein Anfall auftreten könnte: andere Kaufhäuser, Supermärkte oder volle Straßenbahnen.

Wie entwickeln sich Angststörungen, wenn sie nicht behandelt werden?


Unbehandelte Angststörungen verlaufen bei den einzelnen Formen unterschiedlich. Menschen mit einer sozialen Phobie haben diese Störung meist lebenslang, wenn sie nicht behandelt werden. Spezifische Phobien entwickeln sich manchmal sehr kurzfristig und nehmen rasch wieder ab, gelegentlich ist der Verlauf aber auch langwierig.

Die Panikstörung und die Agoraphobie beginnen meist mit einem plötzlichen Angstanfall an einem öffentlichen Ort. Die Ausprägung der Störung ist dann oft abwechselnd stärker und weniger stark. Ohne Behandlung ist der Verlauf eher ungünstig, eine Heilung selten.

Eine generalisierte Angststörung entwickelt sich hingegen meist langsam.Die Ausprägung der Störung schwankt ebenfalls, und die Symptome werden mit der Zeit eher schwerwiegender.

Bei allen Angststörungen besteht die Gefahr, dass durch die Belastung langfristig weitere Probleme hinzukommen wie depressive Verstimmungen, Probleme mit Mitmenschen oder Alkohol- und Medikamentenmissbrauch. Schwere Formen der Angststörung, bei denen die Betroffenen durch starkes Vermeidungsverhalten kaum noch in der Lage sind, das Haus zu verlassen, haben häufig gravierende Konsequenzen wie Arbeitslosigkeit oder soziale Isolation.

Wie werden Angststörungen festgestellt?


Menschen, die unter einer Angststörung leiden, suchen oft erst relativ spät einen Psychologen oder einen Arzt auf. Erst wenn der Lebensalltag sehr stark eingeschränkt ist, wird der Leidensdruck groß genug, um therapeutische Hilfe zu suchen. Eine Ausnahme bilden Menschen mit Panikanfällen. Da sie starke körperliche Symptome wahrnehmen, haben sie aufgrund der Annahme, dass diese Symptome auch eine körperliche Ursache haben müssen, meist zahlreiche Arztbesuche hinter sich, wenn sie zur Behandlung der Angststörung kommen.

Zunächst sollte immer abgeklärt werden, ob körperliche Krankheiten vorliegen. Beim Therapeuten dient dann ein Erstgespräch dem gegenseitigen Kennenlernen und einer ersten diagnostischen Einschätzung. In weiteren Sitzungen macht sich der Therapeut ein genaues Bild von der Störung und ihren Auswirkungen auf das Alltagsleben. Er lässt sich beispielsweise eine Situation, in der die Angst zuletzt aufgetreten ist, detailliert schildern und erfragt, unter welchen Bedingungen die Ängste vorkommen, wie der Betroffene damit umgeht und wie Angehörige oder Freunde reagieren.

Der Therapeut stellt entweder offene Fragen, oder er orientiert sich an einem vorgegebenen Fragenkatalog, mit dem er alle wichtigen Details erfassen kann. Meist gibt er dem Patienten ein Angsttagebuch, welches geführt werden sollte, damit sich der Therapeut ein genaues Bild auch über die Begleitumstände der Angst machen kann.

Im Anschluss an die Diagnostik entwickeln Therapeut und Patient gemeinsam ein Erklärungsmodell, wie die Angststörung entstanden sein könnte. Dabei kommt der Entwicklung eines individuell abgestimmten Teufelskreismodells eine wichtige Rolle zu: Viele Patienten erleben es als sehr erleichternd, verstehen zu können, wie sich ihre Angst aufgeschaukelt hat und können sich erst dann auf eine psychotherapeutische Behandlung einlassen.

Basierend auf diesem persönlichen Krankheitsmodell erklärt der Therapeut, welche Möglichkeiten einer Behandlung bestehen. Erst nach einer ausreichenden Bedenkzeit entscheidet sich der Betroffene für oder gegen eine Therapie.

Wie werden Angststörungen behandelt?


Verhaltenstherapie
Bei Angststörungen, insbesondere bei gerichteten Ängsten, bietet die so genannte Konfrontationstherapie, ein Verfahren der Verhaltenstherapie, schnelle und mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit wirkungsvolle Hilfe. Nach einer umfassenden Vorbereitung wird der Betroffene in Übungen bzw. tatsächlichen Alltagssituationen mit den Situationen konfrontiert, die er aus Angst vermeidet. Es ist meist eine große Herausforderung, sich nun genau den Situationen auszusetzen, die sie oft jahrelang umgangen haben. Es braucht deshalb meist viel Zeit und Geduld, bis die Patienten die Notwendigkeit dieses Vorgehens begreifen und sich auf die Konfrontationstherapie einlassen können. Der Therapeut betreut die Patienten während der Durchführung der Übungen zunächst sehr intensiv; später führen sie die Übungen immer selbständiger durch.

Durch die Konfrontation mit der Angst in entsprechenden Situationen wird der Teufelskreis aus Angst und Vermeidung durchbrochen: Der Betroffene erlebt, dass die Angst nicht die befürchteten katastrophalen Konsequenzen hat, sondern nach einer gewissen Zeit in der Situation abnimmt. Der Körper ist nämlich nur eine begrenzte Zeit in der Lage, die intensiven körperlichen Symptome aufrechtzuerhalten, bis sie von alleine langsam abklingen. Er hat die Möglichkeit zu lernen, dass die Situation eigentlich nicht bedrohlich ist bzw. dass er die Situation meistern kann. Somit muss er die Situation auch nicht mehr meiden und kann seinen Lebensalltag wieder bewältigen.
Dadurch, dass die Übungen sich der Wirklichkeit mehr und mehr angleichen, und die Betroffenen immer selbständiger üben, wird sichergestellt, dass die Erfahrungen in der Therapie dem Betroffenen auch wirklich im normalen Alltag weiterhelfen.

Je nach Art der Angsterkrankung erfolgt die Konfrontation mit unterschiedlichen Situationen: So soll jemand, der unter sozialer Phobie leidet, beispielsweise bei der nächsten Geburtstagsfeier eine kurze Rede halten. Menschen, die unter Paniksymptomen leiden, werden durch körperliche Anstrengung mit ihren körperlichen Reaktionen konfrontiert. Ein Mensch mit generalisierter Angststörung soll sich seinen Sorgen stellen und seine Befürchtungen zu Ende denken - was er sich sonst verbietet.

Abhängig von den Möglichkeiten des Betroffenen und der Problemstellung werden die Übungen als Intensivprogramm in relativ kurzer Zeit (zwei bis drei Wochen) oder über einen längeren Zeitraum durchgeführt. Dabei kann auch die Intensität der Angstsituationen individuell variiert werden: So ist es manchmal sinnvoll, die Konfrontation langsam zu steigern, d. h. zunächst mit einer Situation zu beginnen, die wenig angstbesetzt ist. Soweit möglich, ist es aber am effektivsten, sofort mit der am stärksten gefürchteten Situation anzufangen. Voraussetzung für diese Therapie ist, dass der Patient bereit ist, sich mit seiner Angst auseinander zu setzen und aktiv mitzuarbeiten.

Die im Beispiel erwähnte Frau wird also zunächst durch ihren Therapeuten umfassend darauf vorbereitet, in ein beliebiges Kaufhaus zu gehen. Erst wird das Kaufhaus vormittags aufgesucht, wenn sich noch nicht so viele Menschen dort aufhalten. Unter der Anleitung des Therapeuten konfrontiert sich die Frau mit ihrer Angst, indem sie die Angst kommen lässt und so lange aushält, bis sie von selbst weniger wird. So kann sie erleben, dass die Situation nicht gefährlich ist. Dann suchen Therapeut und Patientin vollere Kaufhäuser auf, schließlich das Kaufhaus, in dem die Frau ihren ersten Angstanfall hatte. Die Frau übt bald selbständig ohne ihren Therapeuten. Sie lernt, dass die Angst bei jeder Konfrontation geringer wird. Bald hat sie keine Angst vor der Angst mehr und kann wieder ihren normalen Alltag aufnehmen.

Training sozialer Kompetenzen
Bei der sozialen Phobie spielt manchmal auch das so genannte Training sozialer Kompetenzen eine Rolle. Unter sozialer Kompetenz versteht man die Fähigkeit, angemessen mit seinen Mitmenschen umzugehen: beispielsweise selbstsicher aufzutreten, etwas zu erbitten, und auch Bitten abzuschlagen. Ein Teil der Menschen mit sozialer Phobie besitzt diese Fähigkeiten nicht oder nicht ausreichend. Im Training sozialer Kompetenzen üben die Betroffenen diese Fähigkeiten in Rollenspielen. Das Training wird meist in Gruppen durchgeführt, so dass sich die Betroffenen gegenseitig Rückmeldung über ihr Verhalten geben und auch im Umgang untereinander nützliche Erfahrungen machen können. Durch die Therapie werden sie selbstbewusster und haben deswegen auch weniger Angst vor den Situationen, in denen sie früher befürchteten, unangenehm aufzufallen.

Kognitive Therapie
Bei der so genannten kognitiven Therapie soll der Patient erkennen, welche seiner Gedanken dazu beitragen, dass die Angst aufrechterhalten wird. Mit Hilfe gedanklicher Übungen werden typischen Angstgedanken und negativen Selbstgesprächen entgegengewirkt. Beispielsweise bewerten viele Patienten mit Panikstörung auch schon kleine körperliche Veränderungen als gefährlich und steigern sich so in einen Panikanfall hinein. In den Therapiesitzungen versuchen der Therapeut und der Betroffene gemeinsam, diese Gedanken zu korrigieren. Schon das Vermitteln von Informationen über normale körperliche Veränderungen und Symptome einer Angsterkrankung kann dabei helfen.

Entspannungsverfahren
Oft werden zudem verschiedene Entspannungsverfahren wie autogenes Training oder progressive Muskelrelaxation erlernt. Der Patient hat dann die Möglichkeit, sich selbst in einen Zustand der Entspannung zu bringen, der das Gegenteil von dem angespannten Zustand der Angst ist. Auch kann es mit Hilfe von Entspannungsübungen gelingen, in stressreichen Zeiten der hohen Anspannung entgegenzuwirken, und so das Auftreten von Angstreaktionen zu reduzieren.

Tiefenpsychologie
Bei tiefenpsychologischen Therapieverfahren wird nach seelischen Ursachen der Angst gesucht, zum Beispiel unbewusste Konflikte. Diese Konflikte werden aufgedeckt und bearbeitet. Die Therapie erstreckt sich meist über mehrere Jahre.

Medikamentöse Therapie
Zur Behandlung von Ängsten, insbesondere von Panikattacken, werden häufig auch Medikamente wie Benzodiazepine oder Antidepressiva eingesetzt. Die Gabe von Medikamenten bei Angststörungen ist aus verschiedenen Gründen kritisch abzuwägen. Medikamente verhindern zwar im Moment die Angst, der Teufelskreis wird aber nicht durchbrochen. Denn auch Medikamente sind eine Methode, Angst zu vermeiden. Außerdem haben einige der Substanzen starke Nebenwirkungen. Bei der Einnahme über einen längeren Zeitraum besteht die Gefahr, abhängig zu werden. Mit dem Therapeuten sollten deshalb die Vor- und Nachteile der Medikamenteneinnahme sorgfältig abgewogen werden. Insbesondere bei der Durchführung einer Konfrontationstherapie sollte auf die Einnahme von Medikamenten verzichtet werden, es besteht ansonsten die Gefahr, dass der Patient das Abklingen der Angst der Wirkung der Medikamente zuschreibt. Nur ohne medikamentöse Unterstützung kann er die Erfahrung machen, dass er selbst in der Lage ist, seine Angst zu überwinden, und dass diese durch sein Verhalten mit der Zeit abnimmt.

Häufig ist es bei den verschiedenen Therapieverfahren notwendig, sich mit den Folgeerscheinungen einer Angsterkrankung zu beschäftigen. So kann es z. B. sinnvoll sein, dass ein Mensch, der sich durch jahrelanges Rückzugsverhalten isoliert hat, Möglichkeiten erlernt, neue Kontakte aufzubauen. Auch fällt es manchen Betroffenen schwer, ihre neue Freiheit (z. B. das Haus verlassen zu können) zu nutzen - es ist wichtig, dass diese Aspekte in der Therapie berücksichtigt werden, um eine Alternative zu dem Leben mit der Angst entwickeln zu können.

Für Menschen mit einer Angststörung gibt es im Buchhandel eine Reihe von Ratgebern und Selbsthilfemanualen. Diese können bei einer schweren Angststörung einen Therapeuten natürlich nicht ersetzen. Sie liefern aber nützliche Informationen, um die eigenen Ängste besser verstehen zu können, zur Vorbereitung auf den Besuch bei einem Therapeuten und begleitend zu einer Therapie.

Sind Angststörungen heilbar?


Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass eine Konfrontationstherapie bei Angststörungen erfolgreich ist, also langfristig eine Verbesserung des Wohlbefindens erzielt wird. In verschiedenen Studien, in denen Patienten mit Panikanfällen durch eine Kombination aus kognitiver und Konfrontationstherapie behandelt wurden, hatten nach der Therapie ungefähr 80 Prozent keine Panikanfälle mehr.

Die Methode ist damit wirksamer als bloße Entspannungsverfahren und ebenso gut wie eine medikamentöse Therapie. Bei der Behandlung mit Medikamenten werden die Betroffenen jedochhäufiger rückfällig als bei einer kognitiven und Konfrontationstherapie.

Ähnlich gut sind die Erfolge einer Konfrontationstherapie bei sozialer Phobie, spezifischer Phobie und Agoraphobie. Auch hier ist die Kombination mit einer kognitiven Therapie empfehlenswert.

Da Menschen, die einmal von einer Angststörung betroffen waren, anfälliger dafür sind, erneut Ängste zu entwickeln, sollten sie Strategien zur Verhinderung von Rückfällen erarbeiten. Es ist sinnvoll, dass auch nach Ende der Therapie die Entspannungsübungen beibehalten werden, um Stressreaktionen entgegenzuwirken. Weiterhin sollte der Betroffene sich auch nach der Therapie bei aufkommenden Angstgefühlen schon frühzeitig der gefürchteten Situation stellen.

Impressum


Copyright: sanvartis GmbH
Erstellungsdatum: Juli 2001
Autor: Barbara Janker (Diplom-Psychologin)
Letzte Aktualisierung: Oktober 2005
Durch: Dr. med. Maria-Anna Schoppmeyer und Dr. med. Dirk Nonhoff (Facharzt für Allgemeinmedizin)

Literatur/Leitlinien/EBM:


Christoph-Dornier-Stiftung für Klinische Psychologie: Patienteninformation "Wege aus der Angst".

Ehlers, A.: Agoraphobien und Panikanfälle. In: Reinecker, H.: Lehrbuch der klinischen Psychologie und Psychotherapie. Hogrefe (2003).

Reinecker, H: Soziale und spezifische Phobie. In: Reinecker, H.: Lehrbuch der klinischen Psychologie und Psychotherapie. Hogrefe (2003).

Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie:
Angststörungen (5/2003).

Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie:
Phobische Störungen und Emotionale Störungen des Kindesalters (5/2003).

Morschitzky, H.: Generalisierte Angststörungen. In: Morschitzky, H.: Angststörungen. Diagnostik, Konzepte, Therapie, Selbsthilfe. Springer (2002).

Wittchen, H.-U.: Wenn Angst krank macht. Mosaik (2002).

Schneider & Margraf: Panikanfälle und Agoraphobie. In: Hautzinger, M.: Kognitive Verhaltenstherapie bei psychischen Störungen. Beltz (2000).

Pfingsten, U.: Soziale Ängste, Unsicherheiten und Defizite. In: Hautzinger, M.: Kognitive Verhaltenstherapie bei psychischen Störungen. Beltz (2000).
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