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Blutvergiftung



(Sepsis)


Was ist eine Blutvergiftung (Sepsis)?


Der Begriff Sepsis stammt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich Gärung oder Fäulnis. In der Medizin versteht man unter Sepsis eine schwere Allgemeininfektion, die den gesamten Körper betrifft. Dem Volksmund ist die Sepsis unter dem Begriff Blutvergiftung bekannt.

Meist wird eine Sepsis durch Krankheitserreger wie Bakterien, aber auch Viren, Pilze und andere Mikroorganismen hervorgerufen. Diese gelangen, ausgehend von einer Verletzung oder einem an irgendeiner Stelle im Körper sitzenden Entzündungsherd, in die Lymphbahnen und ins Blut. Die Keime selbst und die von ihnen hergestellten Substanzen (z. B. Endotoxine) aktivieren das Abwehrsystem und setzen eine Reihe von Entzündungsreaktionen in Gang. Eigentlich ist das sinnvoll, denn mit Hilfe der Entzündung setzt sich die köpereigene Abwehr gegen die gefährlichen Eindringlinge zur Wehr.

Zu den typischen Symptomen der Sepsis kommt es, wenn der Körper die Entzündung nicht mehr unter Kontrolle halten und begrenzen kann. Daraus resultiert dann eine so genannte systemische oder überschießende Entzündungsreaktion, die nicht nur die Krankheitserreger versucht zu eliminieren, sondern den Körper bzw. verschiedene Organe schwer schädigt. Im schlimmsten Fall versagen mehrere Organsysteme gleichzeitig. Wegen dieser Gefahr ist die Sepsis eine gefürchtete Krankheit, die trotz verbesserter Therapien immer noch oft tödlich verläuft. Einer amerikanischen Studie zu folge erranken in den USA jährlich über 750.000 Menschen an einer Sepsis, und fast ein Drittel der Betroffenen stirbt daran. In Deutschland müssen laut Schätzungen jedes Jahr um die 100.000 Patienten wegen einer Sepsis intensivmedizinisch behandelt werden.

In manchen Fällen entwickeln sich Sepsis-artige Krankheitsbilder auch ohne die Beteiligung von Krankheitserregern. Die (Über-) Aktivierung des Immunsystems erfolgt dann zum Beispiel im Rahmen von Verbrennungen, schweren Unfällen oder großen Operationen. In diesen Fällen kann kein Krankheitserreger aus dem Blut isoliert und kein Entzündungsherd als Ausgangspunkt einer Infektion bestimmt werden. Solche Zustände sind klinisch von einer Blutvergiftung durch Keime nicht zu unterscheiden.

Wie kommt es zu einer Sepsis?


Es kommt zu einer Sepsis, wenn krankheitserregende Keime von einem zunächst lokal begrenzten Infektionsherd ins Blut gelangen und dann über den Blutkreislauf den gesamten Körper überschwemmen. In den meisten Fällen sind Bakterien die Ursache, aber auch Pilze und Viren können eine Blutvergiftung auslösen. Wo sich der ursprüngliche Entzündungsherd befindet, ist völlig unterschiedlich. Eine mögliche Eintrittspforte für Mikroorganismen sind verschmutzte Wunden oder eingedrungene Fremdkörper. Oft liegt der Herd aber auch innerhalb des Körpers, beispielsweise eine Lungenentzündung, ein Harnwegsinfekt oder ein entzündeter Zahn. Glücklicherweise entwickelt sich aber nicht aus jeder lokalen Infektion eine Sepsis.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Immunabwehr des Körpers. Ist diese geschwächt, zum Beispiel durch die Einnahme von Medikamenten (Immunsuppressiva), durch eine Grunderkrankung wie Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Krebs oder nach einer Operation, steigt das Risiko einer Blutvergiftung. Deshalb ist die Sepsis auf chirurgischen Intensivstationen besonders häufig und gilt in Krankenhäusern als wachsendes Problem. Auf der einen Seite gibt es immer mehr Risikopatienten mit einem geschwächten Immunsystem, zum anderen entwickeln sich durch die oft unkritische Anwendung von Antibiotika so genannte multiresistente Keime, die sich kaum medikamentös bekämpfen lassen.

Wie äußert sich eine Blutvergiftung?


Wenn die Erreger sich von einem oberflächlichen Entzündungsherd über die Lymphbahnen ausbreiten, zeigt sich das gelegentlich zuerst in rötlichen oder bläulichen Streifen auf der Haut. Diese Veränderung wird umgangssprachlich oft als Blutvergiftung bezeichnet. Medizinisch gesehen liegt zu diesem Zeitpunkt aber erst eine Entzündung der Lymphgefäße und kein Eindringen der Erreger in die Blutbahn, also keine eigentliche Blutvergiftung, vor.

Kennzeichnend für eine Blutvergiftung ist plötzlich einsetzendes hohes Fieber mit Schüttelfrost als erstes Symptom einer Allgemeininfektion. Die Betroffenen sind schwer krank, ihr Gesicht ist meist blässlich-grau, und der Blutdruck fällt stark ab. Im weiteren Verlauf verschlechtert sich der Zustand immer mehr, die Betroffenen sind benommen und verwirrt. Oft kommt es dann auch zu einer zunehmenden Beeinträchtigung der Atmung.

Durch bestimmte Regulationsmaßnahmen wie zum Beispiel einer Engstellung der Blutgefäße der Haut und einer Beschleunigung des Herzschlages versucht der Körper, die Durchblutung der lebenswichtigen Organe aufrecht zu halten. Diese Steuerungsprozesse können aber im Rahmen der Sepsis auch außer Gefecht gesetzt werden. Besonders bei Menschen mit Vorerkrankungen des Herz-Kreislaufsystems oder der Lunge unterschreitet dann die Sauerstoffversorgung der Organe eine kritische Grenze.

Je nach dem welches Organ geschädigt wird, kommt es zu spezifischen Krankheitszeichen wie Nieren-, Lungen- oder Leberfunktionsstörungen. Bricht der Kreislauf zusammen, spricht man von einem septischen Schock, der unbehandelt rasch zum Tode führen kann. Eine gefürchtete Komplikation ist die so genannte dissemminierte intravasale Gerinnung (übersetzt etwa: "verstreute Blutgerinnung innerhalb der Blutgefäße"). Dabei wird zunächst die Blutgerinnung stark aktiviert, wodurch sich in den Blutgefäßen Gerinnsel bilden. Aus diesem Grund steigt der Verbrauch an Gerinnungsfaktoren so stark an, dass es zu einem Mangel und in der Folge zu starken Blutungen kommen kann. Im weiteren Verlauf können dann alle lebenswichtigen Organe versagen (Multiorganversagen).

Wie diagnostiziert der Arzt eine Sepsis?


Die Diagnose Sepsis wird klinisch gestellt, das heißt der Arzt orientiert sich bei Verdacht aufeine schwere Allgemeininfektion an typischen Krankheitszeichen. Da die Übergänge von einer Infektion zu einer Sepsis fließend sind, wurden verschiedene Punkte-Systeme (so genannte Scores) entwickelt, mit dem Ziel, frühzeitig Anzeichen einer Blutvergiftung auszumachen. Eine amerikanische Konsensuskonferenz aus Vertretern der Gesellschaft für Thoraxchirurgie und der Gesellschaft für Intensivmedizin erstellte 1991 die heute gültigen diagnostischen Kriterien.

Demnach leidet ein Patient mit einer Infektion dann unter einer Sepsis, wenn er mindestens zwei der vier folgenden Symptome zeigt:
  • Körpertemperatur unter 36 oder über 38 Grad Celsius
  • Herzfrequenz über 90 Schläge in der Minute
  • Atemfrequenz über 20 Atemzüge pro Minute
  • Leukozytenzahl im Blutbild über 12.000 oder unter 4.000 pro Kubikmillimeter
Da diese Kriterien sehr oberflächlich und zum Beispiel bei Kindern nur wenig hilfreich sind, gibt es eine Reihe weiterer Merkmale, die eine Rolle spielen. So zum Beispiel der Nachweis einer eingeschränkten Organdurchblutung, die sich oft als erstes als eine Verschlechterung der Nierenfunktion darstellt, oder der übermäßige Anfall von Milchsäure (Laktat) aus dem Stoffwechsel.

Endgültig gesichert ist die Diagnose eigentlich aber erst dann, wenn es gelingt, den auslösenden Erreger zu bestimmen. Dazu nimmt der Arzt Blut ab, das in speziellen Flaschen bebrütet wird. In diesen Blutkulturen kann der Keim dann frühestens nach 24 Stunden nachgewiesen werden.

Wie wird die Blutvergiftung behandelt?


Jede Sepsis kann innerhalb kurzer Zeit in einen septischen Schock oder ein Multiorganversagen übergehen. Aus diesem Grund muss schon beim geringsten Verdacht unverzügliche eine Behandlung im Krankenhaus erfolgen. Je nach Schwere des Krankheitsbildes ist die Aufnahme auf die Intensivstation mit kontinuierlicher Kreislauf- und Atmungsüberwachung und der Möglichkeit der künstlichen Beatmung notwendig. Mit dem Ziel, den verursachenden Keim abzutöten, bekommen die Patienten sofort ein Antibiotikum, wegen der besseren Wirksamkeit in der Regel als Infusion. Die Wahl des Antibiotikums richtet sich nach der Art der Infektion und dem in der Blutkultur nachgewiesenen Erreger. Da dieser mikrobiologische Nachweis mindestens einen Tag dauert, wird bis dahin mit einem Breitspektrum-Antibiotikum therapiert. Dieses Mittel ist gleichzeitig gegen viele verschiedene Erreger wirksam.

Antibiotika können zu unerwünschten Nebenwirkungen führen. So kann es zu allergischen Reaktionen, Mundtrockenheit, Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden und Blutbildveränderungen kommen. Als schwere und seltene Nebenwirkungen der Antibiotikatherapie sind Schäden an Nieren und anderen Organen beobachtet worden. Bei einer Sepsis steht allerdings der Nutzen der Antibiotikagabe im Vordergrund, da die Bakterien unbedingt abgetötet werden müssen um damit ihre weitere Ausbreitung im Körper zu verhindern. Ohne entsprechende Therapie kann eine Blutvergiftung schnell zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen.

Um zu verhindern, dass ständig neue Bakterien in die Blutbahn eindringen, ist es wichtig, den Entzündungsherd zu orten und zu sanieren. Zu diesem Zweck sind oft auch Operationen notwendig (z. B. Operation einer infizierten Gallenblase, Entfernung eines infizierten Katheters). Allerdings gelingt es nicht immer, den Ursprung der Erkrankung ausfindig zu machen.

Bei schweren Verläufen sind oft noch weitere therapeutische Maßnahmen nötig, wie zum Beispiel die medikamentöse Stabilisierung des Kreislaufs, eine Blutwäsche mittels künstlicher Niere (Dialyse), eine künstliche Ernährung und Bluttransfusionen. Nicht selten müssen die Betroffenen auch einige Tage in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt und beatmet werden.

Die medizinische Forschung arbeitet intensiv an Medikamenten, die das Immunsystem stärken und der Abwehr helfen, die Infektion zu kontrollieren und den Krankheitserreger zu eliminieren. Fachleute setzen große Hoffnung in die immunmodulatorische Therapie. Die meisten Behandlungsansätze befinden sich erst in der wissenschaftlichen Erprobung. Zurzeit besteht der wirkungsvollste Behandlungsansatz in der Gabe von Kortison, einem natürlichem Hormon der Nebenniere.

Wie verläuft eine Blutvergiftung?


Sepsis und Multiorganversagen gehören trotz verbesserter intensivmedizinischer Behandlungsmethoden nach wie vor zu den Problemerkrankungen in der Medizin. Weltweit sterben jeden Tag weit über tausend Menschen an den Folgen einer Blutvergiftung. Je früher die Krankheit erkannt und mit der medikamentösen Behandlung begonnen wird, desto besser sind die Aussichten auf eine vollständige Genesung.

Besonders gefährlich ist die Krankheit für Menschen mit einem geschwächten Immunsystem, also beispielsweise für Krebskranke oder Patienten nach einer Organtransplantation. Durch die schlechte Abwehrlage geht die Sepsis bei ihnen besonders häufig in einen septischen Schock oder ein Multiorganversagen über. Eine schwere Sepsis lässt sich dann oft nicht mehr beherrschen und führt in der Hälfte der Fälle zum Tod.

Auch alte oder Menschen mit Vorerkrankungen an inneren Organen, zum Beispiel einer Herzkrankheit, Lungenerkrankung oder vorbestehendem Leberschaden, haben eine schlechtere Prognose, da vorgeschädigte Organe den erhöhten Belastungen, die im Rahmen einer Sepsis auftreten, oft nicht mehr gewachsen sind.

Wie kann man einer Sepsis vorbeugen?


Die beste Vorbeugung gegen eine Sepsis ist, das Eindringen und die Ausbreitung von Krankheitserregern zu verhindern. Verletzungen - auch die kleinsten - sollten immer gesäubert und desinfiziert werden, im Zweifelsfall durch einen Arzt. Bestehende Eiterherde sollten frühzeitig durch den Arzt oder Zahnarzt behandelt werden, um zu verhindern, dass die örtliche Infektion sich ausbreitet.

Im Krankenhaus und besonders im Operationssaal versucht man, durch keimfreies (steriles) Arbeiten die Infektionsgefahr möglichst gering zu halten. Ein Restrisiko besteht aber auch hier, besonders bei Menschen mit einer Abwehrschwäche. Deshalb erhalten sie bei großen infektionsträchtigen operativen Eingriffen oder nach schweren Verletzungen oft bereits vorbeugend Antibiotika.


Literatur/Leitlinien/EBM:



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Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag (2005).

Harrison, T. R.: Harrisons Innere Medizin. ABW Wissenschaftsverlag (16. Auflage 2005).

Hasse, F. M.: Klinikleitfaden Chirurgie. Urban & Fischer (3. Auflage 2002).

Müller-Werdan, U.: Endorganschäden bei Entzündung und Sepsis.
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