Haltungsschäden
(Beinlängendifferenz; Hüftgelenksfehlstellungen; Skoliose; Hohlkreuz; Rundrücken; Lordose; Kyphose; Scheuermann-Krankheit; Adoleszenten-Kyphose)
Was sind Haltungsschäden?
Der gesamte Bewegungs- und Stützapparat des Menschen kann von Haltungsschäden betroffen sein, dazu gehören Muskeln, Bänder, Knochen und Gelenke. Eine unnatürliche Dauerbelastung schädigt jedoch vor allem die Wirbelsäule. Entsprechend ist das Hauptsymptom von Haltungsschäden der Rückenschmerz. Rückenschmerz ist eine "Volkskrankheit", unter der die meisten Menschen in ihrem Leben einmal leiden. Oft gehen die Beschwerden aber schon nach kurzer Zeit vorüber. Wird die Ursache des Schmerzes allerdings nicht beseitigt, kann sich daraus eine chronische Schmerzkrankheit entwickeln. Rückenschmerzen sind in Deutschland der häufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit und Frühberentungen.
Am Beginn der Beschwerden stehen Reizungen der Wirbelsäule und ihrer umgebenden Weichteile (Muskeln) durch eine lang andauernde, einseitige Belastung und Überlastung. Unbewusst ablaufende Reflexe stören dabei das Zusammenspiel von Muskeln und Gelenken. Schmerzreize aus den überlasteten Gelenken führen zu einer Schonhaltung mit Verkrampfungen der Muskulatur, welche die Bewegungsfreiheit der Wirbelsäule einschränken.
Oberhalb und unterhalb des betroffenen Bereiches sind die Gelenke dagegen besonders beweglich (hypermobil), um das Bewegungsdefizit auszugleichen. Dadurch werden auch diese Gelenke überlastet und blockieren schließlich. Nach und nach wird auf diese Weise die gesamte Wirbelsäule in Mitleidenschaft gezogen. Der muskuläre Stützmantel der Wirbelsäule kommt dabei aus dem Gleichgewicht, denn an Stellen mit schmerzhafter Verkrampfung entwickeln sich starke Muskelpakete, und an der Gegenseite nimmt die Muskelmasse immer weiter ab. Die Fehlhaltung wird dadurch fixiert und verschlimmert sich noch: Es entsteht ein Teufelskreis.
Obwohl anfangs keine Schäden an Knochen und Gelenken erkennbar sind (Haltungsschwäche), können sich mit der Zeit Abnutzungserscheinungen und Verschleiß an den Wirbeln einstellen, die zu bleibenden Beschwerden führen (Haltungsschaden).
Was ist die Ursache von Fehlbelastungen?
Andauernde Zwangshaltungen am Arbeitsplatz, am Schreibtisch, bei schwerer körperlicher Arbeit oder in der Schule sind die hauptsächlichen Ursachen von Fehlbelastungen. Auch das Tragen schwerer Lasten, falsche Sitzmöbel und Matratzen, falsches Schuhwerk und Übergewicht können der Auslöser von Rückenproblemen sein.
Schäden an der Wirbelsäule entstehen besonders leicht bei Menschen, deren Rückenmuskulatur zu schwach ist, um ausreichenden Schutz und Stabilität zu bieten. Damit sind Bewegungsmangel und fehlender Ausgleichssport ebenfalls als Ursachen für Haltungsschäden anzusehen.
In einigen Fällen verbergen sich orthopädische Probleme des Knochenbaus hinter der Fehlhaltung. So können unterschiedliche Beinlängen einen Schiefstand des Beckens verursachen, der dann die Wirbelsäule zwingt, durch Krümmung auszugleichen.
Nicht selten haben Haltungsschäden auch einen seelischen Ursprung, wenn Menschen in Belastungssituationen oder einer Depression wortwörtlich die "Schultern hängen lassen", den "Rücken krumm machen", oder "buckeln" müssen.
Welche Haltungsschwächen gibt es?
- Skoliose
Die seitliche Krümmung der Wirbelsäule wird Skoliose genannt. Normalerweise ist die Wirbelsäule nicht seitlich geneigt, Krümmungen in dieser Richtung sind immer Zeichen einer Fehlhaltung oder einer orthopädischen Erkrankung. Schaut man auf den Rücken, ist ein seitlich verschobener Wirbelverlauf gut zu erkennen. Einzelne Wirbelkörper können sich dabei in ihrer Achse drehen und an der Brustwirbelsäule zu einem Rippenbuckel führen. Die Ursache einer Skoliose ist oft eine unterschiedliche Beinlänge, wobei der resultierende Schiefstand der Hüfte eine ausgleichende Krümmung der Wirbelsäule bewirkt. Aber auch dauerhafte Fehlbelastung durch einseitiges Tragen schwerer Lasten kann über Verspannungen zur Skoliose führen.
- Rundrücken
Unter einem Rundrücken versteht man die extreme Krümmung der Wirbelsäule im Brustbereich (Brust-Kyphose). Kopf und Schultern sind dabei nach vorne geneigt. Bei Jugendlichen ist ein häufiger Grund für die Buckelbildung die so genannte Adoleszenten-Kyphose (Morbus Scheuermann). Vor allem pubertierende Jungen sind in der letzten Phase des Größenwachstums davon betroffen. Störungen bei der Entwicklung der Wirbelkörper führen dabei zu nach vorne abgeflachten Keilwirbeln. In extremer Ausprägung kann die starke Einengung der Lunge dabei zu Atemproblemen führen. Ursache des Morbus Scheuermann ist eine genetisch bedingte Stoffwechselstörung in Verbindung mit Bewegungsmangel und Fehlbelastungen.
Wird die Erkrankung frühzeitig im Röntgenbild erkannt, kann durch gezielte Bewegungstherapie und Krankengymnastik eine Aufrichtung der Wirbel erreicht werden.
- Hohlkreuz
Als Hohlkreuz wird die verstärkte einwärts gerichtete Krümmung der Wirbelsäule am unteren Rücken bezeichnet (Lordose). Ist sie sehr stark ausgeprägt, kann die Funktion der Bauchorgane beeinträchtigt werden. Auch hier ist der frühzeitige Beginn der Krankengymnastik, am besten noch während des Wachstums, die wichtigste Maßnahme.
Ein Hohlkreuz kann auch in Kombination mit einem Rundrücken auftreten, was als Hohlrundrücken bezeichnet wird. Das Gegenteil davon ist der Flachrücken, bei dem die natürliche Doppel-S-Form der Wirbelsäule kaum noch zu erkennen ist.
Wie werden Haltungsschäden behandelt?
Falls der Haltungsschwäche eine orthopädische Erkrankung zugrunde liegt, sollte diese zunächst behandelt werden.
Neben dem Vermeiden der Fehlbelastung ist Krankengymnastik die wichtigste Maßnahme. Muskuläre Fehlbalancen werden dabei gezielt ausgeglichen, unterentwickelte Muskulatur gestärkt und verspannte Abschnitte durch Dehnungsübungen wieder geschmeidig gemacht.
Teil der Behandlung ist es auch, rückenschonende Bewegungsabläufe zu erlernen. Eine solche Rückenschule ist für alle Menschen empfehlenswert, auch wenn noch keine Beschwerden eingetreten sind.
Blockierungen der Wirbelkörper können durch Techniken der manuellen Medizin durch einen Chirotherapeuten gelöst werden. Nur in seltenen, schweren Fällen ist die Anlage eines Korsetts (Orthese) oder eine Operation nicht zu vermeiden.
Falls Rückenschmerzen begleitend auftreten, können umfangreichere Untersuchungen und Behandlungen notwendig sein.
Wie können Haltungsschäden vermieden werden?
Die Bauch- und Rückenmuskulatur stützt die Wirbelsäule wie ein Korsett. Durch regelmäßiges Training sollte diese Stützmuskulatur gestärkt werden. Dazu gilt es, starke Belastungen des Rückens zu vermeiden.
Hier einige Regeln für einen gesunden Rücken:
- So wenig wie möglich sitzen! Beim Sitzen sollte auf eine aufrechte Haltung geachtet werden. Am wichtigsten ist es, die Sitzposition häufig zu wechseln, ggf. auch den Stuhl. Vermieden werden sollten alle Dauerbelastungen beim Sitzen.
- Prüfen Sie immer wieder, ob sie aufrecht sitzen. Tipp: Stellen Sie anfangs halbstündlich einen Wecker, der Sie daran erinnert.
- Bewegen Sie sich regelmäßig! Menschen, die viel in sitzender Position arbeiten, sollten extra Bewegungspausen einlegen.
- Den Rücken sollte man mit einer speziellen Gymnastik trainieren. In Rückenschulen und guten Fitnessstudios können entsprechende Techniken erlernt werden.
- Vorsicht beim Heben schwerer Lasten! Gegenstände sollten nah am Körper bei geradem Rücken aus den Beinen heraus gehoben werden. Die Belastung muss dabei gleichmäßig auf beide Arme verteilt sein. Lassen Sie sich helfen!
- Benutzen Sie einen Rucksack! Lasten sollten beim Tragen gleichmäßig auf beide Schultern verteilt sein. Vermeiden Sie Drehbewegungen der Wirbelsäule beim Tragen. Achten Sie darauf, dass Kinder ihren Schulranzen korrekt eingestellt haben und auch benutzen.
- Gönnen Sie ihrem Rücken Ruhepausen! Hinsetzen genügt nicht, um ihn zu entlasten. Nur beim flachen Liegen auf dem Rücken ist er vollkommen entspannt. Eine Rolle im Nacken, im Kreuz und unter den Kniegelenken ist zusätzlich angenehm.
- Betreiben Sie rückenfreundliche Sportarten. Am besten geeignet ist Schwimmen, da die Muskulatur dabei ohne jede Belastung der Wirbelsäule gekräftigt wird. Radfahren mit aufrechtem Lenker und gut gefedertem Sattel sowie Joggen im richtigen Schuhwerk auf weichem Boden sind ebenfalls sehr empfehlenswert.
- Falls Sie Tätigkeiten mit erheblicher Belastung des Rückens planen, bereiten Sie sich durch entsprechende Übungen darauf vor. Ein "Kaltstart" beim Schneeschaufeln oder der Gartenarbeit kann Verletzungen zur Folge haben.
- Achten Sie auf einen rückenfreundlichen Arbeitsplatz! Die Tischplatte (Schreibtisch, Spülbecken, Bügelbrett etc.) sollten immer in angenehmer Höhe sein, Monitore in Augenhöhe. Leicht geneigte Tische sind gesünder als flach gestellte. Entwickeln Sie Techniken oder verwenden Sie Hilfsmittel, um sich so wenig wie möglich zu bücken.
- Vermeiden Sie längeres Stehen mit durchgedrückten Knien. Lehnen Sie so oft es geht an der Wand oder am Türrahmen.
- Erlernen Sie Entspannungstechniken. Sehr empfehlenswert sind die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen und Autogenes Training.
Literatur/Leitlinien/EBM:
Keller, S.: Das Rückenbuch. Stiftung Warentest (2004).
Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF):
Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie
und Berufsverband der Ärzte für Orthopädie: Idiopathische Skoliose im Wachstumsalter.
AWMF-Leitlinien-Register Nr. 033/025. (Letzte Aktualisierung: 2002).
Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF):
Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie
und Berufsverband der Ärzte für Orthopädie: Morbus Scheuermann.
AWMF-Leitlinien-Register Nr. 033/040. (Erstellung: 2003).


