Blutdruckabfall
(Hypotonie, orthostatische; Dysregulation, orthostatische;
Blutdruck, niedriger; Hypotonie)
Was ist der Blutdruck?
Arterieller Blutdruck ist der Druck, mit dem das Blut durch die Schlagadern (Arterien) fließt. Er kommt durch die Kraft des Herzens und den Widerstand in den arteriellen Blutgefäßen zustande.
Wenn sich das Herz zusammenzieht, wird das Blut in die Arterien gepumpt: Diese Druckwelle kann man auch als Pulsschlag fühlen.
Der Druck, der während der Anspannungsphase (Systole) des Herzens in den Arterien herrscht, wird als systolischer Blutdruck bezeichnet. Danach entspannt sich das Herz, damit neues Blut in die Herzkammern fließen kann. Dadurch verändert sich in dieser auch als Diastole bezeichneten Phase der Blutdruck. Der Druck, der während der Entspannungsphase des Herzens weiterhin in den Arterien aufrecht erhalten wird, ist niedriger und wird als diastolischer Blutdruckwert bezeichnet.
Bei der Blutdruckmessung bestimmt man stets beide Werte. Die Höhe des Blutdrucks wird in Millimeter (mm) Quecksilbersäule (Hg) angegeben.
Was ist Hypotonie?
Bei einem normalen Blutdruck beträgt der systolische, also der obere Wert zwischen 100 und 130 mm Hg. Von einem erniedrigten Blutdruck (arterielle Hypotonie) spricht man, wenn der Wert bei wiederholten Messungen unter 105-100 mm Hg liegt. Der diastolische Blutdruck spielt bei der Hypotonie nur eine untergeordnete Rolle.
Prinzipiell werden zwei Formen unterschieden. Die sekundäre Hypotonie ist Symptom einer Grunderkrankung, beispielsweise einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, einer Störung des Hormonsystems oder eines Nervenleidens. Bei der wesentlich häufigeren primären Hypotonie liegt keine erkennbare Ursache vor. Diese Form wird deshalb auch als essentielle Hypotonie bezeichnet und betrifft vor allem Frauen unter 40. Die primäre Hypotonie kann für die Betroffenen zwar lästig sein, an sich handelt es sich aber um einen harmlosen Befund ohne Krankheitswert, der im Gegensatz zum Bluthochdruck (Hypertonie) die Organe in keinster Weise schädigt.
Eine recht häufige Sonderform der Hypotonie ist die so genannte orthostatische Dysregulation. Es handelt sich um eine Störung der Kreislaufregulation bei einer Veränderung der Körperlage. Menschen, die unter einer orthostatischen Hypotonie leiden, haben in Ruhe meist einen normalen Blutdruck. Beim plötzlichen Aufstehen nach längerem Liegen oder Sitzen fällt ihr Blutdruck aber kurzfristig deutlich ab.
Um diese Veränderung festzustellen, wird der Blutdruck zunächst in Ruhe, dann nach vier Minuten in liegender Position gemessen. Wenn eine orthostatische Hypotonie besteht, fällt der systolische Blutdruck nach dem Aufstehen innerhalb von drei Minuten um mindestens 20 mm Hg oder der diastolische Blutdruck um mindestens 10 mm Hg ab.
Orthostatische Hypotonien werden bei jedem vierten Menschen über 65 Jahre beobachtet.
Wie macht sich ein Blutdruckabfall bemerkbar?
Nahezu alle Symptome der Hypotonie lassen sich auf die Minderdurchblutung des Gehirns zurück führen. Der plötzliche Blutdruckabfall macht sich vor allem durch Schwindel, Schwarzwerden oder Flimmern vor den Augen bemerkbar, oft beim Aufstehen aus dem Bett oder beim Bücken. Manchmal kommt es auch zu einer kurzzeitigen Bewusstlosigkeit (Synkope).
Begleitend können Kopfschmerzen, Gleichgewichtsstörungen, Ohrensausen, Sehstörungen, und ein Schwächegefühl auftreten. Auch Herzklopfen, Beklemmungsgefühle oder Schmerzen in der Herzgegend kommen vor.
Was ist die Ursache für einen Blutdruckabfall?
Normalerweise reagieren die Blutgefäße auf plötzliche Druckschwankungen - z. B. bei einem Lagewechsel - mit einer Engstellung. Zusätzlich pumpt das Herz schneller und kräftiger. So wird einem Blutdruckabfall entgegengewirkt, der Blutdruck kann weitgehend konstant gehalten werden. Diese Gegenregulation ist wichtig, um eine gleichbleibende Durchblutung der Organe, einschließlich des Gehirns, zu gewährleisten.
Bei einigen Menschen ist diese reflektorische Engstellung der Gefäße beeinträchtigt. Bei ihnen kann es z. B. beim Aufrichten nach längerem Sitzen oder beim schnellen Aufstehen zu einem "Versacken" von Blut in die Beingefäße kommen. Durch die fehlende Gegenregulation kommt es zu einer Minderdurchblutung des Gehirns mit den genannten Symptomen.
Begünstigende Faktoren hierfür sind Venenleiden wie Krampfadern in den Beinen und Nervenschäden durch eine langjährige Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus).
Auch Erkrankungen der Schilddrüse, der Nebennieren oder der Hirnanhangsdrüse sowie eine Blutarmut können die Neigung zu plötzlichen Blutdruckabfällen unterstützen, ebenso psychische Belastungen wie Stress, Schmerzen oder Angst. Auch Alkohol, Nikotin oder Medikamente kommen ursächlich in Frage.
Eine längere Bettlägerigkeit oder ein starker Flüssigkeitsverlust, z. B. bei starkem Schwitzen oder bei länger anhaltendem Brechdurchfall, sind weitere mögliche Ursachen für eine Hypotonie. Auch eine Schwäche des Herzmuskels kommt als Ursache für die Beschwerden in Betracht.
Bei der primären Hypotonie, der häufigsten Form, ist keine einheitliche Ursache bekannt. Betroffen sind aber vor allem junge, schlanke Menschen, insbesondere Frauen, was darauf schließen lässt, dass die körperliche Konstitution eine gewisse Rolle zu spielen scheint.
Welche Komplikationen kann es geben?
Die primäre Hypotonie ist an sich harmlos und besitzt kaum Krankheitswert. Bei alleiniger Fehlregulation des Gefäßsystems bei einem Positionswechsel, also bei fehlenden Hinweisen auf eine organische Ursache, besteht in der Regel keine große Gefahr für den Betroffenen, außer der Gefahr, durch den Schwindel zu stürzen und sich zu verletzen.
Anders verhält es sich hingegen, wenn der Blutdruckabfall Folge einer organische Erkrankung ist, insbesondere wenn der Blutdruckabfall durch eine eingeschränkte Herzleistung verursacht wird. Umso wichtiger ist es, dass die Beschwerden und Situationen, in denen sie auftreten, möglichst genau und vollständig geschildert und ärztlich abgeklärt werden. Dies gilt vor allem, wenn andere Krankheitszeichen für eine Herzmuskelschwäche, wie geschwollene Füße, Luftnot oder Herzstolpern vorliegen.
Wie wird der Blutdruckabfall festgestellt?
Die Schilderung der Symptome lenkt oft bereits den Verdacht auf einen Blutdruckabfall. Am Beginn der Diagnostik steht ein ausführliches Gespräch, in dem der Betroffene dem Arzt alle Beschwerden schildert sowie über mögliche Begleiterkrankungen, seine Lebensgewohnheiten (Ernährung, Bewegung, Alkohol- und Nikotinkonsum etc.) und eine eventuelle Medikamenteneinnahme berichtet.
Anschließend erfolgt eine gründliche körperliche Untersuchung. Der Blutdruck wird zunächst in Ruhe gemessen. Da Blutdruckwerte situationsabhängig stark schwanken können, ist ein wiederholtes Messung sinnvoll. So kann man "Ausreißer" in den Messwerten von krankhaften Zuständen unterscheiden. In einigen Fällen veranlasst der Arzt eine Langzeitblutdruckmessung, bei der der Blutdruck über einen Zeitraum von 24 Stunden gemessen wird.
Zum Nachweis der orthostatischen Hypotonie eignet sich ein Kreislauffunktionstest, der Schellong-Test. Der Patient muss vor der Untersuchung zehn Minuten lang liegen und wird dann gebeten, aufzustehen. Dann werden Blutdruck und Puls jeweils im Abstand von einer Minute zehn Minuten lang gemessen und die Veränderung der Werte registriert. Normalerweise darf der systolische Blutdruck dabei nicht mehr als 20 mm Hg und der diastolische Blutdruck nicht mehr als 10 mm Hg abfallen.
Bei der so genannten sympathikotonen Form der orthostatischen Hypotonie, die am häufigsten (2/3 der Fälle) vorkommt, nimmt der Blutdruck im Schellong-Test um mehr als 20 mm Hg bei unterschiedlichem Verhalten des diastolischen Blutdrucks ab. Die Pulsfrequenz steigt um mehr als 16 Schläge pro Minute an.
Bei der asympathikotonen orthostatischen Hypotonie sinken sowohl der systolische Blutdruck (um mehr als 20 mm Hg) als auch der diastolische Blutdruck (um mehr als 10 mm Hg) ab, die Pulsfrequenz fällt ebenfalls ab, kann aber auch gleich bleiben.
Falls bei dem Betroffenen zusätzlich Bewusstseinsstörungen auftreten oder der Verdacht auf eine organische Ursache, also eine sekundäre Hypotonie besteht, ist eine umfangreichere Diagnostik mit weiteren Untersuchungen zur Abklärung notwendig.
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Grundsätzlich muss eine primäre Hypotonie nur dann behandelt werden, wenn sie Beschwerden verursacht. Die Korrektur von Zahlenwerten ist also unnötig.
Falls therapeutische Maßnahmen notwendig werden, besteht das Ziel darin, plötzlichen Blutdruckabfällen vorzubeugen, etwa in dem man den Kreislauf stabilisiert. In vielen Fällen ist dann eine medikamentöse Therapie nicht notwendig.
Insbesondere für Menschen mit einer orthostatischen Hypotonie ist das Vermeiden eines plötzlichen Lagewechsels die beste Vorbeugung. Man sollte langsam aufstehen oder vorher die Beine bewegen, um damit die Muskelpumpe der Beinmuskulatur anzuregen. Es kann auch sinnvoll sein, Kompressionsstrümpfe zu tragen.
Manchmal hilft es auch, im Bett den Kopf tief und die Beine erhöht zu lagern, um so den Rückfluss aus den Beinen zu fördern.
Bei einer Neigung zur Hypotonie ist eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr wichtig, insbesondere bei erhöhten Außentemperaturen oder starken Flüssigkeitsverlusten. Alle Medikamente, die den Blutdruck erniedrigen (z. B. entwässernde Mittel), sollte man - allerdings ausschließlich in Rücksprache mit dem Arzt - nach Möglichkeit vermeiden.
Zum Kreislauftraining empfiehlt sich regelmäßiger Ausdauersport, z. B. Schwimmen oder Fahrradfahren. Zusätzlich kann es im Einzelfall sinnvoll sein, unterstützend Massagen und Wechselbäder anzuwenden.
Sind diese Maßnahmen nicht ausreichend, kommt eine medikamentöse Therapie in Frage.
Diese Medikamente (z. B. Dihydroergotamin und Sympathomimetika) erhöhen die Spannung in den Gefäßen und regen das Herz und den Kreislauf an.
Als Nebenwirkungen kann es zu Durchblutungsstörungen, Herzrasen und Rhythmusstörungen, zu Übelkeit und anderem kommen. Auch dürfen diese Medikamente bei bestimmten Erkrankungen (z. B. Koronare Herzkrankheit) nicht oder nur bedingt eingenommen werden.
Literatur/Leitlinien/EBM:
Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag (2005).
Hahn, J. M.: Checkliste Innere Medizin. Thieme (4. Auflage 2003).
Harrison, T. R.: Harrisons Innere Medizin. ABW Wissenschaftsverlag (16. Auflage 2005).
Thiemes Innere Medizin (TIM). Thieme (2000).


