Diabetes mellitus
(Zuckerkrankheit; "Honigsüßer Durchfluss")
Was ist Diabetes mellitus?
Der Diabetes mellitus, auch Zuckerkrankheit genannt, ist eine Stoffwechselerkrankung, die mit einer Erhöhung des Blutzuckerspiegels einhergeht. Ursächlich verantwortlich dafür ist ein absoluter oder relativer Mangel des für den Glukosestoffwechsel entscheidend wichtigen Hormons Insulin.
Der vor allem im Jugendalter und jungen Erwachsenenalter auftretende Diabetes mellitus Typ 1 (juveniler Diabetes) geht mit einem absoluten Mangel an Insulin einher und wird deshalb auch als insulinpflichtiger Diabetes bezeichnet. Der Diabetes mellitus Typ 2 hingegen betrifft vor allem ältere Menschen und beruht meist darauf, dass die Zellen des Körpers nicht mehr ausreichend auf Insulin ansprechen (Insulinresistenz). Daneben gibt es noch einige weitere Formen der Diabeteserkrankung, beispielsweise den Schwangerschaftsdiabetes, die aber zahlenmäßig eine untergeordnete Rolle spielen. Die Angaben zu Häufigkeit der Erkrankung variieren etwas. Auf repräsentativen Stichproben beruhenden Untersuchungen sehen den Anteil an Diabetikern in Deutschland bei um die 8 Prozent. Schätzungen zu den absoluten Zahlen gehen hierzulande von fünf bis sechs Millionen Diabetikern aus, weltweit beträgt die Zahl mehr als 100 Millionen. 90 Prozent davon sind Typ 2-Diabetiker. Insbesondere in den westlichen Industrienationen nimmt die Erkrankungshäufigkeit in den letzten Jahren zu.
Glukose (Traubenzucker) dient dem Körper als Hauptenergielieferant. Sie wird mit der Nahrung aufgenommen und ist immer im Blut vorhanden. Eine Schlüsselstellung bei der Steuerung der Glukosekonzentration im Blut nimmt das von der Bauchspeicheldrüse gebildete Hormon Insulin ein. Hormone sind meist über das Blut verbreitete Botenstoffe, die bestimmte Aktivitäten des Stoffwechsels steuern. Insulin ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass Glukose aus dem Blut in die Körperzellen aufgenommen und dort in Energie umgewandelt wird.
Der normale Blutzuckerwert sollte in nüchternem Zustand unter 110 mg/dl (6,1 mmol/l) liegen.
Beim Diabetes steigt der Blutzuckerspiegel an. Weil es an Insulin mangelt, gelangt die Glukose jedoch nicht aus dem Blut in die Zellen und kann somit nicht in Energie umgewandelt werden. Daher kommt es zu einer Beeinträchtigung der Energieversorgung des Körpers, was sich zunächst hauptsächlich in Abgeschlagenheit und Müdigkeit bemerkbar macht. Noch schwerwiegender sind allerdings die Langzeitfolgen, denn durch den dauerhaft zu hohen Glukosespiegel im Blut können im Laufe der Zeit nahezu alle Organe geschädigt werden.
Welche Diabetes-Formen gibt es?
Man unterscheidet den Diabetes Typ 1 und Typ 2 sowie einen sekundären Diabetes, der aufgrund einer anderen Erkrankung oder durch Medikamente hervorgerufen wird.
Typ 1-Diabetes
Der Typ 1-Diabetes (primär insulinpflichtiger Diabetes mellitus) beginnt meist im Kindes- oder Jugendalter. Bei dieser Form der Erkrankung produziert die Bauchspeicheldrüse kein oder nicht mehr genügend Insulin. Der exakte Krankheitsmechanismus ist nach wie vor nicht endgültig geklärt. Die meisten Experten gehen aber davon aus, dass es sich um eine Art Autoimmunerkrankung handelt. Das heißt, der Organismus bildet fälschlicherweise Antikörper gegen körpereigene Zellen, die dann zerstört werden. Beim Typ 1-Diabetes richten sich diese Antikörper gegen die Insulin produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse. Wenn etwa 80 Prozent dieser so genannten Inselzellen zerstört sind, resultiert ein Insulinmangel und der Blutzuckerspiegel steigt an.
Unbehandelt kommt es beim Typ 1-Diabetes dann zu schweren, rasch einsetzenden Krankheitszeichen, da der Glukosestoffwechsel aus dem Lot gerät und die Energieversorgung zusammenbricht. Typische Symptome sind fortschreitende Gewichtsabnahme, starker Durst und vermehrtes Wasserlassen. Gelegentlich das Leiden auch erst durch ein so genanntes diabetisches Koma, einen durch enorme Blutzuckeranstiege bedingten Schockzustand mit Bewusstlosigkeit, in Erscheinung. Ohne Behandlung führt ein insulinpflichtiger Typ 1-Diabetes mellitus zum Tod.
Die einzige Therapiemöglichkeit besteht im Ersatz des fehlenden Insulins, das Betroffenen heute in vielfältiger Form zur Verfügung steht. Das Ziel der Behandlung besteht darin, den Blutzuckerspiegel durch die Gabe von Insulin zu normalisieren. Bei unzureichender Einstellung und anhaltend hohen Blutzuckerwerten drohen Spätkomplikationen, insbesondere Verkalkungen der kleinen und großen Blutgefäße (Arteriosklerose), die nach Jahren bzw. Jahrzehnten zu Nierenerkrankungen, Schlaganfall, Herzinfarkt, Nervenstörungen und Augenerkrankungen bis zur Erblindung führen können.
Typ 1-Diabetiker stellen unter den Diabetikern insgesamt eine recht kleine Gruppe (unter 10 Prozent). Beim Krankheitsgeschehen spielen erbliche Faktoren offenbar eine Rolle. So finden sich bei 20 Prozent der Typ 1-Diabetiker weitere Diabetiker in der Familie.
Typ 2-Diabetes
Der Typ 2-Diabetes (nicht primär insulinpflichtiger Diabetes mellitus) entwickelt sich hauptsächlich im mittleren und höheren Erwachsenenalter. Er wird deshalb auch heute noch als Altersdiabetes bezeichnet, obwohl das durchschnittliche Lebensalter, in dem sich der Typ 2-Diabetes mellitus manifestiert, sinkt und derzeit bei ungefähr 55 Jahren liegt. Meist sind vom Typ 2-Diabetes Menschen jenseits des 40. Lebensjahres betroffen.
Der Typ 2-Diabetes macht ca. 90 Prozent aller Diabeteserkrankungen aus. Ursache ist zum einen eine Unempfindlichkeit der Körperzellen gegenüber dem eigentlich in ausreichender Menge produzierten körpereigenen Insulin. Dieses Phänomen nennt man Insulinresistenz. Zum anderen ist auch die Ausschüttung des Insulins aus den Zellen der Bauchspeicheldrüse gestört. Auslösende Faktoren eines Typ 2-Diabetes sind Übergewicht (Adipositas) und verminderte körperliche Betätigung, oft begleitet von erhöhten Blutfettwerten sowie Bluthochdruck.
Beim Typ 2-Diabetes sind die Symptome zu Beginn der Erkrankung häufig so milde (Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Juckreiz, Durst und häufiges Wasserlassen), dass die Erkrankung nicht selten erst auf Grund der Spätschäden an Augen, Nieren, Herz, Gefäßsystem und Nerven festgestellt wird. Viele Betroffene verspüren überhaupt keine Beschwerden. Aus diesem Grund sind neben der Bestimmung des Blutzuckerspiegels auch regelmäßige ärztliche Kontrolluntersuchungen des Blutdrucks, der Blutfettwerte sowie der Augen wichtig.
Sekundärer Diabetes
Ein sekundärer Diabetes wird durch andere Krankheiten hervorgerufen. Dies können z. B. Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse sein, etwa eine Bauchspeicheldrüsenentzündung, oder Erkrankungen von Hormondrüsen, bei denen Hormone im Überschuss gebildet werden, die dem Insulin entgegenwirken. Auch die Einnahme bestimmter Medikamente kann einen Diabetes verursachen. Hierzu zählen beispielsweise Kortison oder bestimmte entwässernde Tabletten. Insgesamt betrachtet sind die sekundären Diabetesformen selten.
Woran erkennt man eine Diabeteserkrankung?
Wie bereits geschildert, sind die Beschwerden beim Typ 1-Diabetiker zu Erkrankungsbeginn wesentlich ausgeprägter und treten schneller in Erscheinung: Deshalb wird diese Form meist relativ schnell anhand der charakteristischen Symptome erkannt. Dazu gehören starker Durst, häufiges Wasserlassen und eine rasche Gewichtsabnahme. In der Regel haben Typ 1-Diabetiker darüber hinaus zunächst keine weiteren Erkrankungen und sind auch nicht übergewichtig.
Menschen mit Typ 2-Diabetes haben wenn überhaupt anfangs meist nur geringe Beschwerden wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Juckreiz, Durst und häufiges Wasserlassen. Zudem können sowohl Appetitlosigkeit als auch Heißhunger, eine erhöhte Infektanfälligkeit und eine gestörte Wundheilung auftreten. Die meisten Typ 2-Diabetiker sind übergewichtig. Diese Form der Erkrankung wird sehr oft nur zufällig entdeckt, im Rahmen von Routineuntersuchungen beim Hausarzt.
Wie wird eine Diabeteserkrankung diagnostiziert?
Legen die geschilderten Beschwerden den Verdacht auf Diabetes nahe, bestimmt der Arzt den Zuckergehalt des Blutes (Blutzuckerspiegel), und zwar in aller Regel mehrmals, denn auch bei Gesunden gibt es manchmal Ausreißer nach oben. Beträgt der Blutzuckerspiegel in nüchternem Zustand unter 110 mg/dl (6,1 mmol/l) und steigt nach dem Essen nicht auf über 140 mg/dl an, besteht kein Diabetes. Liegt er nüchtern über 125 mg/dl (7,0 mmol/l), kann von einer Diabeteserkrankung ausgegangen werden.
Um eine sichere Diagnose stellen zu können, erfolgen immer mehrere Blutabnahmen. Liegen die Werte wiederholt im Grenzbereich, wird ein so genannter Glukosetoleranztest durchgeführt. Dazu muss der Patient ein konzentriertes zuckerhaltiges Getränk zu sich nehmen. Zwei Stunden später wird dann der Blutzucker bestimmt. Aus den gemessenen Werten kann der Arzt ersehen, ob der Körper ausreichend Insulin hergestellt hat, um den im Getränk enthaltenen Zucker abzubauen. Werte von mehr als 200 mg/dl (11,2 mmol/l) beweisen einen Diabetes mellitus. Im Einzelfall leicht abweichende Grenzwerte für die Beurteilung des Glukosetoleranztestes können sich aus der Art der Blutentnahme sowie aus der Bestimmungsmethode ergeben.
Ebenso weist jeder Gelegenheits-Blutzucker (also eine Bestimmung unabhängig vom Zeitpunkt einer vorhergehenden Nahrungsaufnahme) von mehr als 200 mg/dl (11,2 mmol/l) auf einen Diabetes mellitus hin. Zur Diagnose muss dieses Ergebnis allerdings mehrmals bestätigt werden.
Ab einem Blutzuckerspiegel von über 160 bis 180 mg/dl (9,0 bis 10,1 mmol/l) wird Glukose mit dem Urin ausgeschieden, was man mithilfe von Teststreifen messen kann.
Wird eine Diabeteserkrankung festgestellt, untersucht der Arzt auf jeden Fall auch weitere Organe, im Hinblick auf mögliche schon eingetretene Folgeschäden (z. B. Augenarztbesuch).
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Vor der Therapie definieren Patient und Arzt gemeinsam Ziele, die mit der Behandlung erreicht werden sollen. Abhängig von der Art der Diabeteserkrankung sowie vom Alter und den Begleiterkrankungen des Betroffenen, gibt es verschiedene Therapieziele. Dazu zählen die Erhaltung bzw. Wiederherstellung der Lebensqualität, eine möglichst weit reichende Verringerung des Risikos von Spätschäden sowie der Sterblichkeit und die Vorbeugung und Behandlung der direkt durch den Diabetes verursachten Beschwerden.
Dabei versucht man, die durch die Therapie bedingten Nebenwirkungen und Belastungen so minimal wie möglich zu halten. Entscheidend wichtig ist dabei die Schulung des Patienten. Sie soll ihm helfen, zu lernen, wie er mit seiner Erkrankung bestmöglich umgeht.. Da die Zuckerkrankheit die Betroffenen ihr weiteres Leben begleitet, legt ein guter Diabetologe Wert darauf, den Diabetiker soweit wie möglich aktiv in seine Behandlung ein zu beziehen. Zu diesem Zweck werden spezielle Schulungsprogramme angeboten.
Bei der Behandlung des Typ2-Diabetes strebt man zunächst eine Normalisierung des Körpergewichts an. Eine diabetesgerechte Ernährung macht eine weitere medikamentöse Therapie häufig überflüssig. Wichtig ist zudem regelmäßige körperliche Betätigung, denn das verbessert die Insulinverwertung: Der Energiebedarf steigt, die Zellen reagieren wieder auf das Insulin, der Blutzucker sinkt.
Alle anderen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie etwa das Rauchen oder übermäßiger Alkoholgenuss, sollten die Patienten vermeiden. Begleiterkrankungen oder Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder eine Fettstoffwechselstörung wird der Arzt konsequent behandeln.
Lassen sich die Blutzuckerwerte durch diese Maßnahmen allein nicht normalisieren, kommen Tabletten, die so genannten oralen Antidiabetika zum Einsatz.
Greifen all diese Maßnahmen nicht oder nicht ausreichend, muss dem Körper von außen Insulin zugeführt werden. Bei Typ 1-Diabetikern, denen es ja von Beginn der Erkrankung an dem Hormon mangelt, ist die Insulintherapie in der Regel die einzige wirksame Behandlungsmethode.
Biguanide (Metformin)
Die bevorzugten Medikamente in der Diabetestherapie sind aufgrund ihrer großen Wirksamkeit hinsichtlich der Stoffwechseleinstellung und des verminderten Risikos von Spätschäden und Sterblichkeit beim übergewichtigen (adipösen) Typ 2-Diabetiker derzeit die Biguanide. Der wichtigste Vertreter heißt Metformin.
Die Wirkweise der Biguanide beruht auf einer Verringerung der körpereigenen Glukoseproduktion, einer verzögerten Glukoseaufnahme aus dem Darm ins Blut sowie einer verbesserten Aufnahme der Glukose aus dem Blut ins Gewebe. Außerdem bremsen Biguanide den Appetit und können so gerade beim übergewichtigen Diabetiker zu einer Gewichtsabnahme führen. Einer ihrer wichtigen Vorteile ist, dass sie im Gegensatz zu vielen anderen Therapeutika keine Unterzuckerungen hervorrufen.
Metformin darf nicht eingenommen werden bei schweren Einschränkungen der Leber- und Nierenfunktion, bei schwerer Herzschwäche und chronischem Alkoholismus.
Alpha-Glucosidase-Hemmer
Diese Antidiabetika (z. B. Acarbose) vermindern den Anstieg des Blutzuckers nach einer kohlenhydratreichen Mahlzeit, indem sie im Darm den Abbau von Kohlenhydraten in Glukose verzögern. Dadurch fällt der Blutzucker-Anstieg nach einer Mahlzeit geringer aus. Unterzuckerungen treten jedoch nicht auf.
Als Nebenwirkung kommt es häufig zu Blähungen und Magen-Darm-Beschwerden, die zwar vom Betroffenen als sehr unangenehm empfunden werden, aber aus medizinischer Sicht als relativ harmlos anzusehen sind. Diese Nebenwirkungen sind vermutlich abhängig von der verabreichten Dosis.
Sulfonylharnstoffe
Zu den ältesten Medikamenten, bei denen entsprechend eine große Erfahrung hinsichtlich Anwendung und Nebenwirkungen besteht, gehört die Gruppe der Sulfonylharnstoffe (z. B. Glibenclamid, Glimepirid). Sie erhöhen die Produktion von Insulin in den Inselzellen der Bauchspeicheldrüse und dessen Ausschüttung. Ein Nutzen für den Diabetiker hinsichtlich der Senkung von Blutzuckerwerten, aber auch der Reduktion von Folgeschäden gilt als gesichert.
Durch die aus dieser Medikation resultierenden höheren Insulinspiegel im Blut kommt es häufig aber auch zu einer - vor allem bei übergewichtigen Diabetikern unerwünschten - Gewichtszunahme. Außerdem können Sulfonylharnstoffe, da sie die Insulinproduktion unabhängig von der Nahrungsaufnahme steigern, zu schweren Unterzuckerungen führen. Diese treten vor allem bei körperlicher Betätigung, also bei einer Erhöhung des Energieverbrauchs, auf, wenn der Betroffene nach der Tabletteneinnahme eine Mahlzeit ausfallen lässt oder bei einer Überdosierung der Tabletten.
Sulfonylharnstoffe wirken aber nur wenn die Inselzellen noch die Fähigkeit besitzen, Insulin zu produzieren.
Glinide
Neuere Wirkstoffe, die ähnlich den Sulfonylharnstoffen die Insulinproduktion der Bauchspeicheldrüse steigern, sind die Glinide. Ihre Wirkung hält deutlich kürzer an als die der Sulfonylharnstoffe und hängt von der Nahrungsaufnahme ab. Demrntsprechend ist die Gefahr einer Unterzuckerung geringer.
Glitazone
Glitazone (Insulin-Sensitizer) verbessern die Wirkung von Insulin am Gewebe, erhöhen dort die Glukoseaufnahme und senken so den Blutzuckerspiegel. In Deutschland dürfen sie nur in Kombination mit Metformin oder Sulfonylharnstoffen gegeben werden. Als Nebenwirkung können Wassereinlagerungen im Gewebe auftreten (Ödeme).
Selten kommt es zu Kopfschmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden. Über mögliche Langzeiterfolge kann man bei diesen noch recht neuen Medikamenten bislang noch keine sicheren Aussagen treffen, da viele wichtige Langzeitstudien noch nicht abgeschlossen sind..
Alle diese Antidiabetika dürfen nicht in der Schwangerschaft eingenommen werden. Schwangere Diabetikerinnen müssen mit Insulin behandelt werden.
Insulin
Wird mithilfe von Tabletten kein normaler Blutzuckerspiegel erreicht, muss man über eine Therapie mit Insulin nachdenken. Die Insulingabe erfolgt durch Spritzen des Hormons unter die Haut ins Unterhautfettgewebe (subkutan), und zwar mehrmals am Tag. Deshalb werden die Patienten bei der Technik kurz angelernt und verabreichen sich dann selbst ihre Insulinspritze. Die Insulintherapie wird individuell auf jeden einzelnen Patienten abgestimmt: Spritzhilfen und unterschiedlich lang wirkende Insulinarten (kurzwirksames Insulin, Verzögerungsinsulin und Mischinsulin) haben die Behandlung in den letzten Jahren wesentlich erleichtert.
Waren die ersten Insuline noch aus den Bauchspeicheldrüsen von Tieren (Rindern, Schweinen) hergestellt, handelt sich bei den heute gebräuchlichen Insulinen zum Großteil um Humaninsulin. Dieses wird gentechnisch produziert und entspricht in seiner Struktur exakt dem von der menschlichen Bauchspeicheldrüse produzierten Hormon. Seit einiger Zeit gibt es auf dem Markt auch Insulinanaloga. Das sind Insulinformen, bei denen die Struktur an definierten Stellen von der des Humaninsulins abweicht. Sinn dieser Insulinanaloga ist die Veränderung von Wirkeigenschaften, das heißt dem Eintritt der Wirkung und der Wirkdauer.
In jüngerer Zeit kombiniert man auch beim Diabetes mellitus Typ 2 vermehrt Tabletten und Insulin. Dabei wird zumeist durch eine einmalige Insulingabe vor dem Schlafengehen der morgendliche Nüchternblutzucker gesenkt. Die Behandlung am Tage erfolgt so lange wie möglich mit Tabletten.
Nebenwirkungen einer Insulintherapie können Entzündung an der Einstichstelle sowie Allergien, Kreislaufschwankungen und, bei zu hoher Dosis oder falscher Anwendung, eine Unterzuckerung sein. Außerdem lässt bei andauernder Insulintherapie die Wirkung des Insulins unter Umständen mit der Zeit nach.
Bei einem Typ 1-Diabetes muss immer das fehlende körpereigene Insulin von außen ersetzt werden, denn die Betroffenen leiden unter einem absoluten Hormonmangel. Diese Therapie benötigen sie ein Leben lang und beginnt ab dem Zeitpunkt der Diagnosestellung. Mit Tabletten lässt sich diese Form der Zuckerkrankheit nicht behandeln.
Es stehen verschiedene Therapiemöglichkeiten zur Verfügung, die den täglichen Erfordernissen des Betroffenen angepasst werden. Die konventionelle Insulintherapie verlangt ein sehr starres Schema bezüglich dem Ess- und dem Spritzverhalten und wird deshalb nicht mehr so gerne eingesetzt.
Die intensivierte konventionelle Insulintherapie lässt dem Diabetiker mehr Freiraum, wobei er vor jeder Mahlzeit seinen Blutzucker messen und anhand dieses Wertes die jeweilige zu spritzende Insulindosis errechnen muss. Dies setzt voraus, dass der Patient gut geschult ist und eigenverantwortlich handeln kann. Aufgrund der resultierenden Freiheit hinsichtlich Lebensführung und Nahrungsaufnahme gilt die intensivierte Insulintherapie heute als Standard-Behandlung für den Typ 1-Diabetes.
Bei der intensivierten konventionellen Insulintherapie des Diabetes mellitus muss der Patient regelmäßig seinen Blutzucker messen und ein Blutzuckerprotokoll führen. Außerdem dokumentiert er die gespritzte Insulinmenge und was er gegessen hat..
Üblicherweise misst der Patient, nach einer Schulung, seinen Blutzucker selbst. Dafür wird Blut auf einen Teststreifen gebracht, ein Messgerät gibt nach einigen Sekunden den aktuellen Blutzuckerwert an. Wie oft und wann der Zucker bestimmt werden muss, hängt dabei vom Einzelfall ab. Zusätzlich kann der Arzt bei einer Blutuntersuchung der HbA1c-Wert bestimmen. Dieser Wert gibt Auskunft über die durchschnittliche Höhe des Blutzuckers in den zurückliegenden acht bis zwölf Wochen und damit auch über den Therapieerfolg.
Warum ist der Diabetes mellitus so gefährlich?
Ein nicht beziehungsweise schlecht behandelter Diabetes mellitus führt zu dauerhaft erhöhten Blutzuckerwerten. Sind die Blutzuckerwerte über längere Zeit erhöht, leiden darunter vor allem die Blutgefäße, was dann Herz, Nieren, Augen und Nerven schädigt. Unterschieden wird zwischen Schäden an den kleinen Blutgefäßen (Mikroangiopathie) und Schäden an den großen Blutgefäßen (Makroangiopathie), die zusätzlich durch Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöhte Blutfette und Rauchen begünstigt werden. Diese schwerwiegenden Folgen entwickeln sich schleichend und werden häufig erst nach Jahren bemerkt. Sie treten sowohl beim Typ 1- als auch beim Typ 2-Diabetes auf.
Die Mikroangiopathie betrifft vor allem die kleinen Blutgefäße an Augen und Nieren. Am Auge führen die Veränderungen zum Nachlassen der Sehschärfe bis hin zur Erblindung. Einmal eingetretene Beeinträchtigungen des Sehvermögens lassen sich in der Regel nicht mehr beseitigen. Allerdings lässt sich verhindern, dass sie weiter fortschreiten.. Der Augenarzt kann bei der Untersuchung schon lange vor dem Auftreten einer Sehverschlechterung Veränderungen erkennen und behandeln. Daher sind regelmäßige augenärztliche Kontrolluntersuchungen für jeden Diabetiker sehr wichtig.
An den Nieren haben Gefäßschäden ebenfalls weitreichende Folgen sie führen zu einer diabetischen Nephropathie. Zum einen wird dabei die Ausscheidungs- und Entgiftungsleistung der Niere gemindert, was in späteren Stadien eine Dialyse (Blutwäsche) erforderlich macht. Zum anderen kann der Blutdruck infolge der Nierenschädigung deutlich ansteigen, was die Gefahr eines Schlaganfalls oder Herzinfarktes weiter erhöht.
Ein schlecht eingestellter Blutzucker kann über die Beeinträchtigung von Nervenfunktionen zu Gefühlsstörungen an den Beinen und Füßen führen. Ist das vegetative Nervensystem betroffen resultieren unter Umständen Herzrhythmusstörungen, Verdauungsstörungen mit Völlegefühl, Problemen beim Wasserlassen und beim Mann Erektionsstörungen.
Die Makroangiopathie führt zu einer Verkalkung der großen Blutgefäße (Arteriosklerose) des Körpers. Am Herzen kann dies zum Herzinfarkt und im Gehirn zum Schlaganfall führen. Sind Arterien in den Beinen verengt, können sich schwer heilende Geschwüre an den Füßen entwickeln (diabetisches Fußsyndrom) und - da durch eine Störung der Nervenfunktion keine Schmerzen entstehen - über lange Zeit unbemerkt bleiben. Diese machen nicht selten eine Amputationen der Zehen, des Fußes, des Unterschenkels oder sogar des ganzen Beines notwendig.
Wird ein Diabetes nicht konsequent behandelt, so treten mit der Zeit zwangsläufig und unvermeidlich Organschäden auf. Die intensivierte konventionelle Insulintherapie, in die viele Diabetiker in den letzten Jahren zunehmend selbständig eingebunden worden sind, erleben nicht wenige Patienten gelegentlich als lästig, manchmal auch als bedrohlich, da sie ständige Selbstbeobachtung und Disziplin erfordert. Es ist aber die wirksamste Möglichkeit, drohende Gefäßveränderungen mit den nachfolgenden Organschäden zu verhindern oder deren Fortschreiten zu verzögern. Dies ist besonders wichtig, da ein hoher Blutzuckerspiegel "nicht weh tut" und daher oft nicht beachtet wird.
Während der Behandlung kann eine Unterzuckerung (Hypoglykämie) auftreten. Durch ein Missverhältnis von Medikamenteneinnahme, Nahrungsaufnahme und körperlicher Aktivität sinkt dann der Blutzucker unter den Normwert. Oft kommt es bei Magen-Darm-Infekten oder bei ungewohnten sportlichen Aktivitäten zu einer solchen Situation. Es ist daher empfehlenswert, bei Abweichungen vom normalen Tagesablauf mehrmals täglich den Blutzuckerspiegel zu kontrollieren.
Tritt eine Unterzuckerung ein, verspürt der Betroffene zunächst Heißhunger, wird unruhig, schwitzt und zittert, wird schließlich schläfrig und kann bewusstlos werden. Daher sollte ein Diabetiker immer (Trauben-)Zucker bei sich haben, um diesen in einer solchen Situation schnell aufnehmen zu können. Verliert ein Diabetiker das Bewusstsein, muss unbedingt und ohne Verzögerung der Notarzt gerufen werden, denn eine zu späte oder nicht erfolgte Behandlung kann zum Tod oder zu dauerhaften Gehirnschäden führen.
Worauf muss man bei der Ernährung achten?
Jeder Diabetiker sollte eine kompetente Beratung z. B. durch eine Diätassistentin erhalten. So lernt er, welche Speisen und Getränke er bevorzugen bzw. eher meiden sollte. Auch erfährt er hier etwas über geeignete Mengen und Verteilung seiner Mahlzeiten. Auf mögliche Fragen kann individuell eingegangen werden.
Die ideale Ernährung eines Diabetikers ist ausgewogen, reich an Ballaststoffen und fettarm. Liegen keine zusätzlichen Erkrankungen vor, strebt man folgende Nahrungszusammensetzung an: 50 bis 60 Prozent der Gesamtenergie aus Kohlenhydraten, 25 bis 35 Prozent aus Fetten und 10 bis 20 Prozent aus Proteinen.
Gemüse, Hülsenfrüchte, Obst und Getreideprodukte sind die zu bevorzugenden Kohlenhydratquellen, da sie reich an Ballaststoffen, Spurenelementen und Vitaminen sind. Vom Körper rasch aufnehmbare Kohlenhydrate, insbesondere Trauben- und Haushaltszucker, sollten wegen des damit verbundenen starken Anstiegs des Blutzuckers nach der Mahlzeit nur mit Umsicht und selten verzehrt werden. Prinzipiell muss der Diabetiker nicht auf zuckerhaltige Lebensmittel verzichten, solange der Zucker in die Nährwert-Berechnung einfließt. Vor allem Typ 2-Diabetiker dürfen aber nicht vergessen, dass Süßigkeiten häufig auch einen hohen Fettgehalt haben, der auch durch Zuckeraustauschstoffe nicht vermindert wird.
Bei den Fetten sollten einfach ungesättigte Fette mit cis-Konfiguration bevorzugt werden. Diese finden sich zum Beispiel in Rapsöl und Olivenöl. Fisch enthält die ebenfalls empfohlenen Omega-3-Fettsäuren.
Genau wie bei der Normalbevölkerung sollten Frauen nicht mehr als 15 g Alkohol/Tag und Männer nicht mehr als 30g Alkohol/Tag zu sich nehmen.
Welche Untersuchungen auf Komplikationen sollten durchgeführt werden?
Diabetes mellitus führt, wie bereits beschrieben, zu schweren Schäden an verschiedenen Organen. Deshalb werden Diabetiker (Typ 1und Typ 2) alle drei Monate von ihrem Hausarzt untersucht. Dabei misst er den Blutzucker, den Blutdruck und das Körpergewicht, mindestens einmal pro Jahr auch das Eiweiß im Urin. Die Bestimmung des HbA1c-Wertes gibt Aufschluss über den Erfolg der Blutzuckereinstellung. Einmal im Jahr sollte der Arzt auch die Blutfettwerte sowie das Kreatinin zur Überprüfung der Nierenfunktion bestimmt werden.
Besonderes Augenmerk richtet er auf die Füße des Diabetikers, um das so genannte diabetische Fußsyndrom, das unbehandelt in einer Amputation enden kann, nicht zu übersehen. Neben der Kontrolle der Fußpulse beurteilt der Arzt dabei auch das Schmerz-, Temperatur- und Vibrationsempfinden. ). Eventuelle Wunden oder ein Fußpilz behandelt er sofort.
Ebenso sollten allen Diabetikern mindestens einmal im Jahr zur augenärztlichen Untersuchung. Bei Menschen mit einem Diabetes Typ 1 ist diese Augenuntersuchung ab dem 5. Jahr nach Beginn der Erkrankung notwendig. Untersuchungen durch weitere spezialisierte Ärzte (Kardiologe, Nephrologe, Neurologe) werden notwendig, wenn Folgeerkrankungen eines Diabetes aufgetreten sind.
Literatur/Leitlinien/EBM:
Berger: Diabetes mellitus. Urban & Fischer (2000).
Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag (2004).
Harrison, T. R.: Harrisons Innere Medizin. ABW Wissenschaftsverlag (2003).
Bundesärztekammer: Nationale Versorgungs-Leitlinie Diabetes mellitus Typ 2 (April 2003).
Bundesministerium für Gesundheit und Soziales (BMGS):
Vierte Verordnung zur Änderung der Risikostruktur-Ausgleichsverordnung (RSAV),
Anlagen 1 und 2b: Anforderung an strukturierte Behandlungsprogramme für Diabetes mellitus Typ 2 (2003).
AWMF-Leitlinien: Leitlinien der Deutschen Diabetes-Gesellschaft: Therapieziele und Behandlungsstrategien beim Diabetes mellitus (057/011K) Mai 2002
AWMF-Leitlinien: Leitlinien der Deutschen Diabetes-Gesellschaft: Definition, Klassifikation und Diagnostik des Diabetes mellitus (057/002K) Mai 2002
AWMF-Leitlinien: Leitlinien der Deutschen Diabetes-Gesellschaft: Behandlung des Typ 1 Diabetes (057/013K) Mai 2002
AWMF-Leitlinien: Leitlinien der Deutschen Diabetes-Gesellschaft: Diabetes Mellitus Typ 2 (057/012K) Mai 2002


