Gicht
Was ist Gicht?
Gicht ist die Folge eines zu hohen Harnsäurespiegels im Blut. Sie zählt zu den rheumatischen Erkrankungen und hängt eng mit den Lebens- und Ernährungsgewohnheiten zusammen. Schon die alten Griechen und Römer kannten die Symptome, die besonders nach dem Verzehr opulenter Speisen auftraten.
Es werden vier Stadien einer Gicht unterschieden:
- Erhöhter Harnsäurespiegel ohne Beschwerden
- Akuter Gichtanfall
- Beschwerdefreier Zeitraum zwischen zwei Gichtanfällen
- Chronische Gicht mit Gelenkveränderungen
Was sind die Ursachen einer Gicht?
Der Auslöser von Gichtanfällen ist ein erhöhter Harnsäurespiegel (Hyperurikämie) im Blut. Von einer Hyperurikämie spricht man, wenn der Harnsäurespiegel über 6,4 mg/dl bzw. über 380 mmol/l beträgt. Das Risiko eines Gichtanfalls steigt mit zunehmender Höhe des Harnsäurespiegels.
Harnsäure ist das Abbauprodukt von Purinen. Purine sind Bausteine von Zellkernen in tierischen und pflanzlichen Zellen. Sie sind in fast allen Lebensmitteln enthalten. Besonders purinreich sind beispielsweise fettreiche Fische, Leber und Muskelfleisch. Purinreiche Ernährung ist heutzutage die häufigste Ursache für Gichtanfälle.
Dem erhöhten Harnsäurespiegel liegt dabei in etwa 99 % der Fälle ein erblicher Stoffwechseldefekt zu Grunde, der zu einer Störung der Ausscheidung von Harnsäure in der Niere führt. Harnsäure wird normalerweise zu 2/3 über die Niere und zu 1/3 über den Darm ausgeschieden. Ist die Harnsäure-Ausscheidung über die Niere gestört, kann sich bei purinreicher Ernährung dann ein Gichtanfall manifestieren.
Seltener ist die Ursache eines Gichtanfalls eine verminderte Harnsäureausscheidung aufgrund einer verminderten Nierenfunktion durch Nierenerkrankungen, aufgrund von Medikamenten wie Saluretika (harntreibende Medikamente), bei einem Diabetes mellitus oder bei Fasten.
Ebenso kann ein Gichtanfall ausgelöst werden, wenn vermehrt Harnsäure im Körper anfällt wie z. B. durch einen gesteigerten Zellabbau bei Leukämien, bei Tumoren unter Therapie mit Zytostatika (Zellgifte), bestimmten Formen der Blutarmut (hämolytische Anämie). Bei einigen seltenen Stoffwechselerkrankungen kann es auch zu einer vermehrten Bildung von Harnsäure kommen.
Auslöser für einen Gichtanfall bei erhöhten Harnsäurespiegeln können neben Ess- und Alkoholexzessen auch Stress, Wetterwechsel oder längeres Fasten sein.
Was sind die Beschwerden einer Gicht?
Ein Gichtanfall tritt plötzlich und aus voller Gesundheit auf. Er entsteht, wenn sich Harnsäure in den Gelenken (Finger, Zehen, Knie, Ellbogen) ablagert. Diese Ablagerungen lösen eine schmerzhafte Entzündungsreaktion aus, die mit Rötung, Schwellung und Überwärmung des Gelenks einhergeht. Am häufigsten ist das Großzehengrundgelenk betroffen (Podagra), seltener auch Sprung-, Knie- oder Daumengrundgelenk (Chiagra). Bei Druck sind diese Stellen äußerst schmerzempfindlich. Der Schmerz bei einem Gichtanfall kann so stark sein, dass selbst die Bettdecke auf einer Zehe nicht mehr ertragen wird. Begleitet sind die Schmerzen von einer Rötung, Schwellung und Übererwärmung des betroffenen Gelenks. Zusätzlich besteht oft auch Fieber und es finden sich allgemeine Entzündungszeichen im Blut. Die Anfälle treten in der Regel morgens oder nachts auf und verschwinden nach einigen Tagen oder Wochen von selbst wieder.
Treten Gichtanfälle häufiger auf, können die Gelenke durch die häufigen Entzündungsreaktionen und die Harnsäurekristalle angegriffen werden. Gefährlich ist auch eine Ablagerung der Harnsäurekristalle in den Nieren, da es dadurch zu Nierensteinen und Nierenfunktionsstörungen kommen kann. Außerdem können sich Harnsäureablagerungen auch an anderen Stellen des Körpers finden, z. B. an Ohrläppchen, Sehnen, Schleimbeutel, Knochen. Manchmal sind diese Ablagerungen sogar von außen sichtbar, man bezeichnet sie als Tophus. Die chronische Gicht ist aufgrund der guten Therapiemöglichkeiten heute sehr selten geworden.
Wie wird eine Gicht erkannt?
Viele Leute wissen nicht, dass ihr Harnsäurespiegel zu hoch ist. Meistens wird er erst nach einem ersten Gichtanfall erkannt. Damit es nicht so weit kommt, kann man bei regelmäßigen Blutuntersuchungen den Harnsäurewert bestimmen lassen.
Wird ein erhöhter Harnsäurespiegel festgestellt, sind weitere Untersuchungen zur Erkennung der Ursachen und möglicher Folgeerscheinungen der Hyperurikämie notwendig. Es sollte keine behandlungsbedürftige Grunderkrankung übersehen werden, die die Hyperurikämie verursacht hat. Neben einer ausführlichen Befragung durch den Arzt nach Medikamenten, Ernährung, evtl. bereits aufgetretenen Gichtanfällen werden Blut und Urin untersucht sowie eine Ultraschalluntersuchung der Nieren und des Oberbauches sowie eine Röntgenuntersuchungen der betroffenen Gelenke durchgeführt.
Wie wird Gicht behandelt?
Zunächst ist es wichtig, Allgemeinmaßnahmen wie eine purinarme Diät, reichlich Flüssigkeitszufuhr, eine Gewichtsnormalisierung und den Verzicht auf Alkohol, einzuhalten. Eine Erhöhung des Harnsäurespiegels bis 9 mg/dl, die keine Beschwerden bereitet, wird nur mit einer Diät behandelt.
Zur Schmerzlinderung des akuten Gichtanfalls sind so genannte nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie z. B. Diclofenac geeignet und werden als "Mittel der Wahl angesehen. Sie lindern kurzfristig die Schmerzen und führen zum Rückgang der akuten Entzündung. Allergische Reaktionen sowie Einflüsse auf die Leber- und Nierenfunktion, eine Reizung der Magenschleimhaut und eine erhöhte Blutungsgefahr sind mögliche Nebenwirkungen bei der Einnahme der NSAR.
Ebenfalls seit langem wird Colchicin zur Behandlung des akuten Gichtanfalls eingesetzt. Es mindert rasch die örtliche Entzündungsreaktion. Wegen erheblicher Nebenwirkungen (Übelkeit, Blutbildveränderungen) darf es nur kurzzeitig und in begrenzter Menge eingenommen werden (maximal 8 mg).
Der Wirkstoff Allopurinol führt zu einer verminderten Harnsäurebildung (Urikostatikum) und wird zur Dauerbehandlung der Gicht bzw. der Hyperurikämie eingesetzt. Als häufige Nebenwirkungen werden Durchfall, Hautveränderungen sowie Einflüsse auf das Leber-Galle-System beschrieben. Besondere Vorsichts- und Überwachungsmaßnamen sind bei Gerinnungsstörungen, bei Nierenschwäche sowie in der Schwangerschaft und in der Stillzeit erforderlich.
Bei einer Allopurinol-Unverträglichkeit werden Medikamente eingesetzt, die zur vermehrten Ausscheidung der Harnsäure führen (Urikosurika).
Da zahlreiche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten vorkommen, sollte bei Neuverordnungen zusätzlicher Medikamente auf eine bestehende Einnahme von Allopurinol hingewiesen werden.
Wie kann man Gichtanfällen vorbeugen?
Um das Auftreten von Gichtanfällen zu vermeiden, sollte man einer Erhöhung des Harnsäurespiegels vorbeugen bzw. versuchen, einen bereits leicht erhöhten Harnsäurespiegel durch bestimmte Lebensgewohnheiten zu senken.
So sollte man purinreiche Lebensmittel meiden. Dazu gehören u. a. fetthaltige Fische, Fleisch, Innereien, Hülsenfrüchten, Bier, geröstete Erdnüsse. Empfehlenswerte Lebensmittel sind Milchprodukte, Obst, Vollkornprodukte, Reis und Kartoffeln. Ebenso sollte Alkohol gemieden werden, da dieser die Ausscheidung von Harnsäure mit dem Urin vermindert. Ausschlaggebend ist hier der Alkoholgehalt des jeweiligen Getränkes und nicht die Menge.
Mit einer kalorienarmen Diät und Vermeidung fetthaltiger Speisen, kann man zusätzlich sein Gewicht senken, zumal Übergewicht ein weiterer Risikofaktor für Gicht und andere "Wohlstandserkrankungen darstellt. Wie bereits erwähnt, können aber auch Fastenkuren Gichtanfälle auslösen. Wenn also eine Gewichtsreduktion erwünscht ist, sollte sie langfristig durch die beschriebene Ernährungsumstellung und nicht durch Radikalkuren erfolgen.
Neben der bewussten Nahrungsaufnahme ist es wichtig, ausreichende Flüssigkeitsmengen, also etwa zwei bis drei Liter pro Tag, zu sich zu nehmen. Damit können Harnsäureablagerungen aus dem Körper gespült und besonders auch die Auskristallisierung in den Nieren (Nierensteine) verhindert werden. Dies sollte nicht in Form von koffein- oder alkoholhaltigen Getränken geschehen. Kalorienarme Getränke sind zu bevorzugen. Besteht gleichzeitig eine eingeschränkte Herzleistung (Herzinsuffizienz), sollte die Trinkmenge zuvor mit dem behandelnden Arzt besprochen und festgelegt werden.
Daneben sollte man andere Faktoren, die Gichtanfällen auslösen können, wie starke körperliche und seelische Belastung, weitgehend vermeiden. Auch eine moderate sportliche Betätigung wie Spaziergänge, Fahrradfahren oder Schwimmen wirkt sich positiv auf einen erhöhten Harnsäurespiegel und das Körpergewicht aus.
Literatur/Leitlinien/EBM:
Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag (2004).
Kluthe R. et al: Das Rationalisierungsschema 2004& Aktuelle Ernährungsmedizin 29, S. 245-253 (2004).
Harrison, T. R.: Harrisons Innere Medizin. ABW Wissenschaftsverlag (2003).
Arzneimittelkursbuch 2002/2003.
Gröbner W., Walter-Sack I.: Hyperurikämie und Gicht. Deutsche Medizinische Wochenschrift 127, S. 207-209 (2002).
Silbernagl, S.: Taschenatlas der Pathophysiologie. Thieme (2002).
Mutschler, E.: Arzneimittelwirkungen. WVG (8. Auflage 2001).


