Herzinfarkt
(Myokardinfarkt)
Was ist ein Herzinfarkt?
Beim Herzinfarkt handelt es sich um eine mangelhafte Durchblutung des Herzens - genauer: von Teilen des Herzmuskels - aufgrund eines plötzlichen Verschlusses eines Herzkranzgefäßes. Ursachen für vorbestehende Verengungen sind so genannte arteriosklerotische Veränderungen in Form von "Plaques" bzw. Fettablagerungen oder "Verkalkungen" in den Gefäßwänden der beiden Herzkranzgefäße (Koronararterien). Die beiden Koronararterien entspringen direkt an der Wurzel der Hauptschlagader (Aorta) und verzweigen sich dann zu immer kleineren Arterien, um auch die letzte Herzmuskelzelle zu erreichen.
Die rechte Herzkranzarterie ist in erster Linie für die Versorgung des rechten Herzens zuständig, transportiert aber auch Blut zur Hinterwand der linken Kammer. Die linke Herzkranzarterie teilt sich bereits nach wenigen Zentimetern in zwei Äste. Der Ast der linken Kranzarterie, der zwischen der rechten und der linken Kammer verläuft, ist für die Blutversorgung der Scheidewand verantwortlich. Die linke Herzkammer wird größtenteils aus dem zweiten Ast der rechten Kranzarterie versorgt. Allerdings ist die Zuordnung nur eine grobe Beschreibung der "normalen" Verhältnisse, von Mensch zu Mensch sind die Versorgungsgebiete sehr variabel.
Meist durch das plötzliche Aufbrechen von Wandverkalkungen, aus denen dann Ablagerungen freigesetzt werden, kann ein bereits vorgeschädigtes Herzkranzgefäß plötzlich verschlossen werden. Das über dieses Kranzgefäß mit Blut und Sauerstoff versorgte Gewebe geht zu Grunde, der Herzmuskel ist in Teilen (je nach dem Versorgungsgebiet der verschlossenen Koronararterie) geschädigt. Anders als noch vor wenigen Jahren angenommen, kann ein Herzinfarkt also auch in solchen Herzkranzgefäßen entstehen, die zwar von Wandveränderungen betroffen, aber vor dem Infarkt eben nicht wesentlich eingeengt (stenosiert) sind.
Welche Risikofaktoren sind bekannt?
Da der Herzinfarkt meist Folge der Koronaren Herzerkrankung (KHK) ist, begünstigen die Risikofaktoren der KHK auch die Entstehung des Herzinfarktes. Diese Risikofaktoren sind zum Teil unbeeinflussbar, wie z. B. familiäre Veranlagung, Lebensalter und männliches Geschlecht.
Andere Faktoren, beispielsweise Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck, das so genannte Metabolische Syndrom (gemeinsames Auftreten von bestimmten Stoffwechselstörungen, Bluthochdruck und Übergewicht), Diabetes mellitus und Zigarettenrauchen, sind dagegen beeinflussbar.
Welche Beschwerden treten auf?
Typisch sind plötzlich oder nach Belastung auftretende, anhaltende und eventuell auch rasch zunehmende Schmerzen im Bereich der linken Brust, des linken Armes, im Oberbauch oder im Kiefer, die sich auch auf eine Gabe von Nitroglyzerin, welches die Gefäße erweitert und im Falle eines Angina Pectoris-Anfalles hilft, nicht bessern.
Die Schmerzen werden meist als ringförmiger Druck um dem Brustkorb herum beschrieben, allerdings können auch stichartige Brustschmerzen hinter dem Brustbein Zeichen eines Infarktes sein. Begleitet sind diese Schmerzen oft auch von Übelkeit und Kopfschmerzen. Schmerz und Brustenge werden zumeist als sehr bedrohlich empfunden, so dass viele Betroffene in Todesangst geraten.
Herzinfarkte ohne erkennbaren äußeren Anlass treten besonders häufig am frühen Morgen auf. Ein Teil der Herzinfarkte läuft jedoch ohne Beschwerden ab. Man nennt das einen "stummen Infarkt". Besonders bei Patienten, die einen länger bestehenden Diabetes haben sind solche stummen Infarkte häufig. Plötzliche Herzrhythmusstörungen und Blutdruckabfall sowie erhebliche Leistungseinschränkungen (Schweißausbrüche, Luftnot) können dann darauf hinweisen.
Welche lebensgefährlichen Folgen kann ein Herzinfarkt haben?
Durch einen plötzlich eingetretenen Herzkranzgefäßverschluss kommt es zur Schädigung des nicht mehr durchbluteten Herzmuskelgewebes. Das übrige Herzmuskelgewebe muss die Arbeit des nicht durchbluteten Gewebes übernehmen und somit Mehrarbeit leisten.
Abhängig von der Größe des geschädigten Herzmuskelteils kann es zum Herzversagen kommen. Dies kann lebensbedrohlich werden, weil das Herz die Durchblutung aller anderen Organe gewährleistet. Dabei sind vor allem das Gehirn und die Nieren besonders anfällig für den so entstehenden Sauerstoffmangel. Aber auch Herzrhythmusstörungen können Folge der Minderdurchblutung sein, wenn die für die Regulation des Herzschlags verantwortlichen Herzmuskelteile betroffen sind.
Daher ist es erforderlich, einen Herzinfarkt sofort zu behandeln, um diese Gefahren abzuwenden oder den entstandenen Schaden am Herzen möglichst klein zu halten. Im Rahmen der Regeneration bildet sich nach dem stattgehabten Infarkt eine Narbe im Bereich des geschädigten Herzmuskels, die keine Pumparbeit mehr verrichten kann. Möglich ist dadurch eine insgesamt eingeschränkte Pumpfunktion des Herzens. Dies äußert sich in einer geringeren Belastbarkeit des betroffenen Menschen.
Was sollte bei Verdacht getan werden?
Bei bestimmten Symptomen, z. B. anhaltenden Herzschmerzen, Engegefühl in der Brust oder auch Schweißausbrüchen mit Luftnot, sollte umgehend ein Notarzt angefordert werden. Alle anderen Behandlungen, v. a. Versuche der "Selbstbehandlung", sollten von vorneherein unterlassen werden, da im Falle eines Herzinfarktes jede Sekunde zählt.
Bis zum Eintreffen des Notarztes sollten lediglich Erste-Hilfe-Maßnahmen geleistet werden. Dabei wird der Oberkörper aufrecht gelagert, damit der Patient besser atmen kann. Ist der Betroffene bewusstlos und ist keine Atmung zu erkennen bzw. kein Puls tastbar, muss sofort zur Sicherung der Atmung mit Mund-zu-Mund-Beatmung und zur Sicherung des Herzschlages mit einer Herzdruckmassage begonnen werden.
Der Notarzt kann die für den Herzmuskel und den Betroffenen lebensrettenden Maßnahmen direkt vor Ort beginnen und damit die Zeit nutzen, die bleibt, um die nicht durchbluteten Herzmuskelteile vor dem Absterben zu retten.
Stellt der hinzugezogene Notarzt die Diagnose eines Herzinfarktes, wird er die Krankenhauseinweisung auf dem schnellsten Weg veranlassen und den Transport bis auf die Intensivstation begleiten.
Wie wird ein Herzinfarkt diagnostiziert?
Der typische Druckschmerz in der Brust sowie bestimmte Risikofaktoren oder eine Koronare Herzkrankheit in der Vorgeschichte (z. B. wiederholte Angina Pectoris-Anfälle) legen den Verdacht auf einen möglichen Herzinfarkt nahe, vor allem dann, wenn die Beschwerden nach Gabe von Nitroglyzerin weiterbestehen.
Eine sofortige Blutabnahme ist notwendig. Vor allem Veränderungen bestimmter Stoffe, der Herzenzyme (z. B. Troponin T, CK-MB, GOT und LDH), liefern wichtige Informationen über einen möglichen Herzinfarkt. Ein weiteres unverzichtbares Mittel zum Nachweis bzw. zum Ausschluss eines Herzinfarktes ist das Elektrokardiogramm (EKG). Ein Herzinfarkt macht meistens typische Veränderungen im Stromkurvenverlauf des EKG, welche der Arzt erkennt.
Alle Untersuchungen müssen bei unauffälligem Ergebnis nach sechs Stunden wiederholt werden, und erst nach 24 Stunden kann ein Herzinfarkt sicher ausgeschlossen werden, da sich Veränderungen im Blut oder im EKG auch erst später zeigen können. So lange sollte der Betroffene auch unter ärztlicher Aufsicht im Krankenhaus verbleiben.
Hat sich der Infarkt bestätigt oder der Verdacht erhärtet, so ist ein stationärer Aufenthalt auf jeden Fall zwingend, um weitere Untersuchungen, die Behandlung des Infarktes sowie eine angemessene Nachsorge durchführen zu können.
Welche Behandlungsmöglichkeiten bestehen?
Auf der Intensivstation im Krankenhaus wird man versuchen, das verschlossene Herzkranzgefäß wieder zu öffnen und damit die Durchblutung des Herzens wiederherzustellen. Dies erreicht man entweder durch die Gabe von Blutgerinnsel auflösenden Medikamenten ("Lysetherapie") oder durch eine Linksherzkatheter-Untersuchung und gleichzeitige Behandlung.
Bei der medikamentösen Gerinnselauflösung besteht zwar die Gefahr, dass Blutungen in verschiedenen Regionen und Organen auftreten, da die Gerinnungsfähigkeit des Blutes insgesamt massiv reduziert wird. Im Verhältnis zu den Folgen eines fortbestehenden Gefäßverschlusses am Herzen wird dieses Risiko jedoch im Allgemeinen als vertretbar eingestuft.
Die Herzkatheterbehandlung ist in der Infarktsituation kompliziert, da sich das Herz durch den Infarkt in einer kritischen Versorgungssituation befindet. Daher wird dieses Verfahren nur unter besonderen Voraussetzungen und auch nur in speziell hierfür eingerichteten Kliniken durchgeführt. Bei dieser Behandlung wird das verschlossene Gefäß mit einem kleinen Ballon aufgeweitet und danach ein Drahtrohr (Stent) eingelegt. Auch nach dem Infarkt wird in der Regel eine lebenslange medikamentöse Behandlung der zu Grunde liegenden koronaren Herzerkrankung erforderlich sein.
Durch die aufgeführten Behandlungsmaßnahmen kann das Sterberisiko durch einen Herzinfarkt deutlich gesenkt und die Leistungsfähigkeit des betroffenen Herzens oft dauerhaft erhalten werden. In vielen Fällen wird eine vollständige Rehabilitation möglich sein.
Was nach einem Herzinfarkt beachtet werden sollte
Auch an anderen Stellen des Gefäßsystems können über die Jahre Verkalkungen und Verengungen auftreten. Häufig wird nach der Akutbehandlung die Durchführung einer Herzkatheteruntersuchung empfohlen, um den Zustand der Herzkranzgefäße zu überprüfen (falls diese Untersuchung nicht bereits im Rahmen der Notfallversorgung durchgeführt wurde).
Lebenslang ist eine fortgesetzte ärztliche Behandlung mit regelmäßigen Untersuchungen erforderlich. Medikamente müssen durchgehend nach entsprechender Verordnung eingenommen werden, um ein Fortschreiten der Gefäßveränderungen zu verhindern.
Nikotin beschleunigt den verengenden Umbau der Gefäße, deshalb sollte das Rauchen eingestellt werden. Ein hoher Blutdruck muss ausreichend behandelt, zu hohe Blutfette und Übergewicht sollten normalisiert werden. Bewegung und körperliche Aktivität wirken sich günstig auf das Körpergewicht und die Sauerstoffversorgung aus. Liegt eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit des Herzens durch den Infarkt vor, ist es sinnvoll, vor Beginn der körperlichen Aktivität einen Arzt zu befragen.
Eine Überbeanspruchung ist genauso wie völlige Ruhigstellung zu vermeiden. An vielen Orten gibt es heute so genannte Koronarsportgruppen, wo Menschen nach einem Herzinfarkt unter ärztlicher Kontrolle Sport treiben können.
Der regelmäßige Kontakt zum behandelnden Hausarzt kann helfen Wege zu finden, das oft entstehende Gefühl der Bedrohung durch ein "krankes Herz" zu mindern.
Letzte Literatur/Leitlinien/EBM:
Harrison, T. R.: Harrisons Innere Medizin. ABW Wissenschaftsverlag (2003).
Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag (2004).
Stierle, U.: Klinikleitfaden Kardiologie (2. Auflage 1999).
Leitlinien Koronare Herzkrankheit/Angina Pectoris (1998).


