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DiGeorge-Syndrom


(CATCH-22-Syndrom)


Was versteht man unter einem DiGeorge-Syndrom?


Mitte der 1960er Jahre entdeckte der Arzt Angelo DiGeorge, dass eine Reihe von Krankheitssymptomen überdurchschnittlich oft gemeinsam auftritt. Dazu gehören eine Nebenschilddrüsen-Unterfunktion, eine unterentwickelte oder fehlende Thymusdrüse, bestimmte angeborene Herzfehler und eine Lippen- beziehungsweise Gaumenspalte. Dieser Symptomenkomplex erhielt den Namen DiGeorge-Syndrom.

Dank der verbesserten Möglichkeiten bei der genetischen Diagnostik wurde dann in den 1980ern die Ursache der Erkrankung gefunden. Mehr als 90 Prozent der Patienten mit den Zeichen eines DiGeorge-Syndroms haben einen Defekt im Erbgut - auf ihrem Chromosom 22 fehlt ein kleines Stück DNA, und zwar in der so genannten q11-Region. Man spricht von einer Deletion. Der genetische Defekt beeinflusst bereits im Mutterleib die Entwicklung bestimmter Gewebetypen was dann die typischen Krankheitszeichen verursacht.

Die 22q11-Deletion ist einer der häufigsten Chromosomendefekte, nach Schätzungen tritt sie bei einem von 3000 bis 4000 Neugeborenen auf.

Welche Ursachen hat die Krankheit?


Bei zehn Prozent der Betroffenen scheint eine familiäre Veranlagung eine Rolle zu spielen, das heißt die Chromosomen-Deletion wird von den Eltern an die Kinder weitergegeben, wobei die Eltern auf Grund des Vererbungsmechanismus aber nicht zwangsläufig selbst unter einen DiGeorge-Syndrom leiden müssen. Sehr viel häufiger tritt der Defekt rein zufällig auf, warum ist nicht bekannt.

Auf der q11-Region des Chromosoms 22 befinden sich mehr als 30 Gene deren exakte Aufgaben allerdings kaum erforscht sind. Wenn dieser Abschnitt aber wie beim DiGeorge-Syndrom fehlt, ist die Entwicklung bestimmter Zellverbände bereits im Mutterleib gestört, die Kinder kommen also krank zur Welt.

Für das Verständnis des DiGeorge-Syndroms muss man wissen, dass verschiedene Organe bei der Embryonalentwicklung aus gemeinsamen Vorläuferstrukturen hervorgehen. Bestimmte Gesichtsanteile, Herz, Nebenschilddrüse und Thymusgewebe differenzieren sich beim Ungeborenen aus ein und demselben Zellfeld, nämlich aus der so genannten dritten und vierten Schlundtasche. Dieser Prozess wird durch die Chromosomendeletion gestört, was erklärt, warum bei der Krankheit stets die gleichen Organe betroffen sind.

Wie äußert sich das DiGeorge-Syndrom?


Obwohl Angelo DiGeorge das nach ihm benannte Syndrom als einen Komplex von vier Krankheitszeichen beschrieben hat, leidet längst nicht jedes Kind unter den selben Beschwerden. Die Symptome sind je nach Schwere der Krankheit sehr variabel und können mehr oder minder ausgeprägt sein - oder auch gar nicht vorhanden. In der Literatur wurden über hundert mögliche Folgen der 22q11-Deletion beschrieben. Die häufigsten sind:
  • Angeborene Herzfehler, oft mit Beteiligung der Hauptschlagader. Typisch ist die so genannte Fallot´sche Tetralogie, ein kombinierter Defekt von Herzklappen, Herzwand und der aus den Herzkammern abgehenden Gefäße. Über 80 Prozent der Kinder mit DiGeorge-Syndrom kommen mit einem Herzfehler zur Welt.
  • Nebenschilddrüsen-Unterfunktion (Hypoparathyreoidismus). Der Mangel an von der Nebenschilddrüse hergestelltem Parathormon hat vor allem Auswirkungen auf den Kalziumhaushalt. Sowohl die Aufnahme aus dem Darm als auch die Freisetzung aus den Knochen ist verringert, was zu einem Kalziummangel führt.
  • Unterentwicklung oder vollständiges Fehlen des Thymus (Thymusaplasie). Das Organ hat normalerweise die Aufgabe, die im Immunsystem so wichtigen Lymphozyten für die Abwehr von Krankheitserregern "auszubilden". Durch den Thymusdefekt sind Kinder mit DiGeorge-Syndrom anfällig für Infektionskrankheiten.
  • Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. Durch die genetische Störung wachsen die im Mutterleib symmetrisch angelegten Strukturen des Mund- und Gaumenbereichs nicht vollständig zusammen, es bleibt eine mehr oder minder große Spalte offen. Im Säuglingsalter äußert sich das in Form von Schwierigkeiten beim Trinken und Schluckstörungen. Ältere Kinder leiden unter häufigen Mittelohrentzündungen, die nicht selten bleibende Hörschäden nach sich ziehen. Das Symptom wurde früher als "Wolfsrachen" bezeichnet.
  • Relativ kleiner Kopf und auffällige Gesichtsform mit kleinem Mund und Kinn, sowie einer schräg nach außen ansteigenden Augenform.
  • 40 Prozent der betroffenen Kinder bleiben in ihrer geistigen Entwicklung etwas hinter den Gleichaltrigen zurück. In aller Regel sind ihre intellektuellen Fähigkeiten aber normal oder nur leicht vermindert.


Wie wird die Krankheit diagnostiziert?


Bei vielen Kindern macht sich das die DiGeorge-Syndrom in den ersten ein, zwei Tagen ihres Lebens durch den angeborenen Kalziummangel bemerkbar, sie leiden unter anfallsartigen Krämpfen der Muskulatur. Eine Bestimmung des Kalziumsspiegels im Blut lenkt den Verdacht auf die Krankheit.

Außerdem sind die kleinen Patienten in Folge des Herzfehlers oft sehr schwach und tun sich beim Atmen schwer. Um zu klären, welche Organe noch betroffen sind und ob es sich um ein DiGeorge-Syndrom handelt, schließen sich dann verschiedene Untersuchungen an.

Mit Hilfe der Sonografie (Ultraschalluntersuchung) lässt sich die Aplasie des Thymus diagnostizieren, eine Echokardiografie (Ultraschalluntersuchung des Herzens) macht Herzfehler sichtbar. Auch Röntgenuntersuchungen sind aufschlussreich. Besonders wichtig ist die Überprüfung der Funktion des Immunsystems mit speziellen Blutuntersuchungen.

Sprechen die Symptome für die Krankheit, wird der Arzt zur endgültigen Sicherung der Diagnose einen sogenannten FISH-Test durchführen. Das ist ein spezieller genetischer Bluttest, bei dem die Deletion auf dem Chromosom 22 direkt nachgewiesen werden kann.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?


Die Therapie des DiGeorge-Syndroms hängt sehr stark davon ab, unter welchen Symptomen die Kinder leiden und wie ausgeprägt diese sind. In den ersten Lebenstagen steht zunächst meist die Behandlung des Kalziummangels im Vordergrund, der unter Umständen schnell lebensbedrohlich werden kann. Das Mineral wird unter ständiger Kontrolle des Blutspiegels per Infusion "von außen" ersetzt.

Viele Herzfehler lassen sich operativ korrigieren. Ob der Eingriff sofort durchgeführt werden muss oder warten kann bis der Säugling etwas größer und robuster geworden ist, hängt von der Schwere der Fehlbildung ab. Die langfristige Behandlung eines eventuellen Immundefektes wird von Experten kontrovers diskutiert - in jedem Fall brauchen diese Kinder besonderen Schutz vor Krankheitskeimen. Schon beim ersten Zeichen einer Infektion sollte diese mit Antibiotika (Bakterien-abtötenden Medikamenten) behandelt werden.

Unter Umständen kann man die fehlenden Antikörper auch medikamentös ersetzen. Da sich der Immundefekt gar nicht selten mit der Zeit bessert, raten viele Ärzte ber zunächst zum Abwarten. Als letzte Möglichkeit bleibt dann eine Knochenmarkstransplantation von einem gesunden Spender, dessen Immunzellen den Kampf gegen Keime bereits gelernt haben. Die Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte kann, sofern sie schlimm ist, auch operiert werden.

Das DiGeorge-Syndrom ist nicht ursächlich heilbar und erfordert deswegen in aller Regel eine lebenslängliche Behandlung. Für die Kinder selbst, aber auch für viele Eltern bedeutet das eine enorme Belastung. Hier können Selbsthilfegruppen wertvolle Unterstützung bieten. Wenn man bemerkt, dass sich der Nachwuchs beim Lernen schwer tut, ist eine optimale Förderung sehr wichtig. Hier gilt: Je früher, desto besser. Sonderpädagogische Einrichtungen bieten bereits im Kleinkindesalter Programme, die speziell auf die individuelle Intelligenz des einzelnen Kindes abgestimmt sind. Besonders bewährt haben sich Integrationskindergärten beziehungsweise -schulen, in denen Gesunde und Kranke gemeinsam spielen und lernen.

Welche Prognose haben die Betroffenen?


Wirklich ursächlich heilen lässt sich das DiGeorge-Syndrom nicht, aber die Medizin hat bei der Behandlung der Symptome große Fortschritte gemacht. Nur ein kleiner Prozentsatz der Kinder, und hier vor allem jene mit inoperablen Herzfehlern oder gravierenden Störungen der Immunabwehr, überlebt das erste Jahr nicht.

Entscheidend für die Prognose ist die Schwere der Organschädigungen, die sehr variabel ist. Die weit überwiegende Mehrheit der Patienten erreicht bei optimaler Therapie heutzutage zumindest das Erwachsenenalter und wird auch noch deutlich älter.

Auch die Natur hilft ein wenig mit, denn gerade die oft lebensbedrohliche Schwächung des Immunsystems bessert sich bei vielen Betroffenen mit den Jahren.

Impressum


Copyright: sanvartis GmbH
Erstellungsdatum: Januar 2003
Autor: Ulrich Kraft (Arzt)
Letzte Aktualisierung: Oktober 2005
Durch: Ulrich Kraft

Literatur/Leitlinien/EBM:


Behrman, R. E.: Nelson Textbook of Pediatrics. Harcourt Verlag (17. Auflage 2003).

Koletzko, B.: Kinderheilkunde. Springer (12. aktualisierte. Auflage 2004).

Sitzmann, F.C.: Pädiatrie. MLP Duale Reihe. Thieme (2002).

Harrison, T. R.: Harrisons Innere Medizin. ABW Wissenschaftsverlag (16. Auflage 2005).

MGZ München: DiGeorge-Syndrom (DGS), (Oktober 2002).

Leitlinien der Gesellschaft für Neuropädiatrie: Abklärung bei mentaler Retardierung.
Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)
AWMF-Leitlinien-Register Nr. 022/003 (März 2001).
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