Dickdarmdivertikel
(Divertikelkrankheit; Dickdarmdivertikulose und Dickdarmdivertikulitis)
Was sind Dickdarmdivertikel?
Dickdarmdivertikel sind flaschenförmige Ausstülpungen der Darmwand. Treten sie gehäuft auf, spricht man von einer Dickdarmdivertikulose. Die Ausstülpungen kommen am häufigsten im s-förmigen Anteil des Dickdarms (Sigma), dem letzten Anteil vor dem Enddarm vor. Divertikel können allerdings auch im gesamten Magen- und Darmtrakt auftreten.
Dickdarmdivertikel bilden sich in der Regel im Bereich von Muskellücken in der Darmwand, wo die Blutgefäße durch die Darmwand treten.
Krankheitswert erhalten Divertikel erst, wenn eine Entzündung - eine Divertikulitis - auftritt. Von einer Dickdarmdivertikulose betroffen sind vorwiegend Menschen über 50 Jahre: Divertikel werden in 30 Prozent bei über 50-Jährigen, in 50 Prozent bei über 70-Jährigen und in 66 Prozent bei über 80-Jährigen gefunden.
Wodurch werden Divertikel verursacht?
Auch wenn die Ursachen der Divertikel im Detail noch nicht geklärt sind, so geht man heutzutage von Bewegungsstörungen des Darmes mit begleitender Wandschwäche aus. Daneben fördert eine dauerhafte ballaststoffarme Ernährung - wie sie in Deutschland und Europa üblich ist - die Entstehung der Divertikel. In vielen Ländern Afrikas oder Asiens ist die Dickdarmdivertikulose hingegen selten.
Durch einen generellen Bewegungsmangel und die ballaststoffarme Ernährung kommt es häufig zu dauerhafter (chronischer) Verstopfung (Obstipation), was einen hohen Druck im Darm und auf die Darmwand auslöst.
Die Divertikelentzündung (Divertikulitis) entsteht vermutlich aufgrund verbliebener Kotreste im Divertikel. Durch die Verstopfung der Darmwandaussackung kommt es zur Einwanderung und Vermehrung von Bakterien, die auf die Darmwand übergreifen und ganze Darmabschnitte befallen können.
Welche Beschwerden verursacht eine Dickdarmdivertikulose?
Dickdarmdivertikel verursachen bei 70 bis 80 Prozent der Betroffenen keine Beschwerden. Die meisten solcher Divertikel sind ein Zufallsbefund bei einer aus anderen Gründen durchgeführten Darmspiegelung. Selten treten Schmerzen im Unterbauch mit Blähungen auf, die sich meist nach Stuhlabgang bessern.
Erst die Entzündung der Divertikel führt zu heftigeren Bauchschmerzen, bevorzugt im linken Unterbauch, aber unter Umständen auch auf der rechten Seite. Hinzu kommen Appetitlosigkeit, Unwohlsein und Erbrechen. Je nach Ausmaß der Entzündung treten Verstopfung oder Durchfälle hinzu. Leichtes Fieber ist häufig, hohes Fieber tritt in der Regel nur bei Komplikationen auf.
Mögliche Komplikationen sind ein Darmdurchbruch mit Ausbreitung der Entzündung auf das Bauchfell, Abszessbildung, Blutung, Ausbildung einer Verbindung zwischen Dickdarm und Blase oder Scheide sowie ein Darmverschluss.
Wie wird eine Divertikulitis festgestellt?
Die ärztliche Untersuchung umfasst, neben Fragen nach den Beschwerden und nach vorangegangenen Entzündungen, das Abtasten des Bauches sowie die Austastung des Enddarms mit dem Finger (rektale Untersuchung).
Im Blut zeigt sich eine erhöhte Entzündungsaktivität. Eine Ultraschalluntersuchung zeigt die verdickte Darmwand sowie Kot innerhalb der Divertikel. Bei einer Entzündung der Divertikel lassen sich typische Veränderungen im Bauchraum erkennen. Für die endgültige Diagnose der Divertikulitis wird meist eine Computertomographie (CT) durchgeführt. Hier lässt sich das Ausmaß der Entzündung gut einschätzen. Alternativ kann gerade bei jüngeren Patienten eine Magnetresonanztomographie (MRT) gemacht werden, um die Strahlenbelastung zu reduzieren.
Die Divertikel selbst können über einen so genannten Dickdarm-Kontrasteinlauf dargestellt werden.
Bei dieser Untersuchung wird über den After Röntgen-Kontrastmittel in den Darm geleitet, welches sich im Dickdarm verteilt (Kontrast-Einlauf). Im Röntgenbild zeigen sich dann Divertikel, Verengungen, Erweiterungen oder Auffälligkeiten der Darmschleimhaut. Diese im Allgemeinen risikoarme Untersuchung kann als unangenehm empfunden werden, man kann mit ihr jedoch sicher die Diagnose einer Divertikulose stellen. Bei einer Divertikulitis sollte kein Röntgen-Kontrasteinlauf durchgeführt werden, da das Risiko eines Darmdurchbruches zu hoch ist. Aus dem gleichen Grund wird bei einer Divertikulitis keine Darmspiegelung vorgenommen.
Wie wird die Divertikulitis behandelt?
Eine symptomlose Divertikulose muss nicht behandelt werden. Empfohlen wird allerdings eine ballaststoffreiche Ernährung mit viel Obst und Gemüse.
Die empfohlene Behandlung bei erstmaligem Auftreten (erster Schub) einer Divertikulitis ist die Verabreichung von Antibiotika. Dies sind Bakterien abtötende Medikamente, die ein weiteres Ausbreiten der Erreger im Darm oder sogar im ganzen Körper verhindern. Nebenwirkungen wie allergische Reaktionen, Magen-Darm-Beschwerden oder Ähnliches können, je nach Wirkstoff, unter der Therapie mit Antibiotika auftreten, sind aber in der Regel selten. Bei einer leichten Entzündung können Antibiotika über den Mund eingenommen werden. Weiterhin sollte keine feste Nahrung zu sich genommen werden. Meist bessern sich die Beschwerden nach zwei bis drei Tagen, so dass vorsichtig und langsam wieder feste Nahrung gegessen werden kann.
Bei mittelschweren und schweren Entzündungen oder bei Komplikationen muss die Behandlung im Krankenhaus erfolgen, denn die Antibiotika und eine künstliche Ernährung müssen über die Vene verabreicht werden. So kann der Darm durch Fasten (Null-Diät) ruhig gestellt werden. Zudem sind engmaschige Kontrollen der Erkrankung notwendig. In den meisten Fällen tritt nach zwei bis vier Tagen eine Besserung der Beschwerden auf. Tritt diese nicht ein, sollte intensiv nach Komplikationen gesucht werden.
Bei wiederholter Entzündung der Divertikel oder wenn Komplikationen wie eine Verengung, ein Durchbruch des Darmes oder wiederholt eine Blutung aufgetreten sind, wird die operative Entfernung des erkrankten Darmabschnittes empfohlen (Darmresektion). Diese sollte wenn möglich nicht während der akuten Krankheitsphase, sondern zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Durch einen Bauchschnitt - eventuell auch während einer Bauchspiegelung - wird der betroffene Darmabschnitt entfernt und die entstehenden Darmenden aneinander genäht. Bei einer schweren Bauchfellentzündung ist es notwendig, vorübergehend einen künstlichen Darmausgang anzulegen.
Das Operationsrisiko ist bei einfacher Entfernung gering und wird vorwiegend durch bereits bestehende Komplikationen bestimmt. Wie bei jedem operativen Eingriff kann es auch hier zu Blutungen und Nachblutungen, Entzündungen, Verklebungen, Wundinfektionen sowie zu einer so genannten Nahtinsuffizienz und Anastomoseninsuffizienz kommen. Dies bedeutet, dass die zusammengenähten Darmanteile nicht halten und wieder auseinanderweichen, sodass ein zweiter Eingriff nötig ist.
Durch die Operation kann der Betroffene von der Divertikulose geheilt werden. Eine Beeinträchtigung der Lebensqualität ist durch das Fehlen dieses kurzen Darmabschnittes nicht zu erwarten.
Welche Maßnahmen sind sonst noch möglich?
Man geht davon aus, dass eine ballaststoffreiche Ernährung einem Fortschreiten der Divertikelkrankheit entgegengewirkt. Dies gilt auch für Menschen, die sich bereits einer Darmoperation unterziehen mussten. Ballaststoffe sind vor allem in verschiedenen Getreidesorten und Körnern sowie in Obst und Gemüse enthalten. Gegebenfalls können auch Ballaststoffe in Form von Medikamenten eingenommen werden. Wichtig ist eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme von mindesten zwei, besser drei Litern pro Tag. Auch regelmäßige Bewegung hat einen positiven Einfluss auf die Darmtätigkeit und sollte als vorbeugende Maßnahme bei Dickdarmdivertikeln eingesetzt werden.
Literatur/Leitlinien/EBM:
Hoffmann R. M., Kruis W.: Divertikulose und Divertikulitis. Der Internist 46, S. 671-684 (2005).
Herold G.: Innere Medizin. Selbstverlag (2004).
Koop: Gastroenterologie compact. Thieme (2001).
Hahn/Riemann: Klinische Gastroenterologie. Thieme (2000).


