Reizmagen
(Magen, nervöser; Magenbeschwerden, funktionelle, Dyspepsie, funktionelle)
Was versteht man unter einem Reizmagen?
Beim Reizmagen handelt es sich um eine recht häufige Erkrankung, die mit unspezifischen Beschwerden im Oberbauch einhergeht. Die Betroffenen leiden unter Druck in der Magengegend, Völlegefühl, Schmerzen, Übelkeit, Sodbrennen und teilweise auch Erbrechen. Bei der Untersuchung kann aber keine den Symptomen entsprechende organische Veränderung gefunden werden, der Magen ist nach medizinischen Kriterien vollkommen "gesund". Deshalb spricht man beim Reizmagen auch von einer funktionellen (im Gegensatz zur organischen) Dyspepsie (griechisch dys = Störung, pepsis = Verdauung).
Nach den von internationalen Experten 1999 vorgeschlagenen Rom-II-Kriterien kann man vom Vorliegen einer funktionellen Dyspepsie sprechen, wenn die Betroffenen insgesamt mindestens zwölf Wochen eines Jahres unter Schmerzen und Missempfindungen im Oberbauch leiden und andere (organische) Erkrankungen durch eingehende Untersuchungen ausgeschlossen wurden.
Der nervöse Magen ist ein weit verbreitetes Phänomen. Laut Studien leidet etwa ein Viertel der gesunden Bevölkerung mindestens einmal im Jahr unter dyspeptischen Beschwerden. Bei den Betroffenen, die deswegen den Arzt aufsuchen, lautet die Diagnose in 30 bis 50 Prozent der Fälle Reizmagen. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.
Welche Ursachen hat die Krankheit?
Lange Zeit wurde angenommen, dass der Reizmagen durch eine Infektion mit dem Bakterium Helicobacter pylori ausgelöst wird. Viele Studien haben den Verdacht mittlerweile widerlegt - der bei der Magenschleimhaut-Entzündung und beim Magengeschwür wichtige Keim scheint nur bei den wenigsten Betroffenen eine ursächliche Rolle zu spielen.
Wie genau die Krankheit entsteht, ist nach wie vor nicht geklärt. Eine Rolle scheinen die Ernährungsgewohnheiten sowie individuelle Unverträglichkeiten gegen einzelne Nahrungsmittel zu spielen. Die Betroffenen klagen oft nach dem Genuss von scharfen Gewürzen, besonders fetten Speisen, Kaffee oder Alkohol über Beschwerden. Allein die Tatsache, dass sich der nervöse Magen überproportional häufig und auch heftig in belastenden Lebenssituationen bemerkbar macht, also zum Beispiel in der Pubertät, bei beruflichem Stress oder nach dem Verlust einer Bezugsperson, spricht dafür, dass die Krankheit einen psychosomatischen Hintergrund hat. Psychosomatisch bedeutet aber nicht, dass die funktionelle Dyspepsie ein eingebildetes Leiden ist.
Man weiß, dass die Psyche die verschiedensten Regulationsvorgänge des Körpers stark beeinflusst. So steht der Magen über nicht willentlich zu beeinflussende Nervenbahnen mit dem Gehirn in Verbindung. Dieses so genannte parasympathische Nervensystem steuert die Magenbewegungen und die Sekretion der Magensäure. Wie sehr die Psyche den Appetit kontrolliert, weiß wohl fast jeder noch vom letzten Liebeskummer. Und nicht umsonst hat die Verknüpfung zwischen Psyche und Magen ihren Platz in vielen Redensarten: Ein Streit "schlägt einem auf den Magen", sodass "die Galle hoch kommt" - oder es einfach "zum Kotzen" ist.
Daneben wird eine Vielzahl weiterer Faktoren diskutiert, die für einen Reizmagen verantwortlich sein könnten. Hierzu zählen eine Überempfindlichkeit von Nachbarorganen des Magens gegenüber Säure, Gallebestandteilen oder Bauchspeicheldrüsensaft, eine verzögerte oder verlangsamte Magenentleerung, eine Überempfindlichkeit der Magenmuskulatur gegenüber Dehnung, eine Verschiebung der Schmerzschwelle im Gehirn u. a.
Welche Beschwerden macht der Reizmagen?
Das Beschwerdebild einer funktionellen Dyspepsie ist sehr uneinheitlich, die Patienten leiden meist unter individuellen Symptomen, die einzeln oder zusammen, immer in derselben Situation oder vollkommen unberechenbar auftreten.
Typische Schilderungen der Betroffenen reichen von Druck und brennenden Schmerzen im Oberbauch, vorzeitigem Sättigungsgefühl, über Aufstoßen, Übelkeit und Erbrechen bis hin zu fehlendem Appetit, Sodbrennen und Völlegefühl.
Die Intensität der Beschwerden variiert nicht nur zwischen den Patienten, sondern auch bei jedem Einzelnen. Allerdings treten die Missempfindungen besonders oft beim oder kurz nach dem Essen auf.
Dass viele Betroffene über begleitende Symptome wie Konzentrationsschwäche, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, depressive Verstimmung oder Nervosität klagen, unterstreicht den engen Zusammenhang zum seelischen Befinden.
Wie wird die Krankheit diagnostiziert?
Die funktionelle Dyspepsie ist eine so genannte Ausschlussdiagnose, das heißt, sie darf erst gestellt werden, wenn alle organischen Erkrankungen, die ein ähnliches Beschwerdebild hervorrufen, ausgeschlossen sind. Deshalb beurteilt der Arzt den Magen mit Hilfe der Gastroskopie (Magenspiegelung), denn so kann er sicher gehen, dass sein Patient nicht unter einer Magenschleimhaut-Entzündung (Gastritis), unter einem Magen- bzw. Zwölffingerdarmgeschwür (Ulkus) oder sogar unter Magenkrebs leidet. Dabei wird unter Umständen eine Gewebeprobe entnommen und auf eine Infektion mit Helicobacter pylori untersucht.
Laboruntersuchungen von Blut, Stuhl und Urin sowie ein Ultraschall des Bauchraums ergänzen die Diagnostik. Ganz wichtig ist die exakte Erhebung der Krankengeschichte des Patienten, also Art und Auftreten der Beschwerden, seine Lebensgewohnheiten und auch die psychische Situation. Nach den gängigen Kriterien darf der Arzt die Diagnose Reizmagen erst stellen, wenn die Beschwerden mindestens an zwölf Wochen im Jahr auftreten, ohne dass eine organische Ursache gefunden werden konnte. Leider werden die Betroffenen gerade wegen der fehlenden körperlichen "Schädigung" häufig nicht ausreichend ernst genommen.
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Da man die Ursachen des Reizmagens nicht genau kennt, gibt es auch keine ursächliche Therapie.
Die empfohlenen Medikamente dienen vor allem dazu, die Symptome zu lindern, sind aber keineswegs bei jedem Patienten nötig. Gegen starke Schmerzen helfen krampflösende Schmerzmittel. Medikamente zur Beschleunigung der Magenentleerung (Peristaltik) mildern Brechreiz, Übelkeit und Völlegefühl. Bei Sodbrennen und saurem Aufstoßen können Protonenpumpenblocker oder H2-Blocker verordnet werden. Die medikamentöse Beseitigung des Bakteriums Helicobacter pylori geht nur bei wenigen Betroffenen mit einer Besserung ihrer Beschwerden einher und sollte daher sehr genau erwogen werden. Die Einnahme von Medikamente sollte immer mit dem Arzt abgestimmt werden und nach Möglichkeit nur bei Bedarf erfolgen.
Eine langfristige Besserung der Beschwerden verspricht ein ganzheitliches Therapiekonzept, das individuell auf jeden einzelnen Betroffenen und seine Symptomatik abgestimmt wird. Oft hilft eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten, zum Beispiel der Verzicht auf scharfe Gewürze sowie Nikotin und Alkohol oder die Nahrungsaufnahme in mehreren und kleineren Portionen.
Auch die Psyche sollte nicht außer Acht gelassen werden. Der Patient muss über die Harmlosigkeit seiner Erkrankung ausführlich unterrichtet werden. Der Übergang seiner funktionellen Störung in eine nachweisbare organische Erkrankung ist äußerst selten. Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüre finden sich nicht gehäuft bei Patienten mit Reizmagen.
Daneben sind in vielen Fällen schon einfache Entspannungsübungen wie autogenes Training sehr erfolgreich, wenn es darum geht, die auf den Magen schlagenden Konfliktsituationen zu bewältigen. Bei schwerwiegenderen psychischen Störungen ist es sinnvoll, eine psychotherapeutische Behandlung in Betracht zu ziehen.
Ganz wichtig ist, dass der Patient über den Zusammenhang zwischen Seelenleben und Reizmagen Bescheid weiß, denn nur dann kann es ihm gelingen, mit auslösenden Faktoren wie Stress oder Konflikte "gesünder" umzugehen.
Wie sind die Heilungsaussichten?
Durch souveräneren Umgang mit belastenden Lebenssituationen und eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten klingen die Beschwerden bei fast allen Betroffenen mit der Zeit - auch ohne Medikamente - ab. Nur einer von hundert Patienten mit Reizmagen muss dauerhaft behandelt werden.
Funktionelle Magenbeschwerden erhöhen nicht das Risiko anderer, schwerwiegenderer Erkrankungen des Magens, wie einer Magenschleimhaut-Entzündung oder von Magenkrebs. Die Lebenserwartung ist völlig normal.
Was kann man zur Vorbeugung tun?
Da die auslösenden Ursachen von Patient zu Patient sehr unterschiedlich und damit nur schwer greifbar sind, gibt es auch keine generellen Empfehlungen zur Vorbeugung der funktionellen Dyspepsie. Eine abwechslungsreiche, vollwertige und regelmäßige Ernährung ist aber ganz allgemein der beste Schutz vor Magenproblemen. Dazu gehört auch, sich beim Essen ausreichend Zeit zu nehmen.
Rauchen tut dem Magen ebenso wenig gut wie Alkohol. Entgegen der weit verbreiteten Meinung schädigt "ein Verdauungsschnäpschen nach dem Essen" die empfindliche Schleimhaut. Wer Hektik und Stress vermeidet, beugt ebenfalls Magenproblemen vor. Dabei helfen Entspannungsübungen wie autogenes Training, aber auch schon ein erholsamer Spaziergang oder entspannte sportliche Betätigung.
Literatur/Leitlinien/EBM:
W. Rösch: Funktionelle Dyspepsie - State of the Art.Kompendium 2005. Gastroenterologie 1, S. 14-17 (2005).
Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag (2005).
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Holtmann, G.: Therapie der funktionellen Dyspepsie (Reizmagensyndrom). Internist 42, S.1261-1269 (2001).
Malfertheiner P, Holtmann G, Peitz U et al.: Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten zur Behandlung der Dyspepsie. Zeitschrift für Gastroenterologie 39, S. 937-956 (2001).
Groß, Schölmerich, Gerok: Die Innere Medizin. Schattauer (2000).


