Hyperaktivität im Kindesalter
(Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom; ADHS)
Was ist das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom?
Die aus dem amerikanischen Sprachraum übernommene Diagnose "ADHS" bezeichnet eine Aufmerksamkeits-Störung mit Hyperaktivität, die sich durch ausgeprägte Bewegungsunruhe mit starkem Bewegungsdrang, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen sowie impulsives und unüberlegtes Verhalten äußert. Seltener kann das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom auch ohne Hyperaktivität (ADS) auftreten.
Ältere Bezeichnungen für das gleiche Krankheitsbild sind z. B. "Hyperkinetisches Syndrom" oder "Frühkindliche leichte Hirnschädigung".
In Deutschland schätzen Experten, dass zwei bis sechs Prozent aller Kinder und Jugendlichen Merkmale einer Aufmerksamkeitsstörung mit Hyperaktivität zeigen. Jungen sind drei- bis neunmal häufiger betroffen als Mädchen. Bei Mädchen fehlt häufig die Hyperaktivität. Sie wirken dann besonders ruhig und angepasst, leiden aber ebenso unter den Folgen ihrer Erkrankung. Auch bei etwa fünf Prozent der Erwachsenen werden noch Symptome eines ADHS gefunden.
Wodurch wird die Aufmerksamkeits-Defizit-Störung verursacht?
Nach heutiger Auffassung ist die Aufmerksamkeits-Defzit-Störung das Resultat einer biochemischen Funktionsstörung im Bereich der Informationsverarbeitung zwischen einzelnen Hirnabschnitten. Moderne Untersuchungsmethoden des Gehirns haben gezeigt, dass diese Funktionsstörung vor allem in den Gehirnabschnitten vorkommt, die für Aufmerksamkeit, Konzentration und Wahrnehmung verantwortlich sind - in diesen Hirnregionen ist bei vielen Betroffenen der Stoffwechsel herabgesetzt. Der Botenstoff Dopamin ist im Gehirn aus verschiedenen Gründen vermindert. Daraus resultiert eine Reizoffenheit, bei der die verschiedenen Umweltreize von den Betroffenen nicht richtig verarbeitet werden können. Es fällt ihnen schwer, ihren Bewegungsdrang, ihre Gefühle und ihre Aufmerksamkeit zu kontrollieren. Da häufig auch andere Familienmitglieder ähnliche Auffälligkeiten zeigen, ist eine Weitergabe der Erkrankung über die Erbinformationen wahrscheinlich.
Nahrungsmittelallergien oder -unverträglichkeiten können eine bestehende Hyperaktivität verstärken, kommen aber nur selten als alleinige Ursache in Frage. Auch ein Sauerstoffmangel bei der Geburt spielt als Auslöser des ADHS nur eine untergeordnete Rolle. Die Erkrankung ist auch nicht, wie früher oft behauptet, Folge falscher Erziehungsmethoden. Allerdings kann das Verhalten der Umgebung den Verlauf der Erkrankung beeinflussen: Symptome wie starke Bewegungsunruhe und Ablenkbarkeit sind für die Umgebung - insbesondere die Eltern - sehr belastend und führen häufig zu Überforderung. Von Forderungen an das Kind, sich "zusammenzureißen und in der Schule bessere Leistungen zu erbringen, fühlt dies sich meist unter Druck gesetzt. Da in Stress- und Belastungssituationen die Symptomatik verstärkt auftritt, kann es so zu weiteren Schul- und Verhaltensproblemen kommen. Auf diese Weise kann ein Teufelskreis entstehen, der für die Betroffenen und ihr Umfeld nur schwer zu durchbrechen ist.
Wie äußert sich die Erkrankung?
Fast alle betroffenen Kinder fallen in ihrer familiären Umgebung durch übermäßige Unruhe, Disziplinprobleme, Unordentlichkeit und Stimmungsschwankungen mit oft heftigen Wutausbrüchen auf. Sie beanspruchen rund um die Uhr die Aufmerksamkeit ihrer Eltern, können dabei aber auch sehr liebebedürftig und hilfsbereit sein.
Im Verlauf der Erkrankung verändert sich das Erscheinungsbild meist. Erste Verhaltensauffälligkeiten beginnen bereits im Vorschulalter - oft schon vor dem vierten Lebensjahr - und können bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben. Im Kindergarten stören die Kinder häufig durch ihre Unruhe, Ungeduld und ihr teilweise aggressives Verhalten den normalen Tagesablauf. Sie sind immer in Bewegung und klettern auf Tischen und Stühlen. Beim Malen und Basteln wirken sie oft ungeschickt, können aber bei spannenden Aufgaben auch sehr kreativ und phantasievoll sein.
Diese Probleme setzen sich in der Schule fort oder werden dort erstmals beobachtet. Trotz oft guter mündlicher Leistungen und normaler Intelligenz führen schlechte Konzentrationsfähigkeit und Vergesslichkeit zu Problemen im Unterricht, bei den Hausaufgaben und in einigen Fällen sogar zu Schulversagen. Teilleistungsstörungen (z. B. Lese-Rechtschreib-Schwäche) treten gehäuft auf. Die Kinder entwickeln sich oft zum Außenseiter, Störenfried oder Klassenclown. Viele Betroffene zeigen aber erstaunliche Fähigkeiten in einem Sonderbereich (z. B. Sport, Computer). Etwa zwei Drittel der Kinder mit ADHS zeigen weitere Verhaltensauffälligkeiten. Dazu zählen Angststörungen, Depressionen, Tic-Störungen, Störungen der Koordination und Teilleistungsstörungen.
Mit Beginn der Pubertät nehmen die Symptome häufig ab. Die Hyperaktivität kann sich jetzt noch als quälende Unruhe und inneres Getriebensein äußern. Impulsivität und Aufmerksamkeitsstörungen bleiben meist bestehen. Die Jugendlichen verhalten sich z. T. antisozial und aggressiv. Es besteht eine erhöhte Anfälligkeit für Alkohol- und Drogenmissbrauch.
Im Erwachsenenalter sind bei einem Teil der Betroffenen die Symptome eines ADHS verschwunden, ein anderer Teil hat gelernt mit geringen Beeinträchtigungen gut zu leben, bei einem dritten Teil sind die Symptome noch deutlich vorhanden: innere Unruhe, verstärkte Ablenkbarkeit, mangelnde Konzentration, Stimmungsschwankungen. Häufig stehen auch Begleitsymptome wie Ängstlichkeit, Depression oder Suchtverhalten im Vordergrund der Erkrankung.
Wie lässt sich die Erkrankung feststellen?
Auffällige Kinder sollten einem niedergelassenen Kinderarzt vorgestellt werden, der weitere Untersuchungen, beispielsweise in einem Sozialpädiatrischen Zentrum, veranlassen kann. Die Eltern werden über Vorerkrankungen und die Entwicklung des Kindes befragt. An eine gründliche körperliche und neurologische Untersuchung schließen sich psychologische Tests an, welche die Konzentrationsfähigkeit des Kindes, die Ablenkbarkeit und das Vermögen, einfache Lernstrategien zu entwickeln, prüfen können. Daneben werden häufig Beobachtungsbögen eingesetzt, anhand derer die Eltern das Auftreten typischer ADHS-Symptome im Alltag dokumentieren sollen.
Eine Fehlsichtigkeit oder eine Hörstörung müssen ausgeschlossen werden, da diese ebenfalls Aufmerksamkeitsstörungen bedingen können. Weitere Untersuchungen des Stoffwechsels (z. B. Schilddrüsen-, Nieren-, Leberwerte, Blutzucker), der Gehirnstrukturen und Gehirnströme können zum Ausschluss anderer Krankheitsursachen erforderlich sein.
Was kann man gegen ADHS tun?
Eltern, Erzieher und Lehrer müssen über die Erkrankung ausführlich informiert werden, um Verständnis für die Probleme der Kinder zu entwickeln. Auch soll die Aufklärung über die Erkrankung dazu dienen, Kinder und Eltern von möglichen Schuldgefühlen zu entlasten. Hierzu stehen die behandelnden Ärzte und Psychologen, Sozialpädiatrische Zentren sowie Erziehungsberatungsstellen zur Verfügung. Mit ihrer Hilfe können auch spezielle Fördermaßnahmen, ein regelmäßiger Tagesablauf und Verhaltensregeln geplant werden. So lernen die betroffenen Kinder z. B. in Trainingsprogrammen, wie sie durch gezielte Instruktionen selbst ihr Verhalten planen und regulieren können.
Die Familie sollte für das Kind einige wenige feste Regeln aufstellen und darauf achten, dass es diese einhält. Die geforderten Leistungen müssen erreichbar sein und so Erfolgserlebnisse vermitteln. Sie sollten mit dem Kind gemeinsam aufgestellt werden. Der übermäßige Bewegungsdrang kann durch intensive sportliche Betätigung und den Wechsel von aktiven Phasen und Ruhephasen in geordnete Bahnen gelenkt werden. Es ist sinnvoll, Wutanfälle zu ignorieren.
Je nach Alter des Kindes und Ausprägung der Krankheitszeichen sind weitere Maßnahmen erforderlich, um die Aufmerksamkeit und Unruhe der Kinder und damit ihre soziale Integration zu verbessern. Möglich sind hier z. B. Elterntraining und Spieltherapie bei Vorschulkindern, Familientherapie und soziales Kompetenztraining im Schulalter. So werden Eltern beispielsweise in Schulungen dazu angeleitet, das Kind bei positivem Verhalten (etwa wenn es ihm gelungen ist, sich auf die Hausaufgaben zu konzentrieren) gezielt zu belohnen. Auf diese Weise soll auch die starke Fokussierung auf die problematischen Verhaltensweisen des Kindes aufgehoben werden, die den negativen Kreislauf (Verhaltensprobleme führen zu Forderungen an das Kind, sich mehr anzustrengen, dieser Druck verstärkt die Symptomatik) aufrechterhält. Die Kinder erlernen in einem speziellen Training, wie sie ihre Aufmerksamkeit erhöhen können, wie sie ihr eigenes Verhalten besser steuern können und Alltagssituationen besser einschätzen können, um angemessen zu reagieren.
Die Wirksamkeit einer Ernährungsumstellung oder von Entspannungsübungen als alleinige Behandlung der Hyperaktivität ist nicht belegt, beides kann aber begleitend und individuell abgestimmt sehr hilfreich sein. 5 - 10 % der Kinder profitieren von einer individuell angepassten Diät, die allerdings aufwändig ist und von Eltern und Kindern sehr viel Disziplin erfordert.
Eine zusätzliche Therapie durch den Kinder- und Jugendpsychiater bzw. -psychotherapeuten kann sinnvoll sein, wenn das Kind unter starker Ängstlichkeit oder Depressionen leidet, die psychische Entwicklung des Kindes durch seine Verhaltensweisen bedroht erscheint oder das familiäre Zusammenleben durch die Erkrankung nachhaltig gestört ist. Liegen Wahrnehmungsstörungen oder Schwächen in der Feinmotorik vor, ist eine Ergo- oder Mototherapie sinnvoll.
In ausgeprägten Fällen, oder wenn es unter den oben genannten Maßnahmen zu keiner entscheidenden Besserung der Auffälligkeiten kommt, empfiehlt sich eine medikamentöse Therapie. Hierbei werden bevorzugt so genannte Stimulanzien (Wirkstoff: Methylphenidat) eingesetzt, die die Konzentration des körpereigenen Botenstoffes Dopamin im Gehirn erhöhen. Dadurch wird die Informationsverarbeitung zwischen den einzelnen Hirnabschnitten verbessert, was zu einer gesteigerten Konzentrationsfähigkeit führt. Weiterhin können die Kinder ihren gesteigerten Bewegungsdrang besser kontrollieren. So werden für das Kind Bedingungen geschaffen, unter denen es die bestehenden Probleme wie z. B. Schwierigkeiten im Sozialverhalten besser angehen kann. Die Medikamente stellen eine Unterstützung dar und sollten von weiteren therapeutischen Maßnahmen begleitet werden. Da die Wirksamkeit der mehrmals täglich einzunehmenden Tabletten sehr unterschiedlich sein kann, muss in einer mehrwöchigen Einstellphase für jeden Patienten die individuell erforderliche Medikamentenmenge herausgefunden werden. Seit einiger Zeit gibt es auch Langzeitpräparate, die nur einmal täglich eingenommen werden müssen.
Stimulanzien werden seit mehr als 50 Jahren zur Behandlung des ADHS eingesetzt. Bei regelgerechter Anwendung sind keine Spätschäden oder eine Abhängigkeit zu erwarten. Relativ häufig sieht man zu Beginn der Therapie Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit oder Einschlafstörungen, beides lässt aber im Verlauf nach. Wenn zusätzliche Erkrankungen bestehen oder sich Stimulanzien als nicht wirksam erweisen, kann auf andere Medikamente (z. B. Neuroleptika, Antidepressiva) ausgewichen werden.
Bei Erwachsenen muss zu Beginn der Therapie eine Suchterkrankung ausgeschlossen werden.
Wie ist die Prognose des Hyperaktivitäts-Syndroms?
Das geschilderte Therapieregime muss im Rahmen regelmäßiger Kontrolluntersuchungen der Entwicklung und dem Verhalten des Patienten angepasst werden. Häufig ist eine Behandlung nur über wenige Jahre, bei einigen Menschen aber auch lebenslang erforderlich. Auf diese Weise werden bei fast allen Kindern normale soziale Kontakte, eine qualifizierte Ausbildung und somit eine gute Lebensqualität erreicht.
Falls Kinder mit ADHS nicht behandelt werden, findet man häufig eine Besserung nach der Pubertät, wenn die Kinder gelernt haben, sich besser zu kontrollieren. Während der Pubertät kann es jedoch durch die in dieser Lebensphase stärker ausgeprägte Symptome von Impulsivität und sozial störendem Verhalten zu anhaltenden Persönlichkeitsveränderungen kommen, die die weitere Entwicklung negativ beeinflussen.
Viele Betroffene haben auch im Erwachsenenalter noch Probleme, sich zu konzentrieren, wenn sie keine Strategien im Umgang mit dem ADHS erlernt haben.
Impressum
Copyright: sanvartis GmbH
Erstellungsdatum: Oktober 2000
Autor: Ines Wüstenhaus
Letzte Aktualisierung: Mai 2005
Durch: Dr. med. Maria-Anna Schoppmeyer
Literatur/Leitlinien/EBM:
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg,): ADHS & was bedeutet das? (4/2005). www.adhs.ch/download/BZGA_ADHS_05.pdf
Huss, M.: Was wird aus Kindern mit Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung? Vom Zappelphilipp zum ausgewachsenen Chaoten. MMW Fortschritte der Medizin 146, S. 36-39 (2004).
Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde: ADHS im Erwachsenenalter (10/2003).
Huss, M.: Medikamente und ADS. Gezielt einsetzen - umfassend begleiten - planvoll absetzen. Urania Verlag (2002).
Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)
Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin: Diagnostik und Therapie bei ADHS (aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (2/2001).
Aust-Claus, E.: Das ADS-Buch. Oberstebrink Verlag (1999).
Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie: Hyperkinetische Störungen (1999).
Uexküll, T.v.: Psychosomatische Medizin. Urban & Schwarzenberg (5. Auflage 1998).


