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Kinderlähmung



(Poliomyelitis; Polio)


Was ist Kinderlähmung?


Die Kinderlähmung (Poliomyelitis, kurz: Polio) ist eine hochansteckende fieberhafte Virusinfektion, die zu bleibenden Lähmungen oder im schlimmsten Fall zum Tod führen kann. Sie wird durch das zur Gruppe der Enteroviren gehörende Poliomyelitis-Virus, von dem es drei verschiedene Untertypen gibt, ausgelöst. Betroffen sind in erster Linie Kinder, was aber keineswegs heißt, dass nicht auch Erwachsene eine Polio bekommen können.

In den meisten Fällen äußert sich die Infektion nur als harmlose Durchfallerkrankung und klingt rasch wieder ab ohne bleibende Schäden zu hinterlassen. Bei der "echten" Kinderlähmung wandert das Virus jedoch ins Nervensystem und befällt dort in erster Linie die so genannten motorischen Vorderhornzellen des Rückenmarks und die graue Substanz des Gehirns. "Polios" bedeutet grau, daher der Name Poliomyelitis. Es kommt zu einer Entzündung, die diese für die Steuerung der Muskeln des Bewegungsapparats verantwortlichen Nervenfasern schwer schädigen bzw. teilweise oder ganz zerstören kann.

Je nach Ausmaß der Nervenschädigung reichen die Folgen von leichten Beeinträchtigungen der Beweglichkeit bis hin zu schweren Lähmungen. Man geht davon aus, dass etwa jede 100. bis 200. Infektion in das Lähmungsstadium übergeht.

Aufgrund der Impfung gegen Kinderlähmung hat es in Deutschland seit 1990 keine Erkrankungen mehr gegeben, mit Ausnahme einiger aus anderen Ländern importierter Erkrankungen.

Welche Ursachen hat die Kinderlähmung?


Das Polio-Virus, der Erreger der Kinderlähmung, vermehrt sich u. a. im Rachen und im Darm infizierter Personen und wird mit dem Stuhl ausgeschieden. Der sehr ansteckende Keim kann dann beispielsweise durch verunreinigtes Trinkwasser oder Lebensmittel, aber auch durch Schmierinfektion bei engem körperlichem Kontakt mit einem Kranken, übertragen werden. Deshalb ist die Poliomyelitis in Ländern mit schlechten hygienischen Verhältnissen besonders häufig. In der Frühphase der Infektion ist auch eine Tröpfcheninfektion über das Rachensekret möglich, zum Beispiel durch Niesen, Husten oder Küssen.

Wie häufig ist die Krankheit?


Bis Anfang der sechziger Jahre war die Kinderlähmung eine gefürchtete Krankheit, an der in Deutschland jedes Jahr etwa 4000 Menschen neu erkrankten. Immer wieder gab es verheerende Masseninfektionen (Epidemien), bei denen viele Betroffene starben oder bleibende Behinderungen davon trugen.

Das 1962 begonnene Programm "Kinderlähmung ist grausam, Schluckimpfung ist süß", war so erfolgreich, dass es fast schon zum Synonym für Impfungen geworden ist. Am 21. Juni 2002 erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO Europa für poliofrei.

Viele Experten warnen aber vor der seit einiger Zeit zunehmenden "Impfmüdigkeit". Wenn immer mehr Menschen nicht mehr durch die Impfung geschützt sind, besteht die Gefahr, dass sie sich bei Fernreisen infizieren und das Virus mit zurück bringen. Begünstigt durch die abnehmenden Durchimpfungsraten könnte sich die Kinderlähmung dann wieder ausbreiten.

Welche Beschwerden verursacht die Krankheit?


Das Beschwerdebild der Poliomyelitis ist sehr variabel und verläuft in verschiedenen Stadien. Über 95 Prozent der Betroffenen bemerken von der Infektion überhaupt nichts oder leiden nur unter leichtem Durchfall, der nach ein bis zwei Tagen wieder verschwindet.

Bei schwererem Verlauf zeigen sich die ersten Symptome ein bis zwei Wochen nach der Ansteckung. Während dieser Inkubationszeit kann das Polio-Virus aber schon auf andere Menschen übertragen werden. Das erste Krankheitsstadium (Initialstadium) äußert sich mit grippeähnlichen Beschwerden. Die Kranken klagen über Kopf- und Gliederschmerzen, Halsweh mit Schluckbeschwerden, Schnupfen, Husten, Appetitlosigkeit, Schweißausbrüche und Fieber bis 38,5°C. Ein großer Teil der Erkrankungen endet mit dem Initialstadium.

Ist das nicht der Fall, folgt zunächst eine etwa einwöchige Latenzphase: Die Beschwerden und das Fieber klingen ab, die Betroffenen fühlen sich subjektiv vollkommen gesund. Ihr Immunsystem ist aber nicht in der Lage, die Infektion zu beherrschen, das Virus breitet sich in Gehirn und Rückenmark aus.

In diesem so genannten präparalytischen Stadium leiden die Kranken unter den Symptomen einer Hirnhautentzündung (Meningitis). Das Fieber steigt rasch an. Kopf, Rücken und Gliedmaßen schmerzen stark. Weitere Zeichen sind extreme Nackensteifigkeit, Übelkeit, Erbrechen sowie eine überdeutliche Sensibilität gegen Licht und Berührungen. Viele Patienten leiden unter psychischen Veränderungen und einer Eintrübung des Bewusstseins.

Das Vollbild der Poliomyelititis, das paralytische oder Lähmungsstadium, beginnt wenige Stunden bis maximal zwei Tage nach dem präparalytischen Stadium. Die ersten Lähmungserscheinungen treten meist sehr rasch auf. Dass Kinder abends munter ins Bett gehen und sich morgens nicht mehr rühren können, ist ganz typisch. Oft sind zunächst Beine und Schultergürtel betroffen, das Muskelversagen kann aber auch auf den Brustkorb übergreifen. Dann besteht Erstickungsgefahr.

Nach vier bis fünf Tagen erreichen die Lähmungen ihren Höhepunkt und gehen dann langsam wieder zurück. Allerdings ist die Rückbildung nicht immer vollständig, fast die Hälfte der Betroffenen leidet dauerhaft unter Muskelschwäche oder Lähmungen.

Wie wird die Polio diagnostiziert?


Im Anfangsstadium ist die Kinderlähmung für den Arzt schwer erkennbar, da die Symptome denen eines grippalen Infektes sehr ähneln. Deshalb sollte man dem behandelnden Arzt unbedingt mitteilen, wenn in der Umgebung ein Polio-Fall aufgetreten ist oder man in einem nicht poliofreien Land war. Die Krankheitszeichen werden im präparalytischen Stadium deutlicher. Charakteristische Merkmale wie beeinträchtigte Muskelreflexe, Muskelschwäche und Sprechstörungen verbunden mit einem Fieberanstieg sprechen für eine Poliomyelitis.

Besteht aufgrund der Krankheitssymptome der Verdacht auf eine Kinderlähmung kann mit Hilfe von labormedizinischen Untersuchungen das Virus im Stuhl und anfangs auch im Rachenabstrich nachgewiesen werden.

Um ganz sicher zu gehen, wird mit Hilfe einer Lumbalpunktion die Flüssigkeit untersucht, die Gehirn und Rückenmark umspült, den Liquor. Dazu sticht der Arzt auf Höhe der Lendenwirbelsäule mit einer Kanüle in den Rückenmarkskanal und saugt eine kleine Menge Liquor ab. Bei einer Kinderlähmung ist zum einen die Zahl der Entzündungszellen im Liquor erhöht, zum anderen kann man das Polio-Virus direkt nachweisen.

Wie lässt sich die Kinderlähmung behandeln?


Nach wie vor gibt es keine Medikamente, mit denen sich das Polio-Virus direkt bekämpfen lässt, eine ursächliche (kausale) Therapie ist somit nicht möglich. Die Behandlung beschränkt sich zwangsläufig darauf, die Beschwerden zu lindern, das Fieber zu senken, und dem Körper die Möglichkeit zu geben, selbst mit der Krankheit fertig zu werden. Poliokranke müssen auf jeden Fall schnellstmöglich ins Krankenhaus, damit sie im Falle einer Atemlähmung frühzeitig künstlich beatmet werden können. Erste Maßnahme ist grundsätzlich strengste Bettruhe.

Sobald die Krankheit abklingt, wird mit intensiver Physiotherapie begonnen. Spezielle krankengymnastische Übungen fördern die Rückbildung von Muskelschwächen und Lähmungen und können so dauerhafte Schäden zumindest abmildern oder sogar verhindern. Deshalb gehen die meisten Betroffenen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus noch zu einer neurologischen Rehabilitationsbehandlung.

Wie sind die Heilungsaussichten?


Grundsätzlich kann die Poliomyelitis in jedem Stadium enden und völlig ohne Folgen ausheilen. Dennoch ist die Kinderlähmung eine sehr gefährliche Krankheit, die - wenn es zu einer Atemlähmung kommt - nicht selten tödlich endet. Besonders schwere Verläufe werden gehäuft bei Säuglingen und Kleinkindern beobachtet.

Die ersten sechs Monate nach der Infektion sind für die Prognose entscheidend, in dieser Zeit verbessert eine intensive krankengymnastische Therapie die Heilungsaussichten deutlich. Aber auch nach zwei Jahren können sich die Lähmungen noch zurückbilden.

Bei paralytischen Verlaufsformen leiden 50 Prozent der Betroffenen dauerhaft unter bleibenden Schäden wie Muskelschwäche oder Lähmungserscheinungen.

Dies unterstreicht die Wichtigkeit der frühzeitigen Impfung.

Die Impfung - sichere Vorbeugung


Menschen, die eine Poliomyelitis durchgemacht haben, sind ein Leben lang gegen den einen Virustyp immun. Da es jedoch drei Untergruppen gibt, können sie sich mit einem anderen Poliomyelitis-Virus erneut infizieren. Vollständigen Schutz bietet nur die Impfung. Sie veranlasst die Bildung von Antikörpern gegen alle bekannten Polio-Virusgruppen.

Die bewährte "Schluckimpfung" ist mittlerweile überholt, da es in seltenen Fällen zur so genannten Impfpolio - einer Infektion durch die verabreichten inaktivierten, aber dennoch lebenden Viren - kam. Stattdessen gibt es einen neuen Impfstoff, der in den Muskel gespritzt wird.

Nach den Empfehlungen der in Deutschland verantwortlichen Ständigen Impfkommission (STIKO) sollte jedes Kind im Alter von drei Monaten das erste Mal geimpft werden. Dann folgen zwei weitere Injektionen im Abstand von vier Wochen. Diese Grundimmunisierung wirkt etwa zehn Jahre und sollte dann mit einer weiteren Impfung aufgefrischt werden.

Bei Menschen, die nie gegen Polio geimpft wurden, rät die STIKO, die Grundimmunisierung unabhängig vom Alter nachzuholen. Auf die routinemäßige Auffrischung bei Erwachsenen kann nach Auskunft der Behörde verzichtet werden, allerdings ist sie bei Reisen in Poliogebiete, also beispielsweise nach Afrika oder Asien, weiterhin empfehlenswert.


Literatur/Leitlinien/EBM:



Behrman, R. E.: Nelson Textbook of Pediatrics. Harcourt (16. Auflage 2000).

Koletzko, B.: Kinderheilkunde. Springer (11. Auflage 2000).

Reisemedizinisches Zentrum des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin Hamburg: http://www.bni.uni-hamburg.de/

Robert-Koch-Institut: Ratgeber Infektionskrankheiten - Kinderlähmung (Polio).

Robert-Koch-Institut: Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO).
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