Hörsturz
Was versteht man unter einem Hörsturz?
Man spricht von einem Hörsturz, wenn plötzlich ohne eine erkennbare Ursache eine Hörverschlechterung oder sogar eine Ertaubung eintritt. Ohne erkennbare Ursache bedeutet, dass nachvollziehbare Gründe wie beispielsweise ein Gehörgangspfropf, ein Lärmschaden, Verletzungen des Innenohrs oder ein Tumor als Ursache für die Hörverschlechterung nicht in Betracht kommen. Mediziner sprechen in diesem Fall auch von einem idiopathischen Hörverlust.
Bei ungefähr 20 von 100.000 Menschen kommt es jedes Jahr zu einem solchen plötzlichen Hörverlust. Meist ist ein Ohr betroffen, nur bei fünf von 100 Fällen tritt ein Hörsturz auf beiden Ohren auf.
Welche Ursachen sind für einen Hörsturz bekannt?
Als sicher gilt, dass Menschen, die vermehrt Stress ausgesetzt sind, häufiger einen Hörsturz erleiden. In seltenen Fällen handelt es sich um einen so genannten Labyrinth-Apoplex (Schlaganfall des Innenohres), der mit einem plötzlichen kompletten Ausfall des Hör- und Gleichgewichtsorgans einhergeht. Die ursächliche plötzliche Durchblutungsstörung in der Labyrinth-Arterie führt neben einem hochgradigen Hörverlust auch zu starkem Schwindel und hinterlässt oft bleibende Schäden.
In den meisten Fällen bleiben die genauen Faktoren, die zu einem plötzlichen Verlust des Hörvermögens führen, aber unklar.
Folgende Ursachen eines Hörsturzes werden diskutiert:
- Störungen der Durchblutung des Innenohrs, die durch eine Verkrampfung der Blutgefäße im Innenohr, eine Schwellung der inneren Schicht der Blutgefäße oder durch eine verminderte Fließfähigkeit des Blutes verursacht sein kann
- Stoffwechselstörungen der Sinneszellen im Innenohr
- Beeinträchtigung der Übertragung von Impulsen von den Sinneszellen auf die Hörnerven sowie Störung der Nervenimpulse, die vom Gehirn das Innenohr erreichen
- Drucksteigerung im flüssigkeitsgefüllten Innenohr
- Entzündliche Veränderungen
Welche Beschwerden sind typisch?
Typisch für einen Hörsturz ist eine Hörverschlechterung, die innerhalb von Minuten bis Stunden entsteht. Dem eigentlichen Hörverlust gehen oft Schwindel, Missempfindungen am Ohr, Doppelthören von Tönen oder sogar eine verstärkte Hörempfindung voraus. Die Verschlechterung des Gehörs betrifft häufig besonders die hohen Töne (so genannter Hochtonverlust).
Fast immer treten beim Hörsturz auch Ohrgeräusche (Tinnitus) auf. Jeder zweite Patient berichtet über ein Druckgefühl im betroffenen Ohr. Schwindel beklagt ein Drittel der Betroffenen. Ein Doppelthören von einzelnen Tönen tritt in 15 Prozent der Fälle begleitend zu dem Hörverlust auf. Ohrenschmerzen sind hingegen nicht typisch für einen Hörsturz.
Wie wird die Diagnose gestellt?
Die Diagnose Hörsturz ergibt sich aus der typischen Krankengeschichte. Wichtig ist, andere Ursachen für den plötzlichen Verlust des Hörvermögens auszuschließen. Deshalb wird bei der Erhebung der Krankengeschichte erfragt, ob bestimmte Ereignisse wie ein Knalltrauma oder z. B. auch eine Medikamenteneinnahme dem Hörverlust vorausgegangen sind.
Der Ausschluss anderer Erkrankungen für das Auftreten der Gehörverschlechterung ist häufig schwierig und erfordert oft eine enge Zusammenarbeit von Ärzten verschiedener Fachrichtungen. Aus diesem Grund sollte der Arzt, der die Erstuntersuchung durchführt, auch über Allgemeinerkrankungen, wie einen erhöhten Bluthochdruck oder Durchblutungsstörungen, Krankheiten des Bewegungsapparates und des Nervensystems sowie über abgelaufene Infektionen und der regelmäßigen oder auch kurzfristigen Einnahme von Medikamenten informiert werden.
In einer orientierenden Untersuchung wird der Gehörgang und die Paukenhöhle mit einer Ohrenspiegelung auf Veränderungen untersucht. Um das Ausmaß des Hörverlustes zu bestimmen, werden dem Patienten in einem Hörtest einzelne Töne in verschiedener Höhe vorgespielt. Dabei bestimmt man die Lautstärke, bei der diese Töne für den Patienten gerade hörbar sind (so genannte Hörschwelle).
In der Regel werden die Töne seitengetrennt über Kopfhörer vorgespielt, aber auch über einen so genannten Knochenleitungshörer abgegeben, der hinter dem Ohr auf den Schädelknochen aufgesetzt wird und den Schall über den Knochen direkt an das Innenohr weiterleitet. So ergeben sich Hinweise, ob der Schwerhörigkeit ein Schaden des Mittelohrs, des Innenohrs oder beides zugrunde liegt.
Bei einer Schwerhörigkeit, die wie bei einem Hörsturz vom Innenohr ausgeht, spricht man von einer Schallempfindungs-Schwerhörigkeit. Untersuchungen des Gleichgewichts ergänzen die Basisdiagnostik. Zusätzlich werden Blutdruck und Puls gemessen und der Gehalt von Hämoglobin (rotem Blutfarbstoff) im Blut überprüft.
Die weitere Diagnostik richtet sich nach wegweisenden Befunden aus der Krankengeschichte und dem Hörtest. Wegen der vielen möglichen auslösenden Faktoren werden unterschiedliche Untersuchungen durchgeführt, z. B.:
- Weiterführende Hörprüfungen
- Blutuntersuchung auf Entzündungszeichen, Kontrolle der Nierenwerte, der Blutgerinnung und der Blutfette, evtl. Überprüfung auf Infektionen durch Viren oder Bakterien
- Röntgenaufnahmen des Schädels oder eine Computertomografie zur Darstellung der Innenohrstrukturen, der Felsenbeine sowie der Halswirbelsäule
- Magnetresonanztomografie (MRT) des Gehirns
- Ultraschall der Halsarterien
- Weiterführende Untersuchungen beim Internisten, Neurologen, Orthopäden sowie in seltenen Fällen bei weiteren Fachärzten.
Wie wird ein Hörsturz behandelt?
Da die Entstehungsmechanismen eines Hörsturzes nicht genau bekannt sind, ist eine ursächliche Behandlung nicht möglich. Die Therapiemaßnahmen, die bei einem Hörsturz angewendet werden, beruhen alle auf Behandlungserfahrungen (so genannte empirische Therapien), das bedeutet, dass ihre Wirksamkeit bisher wissenschaftlich nicht eindeutig belegt wurde.
Nicht jeder Hörsturz muss mit Medikamenten behandelt werden. Bei nur gering ausgeprägter Einschränkung des Patienten im Alltag kann nach einer sorgfältigen Untersuchung in ärztlichem Ermessen einige Tage abgewartet werden. In einigen Fällen bessert sich das Hörvermögen ohne Therapie. Wenn eine starke Beeinträchtigung des Gehörs besteht, wenn gleichzeitig starke Beschwerden durch Schwindel oder Ohrgeräusche bestehen, oder der Patient durch andere Erkrankungen bereits eingeschränkt hört, sollte jedoch direkt mit einer Behandlung begonnen werden. Welche Maßnahmen in Frage kommen, hängt sehr stark vom Einzelfall, zum Beispiel von Vorerkrankungen des Patienten ab, ebenso wie die Frage, ob die Behandlung ambulant oder stationär erfolgt.
Eine Infusionstherapie lässt sich im Rahmen einer stationären Behandlung oft besser organisieren. Wenn ein Patient durch den Hörsturz oder begleitende Beschwerden, wie zum Beispiel starken Schwindel, deutlich eingeschränkt ist oder wenn wesentliche Vorerkrankungen bestehen, ist es in der Regel sinnvoll, die Behandlung unter stationären Bedingungen durchzuführen. Bei jedem Hörsturz sollte eine Normalisierung des Blutdrucks erfolgen. Wenn die Fließeigenschaften des Blutes eingeschränkt sind, zum Beispiel durch einen Flüssigkeitsmangel, ist eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr notwendig.
Die meisten Behandlungen beruhen auf dem Versuch, die Durchblutung und die Sauerstoffversorgung des Innenohres zu verbessern. Durchblutungsfördernde Medikamente werden in Form von Infusionen oder als Tabletten verabreicht. Um entzündliche Veränderungen und Schwellungen günstig zu beeinflussen, wird Kortison eingesetzt. In vielen Fällen wird unter einer solchen Behandlung eine deutliche Besserung des Hörens beobachtet.
Nebenwirkungen durch die Behandlung sind selten, in Einzelfällen werden Magen-Darm-Störungen wie Übelkeit und Durchfall, Kopfschmerzen oder Kreislaufschwäche beobachtet. Möglicherweise kann es auch zu vorübergehenden Veränderungen des Blutdrucks, des Blutzuckers und der Blutzellen sowie zu Elektrolytstörungen (Natrium, Kalium) kommen. Um einer allergischen Reaktion (v. a. auf die durchblutungsfördernden Mittel) vorzubeugen, können zusätzliche Medikamente verabreicht werden.
Durch andere Präparate wird versucht, den Stoffwechsel der Sinneszellen zu beeinflussen. So wirken Medikamente, die auch als örtliche Betäubungsmittel eingesetzt werden (z. B. Präparate mit den Wirkstoffen Xylocain und Novocain) auf die Zusammensetzung der Salze innerhalb der Zellen. Die Medikamente werden ebenfalls als Infusionen verabreicht. Da diese Mittel ebenfalls auf Herz-, Muskel- und Nervenzellen wirken, sind unerwünschte Effekte auf den Kreislauf sowie neurologische Störungen in Abhängigkeit von der Höhe der verabreichten Dosis möglich.
Andere Therapieverfahren reduzieren den Druck im flüssigkeitsgefüllten Innenohr. Die Infusionstherapie nach Vollrath wirkt auf die Produktion der so genannten Endolymphe (Flüssigkeit im Hörorgan) und fördert die Wasser-Ausscheidung mit dem Urin. Die Endolymphe kann auch durch eine Operation abgeleitet werden.
Diese Maßnahme kann dann sinnvoll sein, wenn das Hörvermögen trotz Behandlung zunehmend schlechter wird, oder wenn am selben Ohr bereits wiederholt ein Hörsturz aufgetreten ist. Die Notwendigkeit zur Operation besteht bei einer plötzlichen Ertaubung oder bei Verdacht auf einen druckbedingten Riss der runden Fenstermembran, die das Innenohr vom Mittelohr trennt. Typisch ist dann ein plötzlicher Hörverlust mit Schwindel nach körperlicher Belastung wie schwerem Heben.
Eine weitere Möglichkeit in der Behandlung ist eine Sauerstoff-Überdrucktherapie oder hyperbare Oxygenation (HBO). Bei diesem Verfahren muss der Patient in einer Überdruckkammer reinen Sauerstoff atmen, dadurch wird die Sauerstoffmenge im Blut um ein Vielfaches erhöht. Die Folge ist eine bessere Durchblutung und Sauerstoffversorgung.
Nicht geeignet ist die hyperbare Sauerstofftherapie für Schwangere und für Patienten, die an einer Lungenblähung (Emphysem) oder an Epilepsie leiden. Das gilt auch für alle, bei denen eine Operation am Brustkorb durchgeführt wurde, die einen Herzschrittmacher tragen oder vor weniger als sechs Monaten einen Herzinfarkt erlitten haben.
Ein weiteres wesentliches Behandlungsprinzip beim Hörsturz ist es, Stress abzubauen. In diesem Zusammenhang hat sich das Erlernen von Entspannungstherapieverfahren ebenso bewährt wie regelmäßige sportliche Aktivität, günstig sind besonders Ausdauersportarten.
Eventuell kommen ergänzend auch physikalische Behandlungen der Halswirbelsäule (z. B. Wärme, Krankengymnastik, Massage) in Betracht.
Begleitend zu anderen Therapiemaßnahmen können auch Methoden aus der Alternativmedizin, wie zum Beispiel die Akupunktur angewendet werden. Als alleinige Behandlung wird die Akupunktur jedoch nicht empfohlen. Nicht wirksam bei Hörsturz sind Behandlungen mit Ozon oder die Sauerstoff-Atmung unter normalen Druckbedingungen, also außerhalb von Druckkammern. Auch Methoden, die mit Laser oder UV-Licht arbeiten, haben sich in der Therapie des akuten Hörverlustes nicht bewährt.
Wie ist die Prognose?
Ein Hörsturz bessert sich in der Regel bei sofortiger Behandlung. In seltenen Fällen können sich eine Hörminderung oder Ohrgeräusche aber auch nur teilweise zurückbilden und bestehen bleiben. Da etwa ein Drittel der Patienten nach einem Hörsturz wiederholt erkranken, sind vorbeugende Maßnahmen besonders wichtig. Risikofaktoren für das Entstehen von Gefäßveränderungen sind beispielsweise ein hoher Blutdruck oder ein erhöhter Cholesterin- und Blutfettspiegel. Damit die Durchblutung nicht nur im Innenohr auf lange Sicht unbeeinträchtigt bleibt, sollten diese Erkrankungen behandelt werden und gut eingestellt sein.
Zusätzlich können die Patienten selbst aktiv mit ausreichender Bewegung, dem Verzicht auf das Rauchen und Methoden zur Stressbewältigung ihren Kreislauf und die Körperabwehr stärken und somit die Erkrankung positiv beeinflussen und einem erneuten Hörsturz vorbeugen.
Literatur/ Leitlinien/ EBM:
Arnold, W.; Ganzer, U.; Largiader, F.; Sturm, A.; Wicki, O.: Checkliste Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Thieme (4.Aufl. 2005).
Boenninghaus, H.G.; Lenarz, T.: Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. Springer (12.Aufl. 2004).
Probst, R.; Grevers, G.; Iro, H.: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Thieme (2.Aufl. 2004).
Strutz, J.; Mann, W.: Praxis der HNO-Heilkunde, Kopf- u. Halschirurgie. Thieme (2001).
Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)
Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie: Hörsturz.
AWMF-Leitlinien-Register Nr. 017/010. (Letzte Aktualisierung: 2004).


