Darmpolypen
Darmpolypen kommen bei rund zehn Prozent der Bevölkerung vor und nehmen ab dem 60. Lebensjahr deutlich zu. Da bestimmte Polypen, so genannte Adenome, eine Neigung zur Entartung haben, ist das Erkennen, Abklären und Entfernen von Darmpolypen wichtig, um die Entstehung eines Darmkrebses zu verhindern.
Was sind Darmpolypen?
Darmpolypen sind in den Dickdarm (Kolon) hineinragende Schleimhautgeschwulste. In mehr als 95 Prozent der Fälle handelt es sich dabei um Adenome, die vom Drüsengewebe der Schleimhaut ausgehen.
Adenome wachsen langsam, können aber nach einer gewissen Zeit entarten und bösartig werden. Das Risiko, dass sich aus einem gutartigen Polypen ein Dickdarmkrebs (Kolonkarzinom) entwickelt, nimmt zu, wenn er eine Größe von einem Zentimeter überschreitet. Polypen können unterschiedliche Formen und Größen haben und einzeln oder in größerer Zahl auftreten. Bei 50 Prozent der Patienten finden sich die Polypen im Enddarm, auch Mastdarm oder Rektum genannt.
Polypen kommen bei etwa 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung vor. Sie entstehen selten vor dem 30. Lebensjahr, treten jedoch gehäuft ab dem 60. Lebensjahr auf.
Welche Formen haben diese Polypen?
Polypen im Dickdarm- bzw. Enddarmbereich können als gestielte oder breitbasig aufsitzende Vorwölbungen der Darmschleimhaut erscheinen. Es handelt sich zunächst um gutartige Tumoren der Schleimhaut, die je nach Typ ein unterschiedliches Entartungsrisiko aufweisen. Sie werden nach dem Aussehen ihrer Zellen unter dem Mikroskop in so genannte neoplastische (neugebildete), hamartomatöse, hyperplastische und entzündliche Polypen eingeteilt.
Die Adenome neigen zur Entartung. Es gibt verschiedene Adenomtypen: die villösen, die tubulären und die Mischform der tubulovillösen Adenome.
Das tubuläre Adenom ist das häufigste neoplastische Adenom. Es ist meist breitbasig, von glatter Oberfläche und in der Farbe der umgebenden Schleimhaut. Bei Vergrößerung bildet es einen Stiel aus und zeigt eine dunkelrote bis rotbraune Farbe.
Das villöse Adenom ist seltener. Es ist meist breitbasig, an der Oberfläche von zottigem Aspekt und leicht verletzlich. Hier ist die Entartungshäufigkeit deutlich höher.
Tubulovillöse Adenome finden sich bei 30 bis 50 Prozent aller neoplastischen Polypen. Sie entstehen wahrscheinlich aus tubulären Adenomen.
Welche Ursachen sind bekannt?
In Westeuropa und den USA haben im Vergleich zu anderen Teilen der Welt besonders viele Menschen Darmpolypen. Offenbar besteht ein Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Darmpolypen und der Ernährung. Es wird daher angenommen, dass ein hoher Fettgehalt und ein geringer Anteil an Ballaststoffen in der Nahrung eine Rolle bei der Polypenbildung spielen.
Zusätzlich begünstigen Alkohol und Rauchen die Entstehung von Polypen. Des Weiteren gibt es einige erbliche Erkrankungen, die mit dem vermehrten und frühzeitigen Auftreten von Darmpolypen und einem gesteigerten Darmkrebsrisiko einhergehen. Hierzu zählen die familiäre adenomatöse Polyposis (FAP), das Gardner-Syndrom, das Peutz-Jeghers-Syndrom sowie das Lynch I- und Lynch II-Syndrom.
Welche Symptome treten bei Darmpolypen auf?
Kleinere Polypen machen in der Regel keine Beschwerden, weshalb sie meist zufällig bei einer aus anderen Gründen vorgenommenen Darmspiegelung (Koloskopie, Rektoskopie) entdeckt werden.
Je größer die Polypen, desto häufiger treten Beschwerden auf. Diese äußern sich in erster Linie durch Stuhlunregelmäßigkeiten (Durchfall oder Verstopfung). Bei größeren Polypen findet man oft auch Spuren von Blut oder Schleim im Stuhl.
Gelegentlich wird über leichte Bauchschmerzen geklagt. Größere Blutverluste können zu einer Blutarmut (Anämie) führen. Ein großer Polyp kann den Darm verschließen und die Darmentleerung behindern.
Wie stellt der Arzt die Diagnose?
Zunächst wird der Arzt eine ausführliche Erhebung der Krankengeschichte vornehmen. Dann führt er eine gründliche Untersuchung des Enddarmes mit dem Finger durch, da die meisten Polypen im letzten Abschnitt des Darms sitzen. Eine Stuhlprobe wird auf Spuren von nicht sichtbarem Blut untersucht (Hämocculttest), denn Blut im Stuhl ist möglicherweise und unter anderem ein Hinweis auf einen blutenden Polypen.
Die exakte Abklärung erfolgt aber erst durch die Spiegelung des Dickdarms (Koloskopie). Diese Untersuchung kann entweder im Krankenhaus oder auch in bestimmten Arztpraxen (meist Facharztpraxen für Gastroenterologie) vorgenommen werden, die mit einem entsprechenden Gerät (Koloskop) ausgestattet sind.
Die Enddarmspiegelung (Rektoskopie) wird mit einem Rektoskop durchgeführt, das in den Enddarm eingeführt wird. Damit können die unteren Darmabschnitte auf Schleimhautveränderungen (z. B. Polypen) untersucht werden. In der Regel wird jedoch mit einem Koloskop der gesamte Dickdarm betrachtet (Koloskopie).
Dafür ist eine Säuberung des Darmes notwendig, die mindestens einen Tag Vorbereitung erfordert. Falls möglich, werden die Polypen während der Koloskopie mit speziellen Instrumente, die durch das Koloskop vorgeschoben werden, entfernt und anschließend feingeweblich unter dem Mikroskop untersucht. Dadurch lässt sich feststellen, ob eventuell Zellen zu einem Dickdarmkrebs entartet sind.
Während der endoskopischen Untersuchung kann die Behandlung mit Schmerzmitteln oder leicht betäubenden Medikamenten notwendig sein, um die Untersuchung für den Patienten erträglicher zu machen. Komplikationen der Koloskopie sind im Allgemeinen selten. Dennoch sollte eine Darmspiegelung wegen der Perforationsgefahr (Darmdurchbruch) nicht während einer akuten Entzündung des Darmes, sondern erst nach deren Abklingen durchgeführt werden.
Durch das Entfernen der Polypen kann es zu Blutungen und Nachblutungen kommen. Allgemein können in seltenen Fällen Herz-Kreislauf-Probleme im Rahmen einer Darmspiegelung bei besonders geschwächten Personen auftreten. Belastend und unangenehm empfinden die Patienten aber vor allem die Vorbereitungsphase der Koloskopie am Vortag, an dem sie sich nur flüssig ernähren dürfen, Abführmittel einnehmen und manchmal auch einen sehr salzig schmeckenden Saft trinken müssen.
Eine Dickdarmspiegelung dauert im Schnitt etwa eine halbe Stunde, je nach Befund und Untersuchungsbedingungen. Falls viele Polypen im Rahmen der Untersuchung mit entfernt werden müssen, kann es natürlich auch etwas länger dauern. Die Rektoskopie geht meistens etwas schneller, da hierbei nur ein kürzerer Darmabschnitt, der Enddarm, untersucht wird.
Bei den erblichen Formen der Polyposis sind regelmäßige Koloskopien zwingend notwendig, da hier ein größeres Risiko der Darmkrebsentstehung vorliegt, und die Polypen ständig kontrolliert und ggf. entfernt werden müssen.
Wie behandelt man Darmpolypen?
Alle Polypen sollten entfernt und auf Gut- bzw. Bösartigkeit hin untersucht werden. Sie können in der Regel direkt bei der endoskopischen Untersuchung mit einer Schlinge umfasst und entfernt werden. Dieser Vorgang ist meist schmerzlos. Findet sich nur ein kleiner Polyp (kleiner als ein Zentimeter) ohne Zellveränderungen, reicht eine Dickdarmspiegelung nach drei Jahren zur Kontrolle aus.
Handelt es sich bei dem Polypen um ein bösartiges Geschwulst, wird je nach Lokalisation und Tumortyp behandelt. Dabei muss manchmal ein Teil des Darmes entfernt werden, was bei kleineren Darmabschnitten meist wenig bis gar keine Auswirkungen auf die Verdauung und das Stuhlverhalten hat. Falls sich der Tumor nur oberflächlich ausgebreitet hat, kann es oft auch ausreichen, nur den Polypen selbst zu entfernen und in der Folge regelmäßige Kontrolluntersuchungen durchzuführen.
Bei den seltenen vererbbaren Polypen ist das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, besonders hoch (familiäre Polyposis coli). Wenn im Darm so viele Polypen sind, dass nicht alle endoskopisch entfernt werden können, muss der gesamte Dickdarm entnommen werden (Kolektomie). Da bei dieser Operation der Dünndarm mit dem Schließmuskel des Afters verbunden wird, kann der Stuhl weiterhin auf normalem Wege entleert werden. Allerdings ist nach einer solchen Operation das Stuhlverhalten erheblich verändert, da der Stuhl nun nicht mehr eingedickt werden kann und demnach sehr flüssig ist. Die Aufnahme und Verwertung der Nahrung ist durch eine Entfernung des Dickdarms allerdings nicht gestört, da dies im Dünndarm geschieht.
Wie kann man der Erkrankung vorbeugen?
Da möglicherweise ein Zusammenhang zwischen der Ernährung und der Entstehung von Darmpolypen besteht, ist eine ausgewogene, fettarme und ballaststoffreiche Kost empfehlenswert. Ebenso sollte der Genuss von Alkohol und Nikotin in Maßen gehalten werden. Sinnvoll ist außerdem, Übergewicht zu vermeiden und regelmäßig Sport zu betreiben.
Daneben ist es wichtig, mögliche Polypen früh zu entdecken und zu entfernen, damit sich daraus kein Dickdarmkrebs entwickeln kann.
Ab dem Alter von 50 Jahren haben Frauen und Männer die Möglichkeit einer jährlichen kostenfreien Vorsorgeuntersuchung durch den Arzt. Durch eine jährliche Wiederholung der Untersuchung ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, Polypen so frühzeitig zu erkennen, bevor sie bösartig entarten und eine heilende Therapie eingeleitet werden kann. Zu dieser Darmkrebs-Vorsorgeuntersuchung gehört neben einer allgemeinen körperlichen Untersuchung auch die Befragung durch den Arzt nach Veränderungen beim Stuhlgang und nach den Ernährungsgewohnheiten.
Die körperliche Untersuchung beinhaltet die Austastung des Enddarms (rektale Untersuchung) sowie den Test auf nicht sichtbares Blut im Stuhl (Hämocculttest). Auch wenn im Hämocculttest aus anderen Ursachen Blut nachgewiesen wird (z. B. bei Hämorrhoiden oder nach Fleischverzehr), so ist bei diesem Testergebnis oder bei geringstem klinischem Verdacht die weitere Abklärung mit einer Darmspiegelung dringend erforderlich.
Seit dem 1. Oktober 2002 haben Versicherte ab dem Alter von 55 Jahren zusätzlich Anspruch auf zwei Darmspiegelungen (Koloskopien), die zweite davon frühestens zehn Jahre nach der ersten (unauffälligen) Untersuchung. Diese Leistung der GKV ist eine wichtige Säule in der Früherkennung von Darmkrebs. Früh erkannt, hat Darmkrebs eine sehr gute Prognose.
Anders gestalten sich die Empfehlungen bei Risikogruppen. Erstgradige Verwandte von Personen, die an Darmkrebs erkrankt sind oder waren, sollten sich einer kompletten Darmspiegelung unterziehen, dann in Abständen von mindestens zehn Jahren wiederholt werden muss.
Risikogruppen, die an genetisch bedingtem gehäuftem Auftreten von Darmpolypen (z. B. familiäre adenomatöse Polyposis) leiden, werden unter Berücksichtigung besonderer Richtlinien der Früherkennung in speziellen Zentren betreut.
Wie ist die Prognose?
Darmpolypen sind gutartig. Bei 30 bis 50 Prozent der Patienten, die bereits einen Polypen hatten, bilden sich aber erneut Geschwulste.
Anhand der Größe, Anzahl und Form der Adenome schätzt man ab, wie hoch das Krebsrisiko im Einzelfall liegt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Polyp entartet, also bösartig wird, liegt zwischen ein und zehn Prozent bei den tubulären Adenomen, bei den villösen Polypen und den Mischformen sogar bei 20 bis 50 Prozent.
Bei einer erblichen Veranlagung für die Entstehung von Polypen (wie die familiäre adenomatöse Polyposis oder die hamartösen Polyposis-Syndrome) ist das Risiko noch größer.
Impressum
Copyright: sanvartis GmbH
Erstellungsdatum: Juni 2002
Autoren: Dr. med. Inka Meissner und Dr. med. Silke Zaun (Fachärztinnen für Allgemeinmedizin)
Letzte Aktualisierung: September 2005
Durch: Janna Christoffers, Medizinjournalistin und Dr. med. Dirk Nonhoff (Facharzt für Allgemeinmedizin)
Literatur/Leitlinien/EBM:
Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag (2004).
Felix-Burda-Stiftung: Darmkrebs-Monat März. www.darmkrebs.de
Hahn, E.G.; Riemann, J.F.: Klinische Gastroenterologie. Thieme (2000).
Koop, I.: Gastroenterologie compact. Thieme (2002).
Schumpelick, V.; Bleese, N.; Mommsen, U.: Chirurgie. Thieme (6.Aufl. 2003).
Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)
Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten: Kolorektales Karzinom.
AWMF-Leitlinien-Register Nr. 021/007. (Letzte Überarbeitung: 2004).


