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Reizdarmsyndrom



(Colon irritabile; irritables Kolon)


Was ist ein Reizdarmsyndrom?


Das Reizdarmsyndrom, in der Fachsprache auch Colon irritabile genannt, ist eine Erkrankung des unteren Verdauungstraktes, die durch bestimmte Beschwerden wie Bauchschmerzen und Stuhlunregelmäßigkeiten - Verstopfung und/oder Durchfall - gekennzeichnet ist.

Der Darm hat die Aufgabe, Nahrungsmittel zu transportieren, zu zerkleinern und die Nahrungsbestandteile an den Körper weiterzugeben. Beim Colon irritabile ist im Wesentlichen die Transportfunktion des Verdauungstraktes, insbesondere des Dickdarms (Kolon), gestört.

Das Reizdarmsyndrom muss jedoch nicht nur auf den Dickdarm beschränkt sein. Es kann ebenso den Dünndarm oder auch den Magen betreffen. Die Beschwerden können andauernd oder in unregelmäßigen Abständen auftreten.

Das Colon irritabile ist sehr häufig, jedoch nur wenige Betroffene suchen frühzeitig einen Arzt auf. Man mutmaßt, dass nahezu die Hälfte aller Magen-Darm-Beschwerden auf ein Reizdarmsyndrom zurückgehen, wobei doppelt so viele Frauen wie Männer im mittleren Lebensalter betroffen sind. Schätzungsweise leiden insgesamt 10 bis 20 Prozent der Menschen in Europa und den USA an einem Reizdarmsyndrom.

Welche Beschwerden macht das Colon irritabile?


Im Vordergrund stehen Unregelmäßigkeiten des Stuhlgangs mit Verstopfung und/oder Durchfall sowie ein Druckgefühl im Bauch oder sogar krampfartige Schmerzen. Daneben klagen die Betroffenen häufig über ein Bläh- und Völlegefühl. Auch Unverträglichkeiten bestimmter Speisen werden angegeben.

Die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen (DGVS) hat zur Definition des Reizdarmsyndroms folgende Kriterien festgelegt:
  • Bauchschmerzen, oft in Beziehung zur Stuhlentleerung (Besserung nach Stuhlgang) über einen Zeitraum von mindestens 12 Wochen
  • Veränderung der Stuhlentleerung in mindestens zwei der folgenden Aspekte:

    • Frequenz (Häufigkeit)
    • Konsistenz (hart, breiig, wässrig)
    • Stuhlpassage mühsam, gesteigerter Stuhldrang, Gefühl der inkompletten Entleerung, Schleimabgang
    • Blähungen


Hinzu können so genannte extraintestinale (außerhalb des Darmes befindliche) Symptome kommen, z. B.:
  • Kopfschmerzen
  • Rückenschmerzen
  • Müdigkeit und/oder Schlafstörungen
  • Angststörungen und Depressionen
  • Störungen beim Wasserlassen
  • Zyklusstörungen
  • Herzbeschwerden (ohne körperliche Ursache)

Die Betroffenen empfinden die Beschwerden als mittelschwer bis schwer, sie beeinträchtigen die Lebensqualität meist erheblich. Typisch ist, dass die Beschwerden meist über einen längeren Zeitraum bestehen. Sie können entweder dauerhaft vorkommen oder von beschwerdefreien Zeiten unterbrochen sein.

Welche Ursachen hat ein Reizdarmsyndrom?


Die genaue Ursache des Reizdarmsyndroms ist noch unbekannt. Es gehört zu den so genannten funktionellen Erkrankungen des Verdauungstraktes, d. h. es findet sich keine organische Ursache, die die Beschwerden in vollem Ausmaß erklären könnte. Dies bedeutet allerdings nicht, dass es sich um eine rein psychische Störung handelt, wie man es lange Zeit vermutet hat. Seelische Umstände können die Erkrankung allerdings erheblich beeinflussen.

Gehäuft tritt das Reizdarmsyndrom nach einem akuten Magen-Darm-Infekt auf. Trotz Ausheilung des Infektes können die Symptome des Reizdarmsyndroms über Jahre fortbestehen. Eine wesentliche Bedeutung kommt dabei dem so genannten Enterischen Nervensystem (ENS) zu. Dieses "darmeigene" Nervensystem koordiniert die Transportfunktion des Darms.

Man geht davon aus, dass ein großer Teil der Beschwerden durch eine Beweglichkeitsstörung (Motilitätsstörung) der Muskulatur des Darms bedingt ist. Die Forschung konzentriert sich dabei u. a. auf das Problem einer gestörten Reizübertragung, gesteuert und beeinflusst durch bestimmte Substanzen (z. B. Serotonin). Auch Mechanismen, die bei der Entstehung entzündlicher Schleimhautveränderungen des Darmes eine Rolle spielen, könnten verändert sein.

Des Weiteren gibt es eine Reihe von Mechanismen und Faktoren, die für die Entstehung eines Reizdarmsyndroms begünstigend wirken können:
  • Übermäßige Schmerzempfindlichkeit der Verdauungsorgane
  • Störung vom zentralen (Gehirn und Rückenmark), enterischen (Darm) und vegetativen Nervensystem
  • Fehlbesiedelung der Darmflora
  • Erbliche Veranlagung
  • Ernährungsgewohnheiten, z. B. ballaststoffarme und sehr fettreiche Kost
  • Unverträglichkeiten bestimmter Nahrungsmittel, z. B. Milchprodukte, Kaffee und Alkohol, Zitrusfrüchte und gebratene Speisen
  • Störungen der Darm-Immunabwehr
  • Medikamente
  • Operationen
  • Stress und seelische Konfliktsituationen.

Wie diagnostiziert man ein Colon irritabile?


Der Arzt wird sich zunächst durch ein ausführliches Gespräch (Anamnese) ein Bild über die Beschwerden machen. Typisch für das Reizdarmsyndrom ist ein schon langer Krankheitsverlauf, denn die meisten Betroffenen suchen erst sehr spät und oft nach einem langen Leidensweg ärztliche Hilfe auf.

Man sollte auf diesen Arztbesuch und auf die Fragen, die der Arzt stellen wird, selbst gut vorbereitet sein (am besten macht man sich vorher auf einem Zettel Notizen). So interessieren den Arzt z. B.:
  • Die Art und Lokalisation der aktuellen Beschwerden
  • Der Beginn der Beschwerden (besondere Lebenssituation, Infektion o. ä.) und ihr Verlauf
  • Das Stuhlverhalten und eventuelle Stuhlveränderungen, Blut im Stuhl
  • Gewichtsveränderungen
  • Begleiterkrankungen (z. B. Schilddrüsenüberfunktion, Zuckerkrankheit, Durchblutungsstörungen etc.) und sonstige Beschwerden
  • Medikamenteneinnahme
  • Vorausgegangene Operationen
  • Frühere Erkrankungen
  • Ernährungsgewohnheiten und Appetit, Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten
  • Alkohol- und Nikotinkonsum
  • Schlafstörungen
  • Soziales Leben (Beruf, Freizeit, Familie)
  • Aktuelle oder bestehende Problemsituationen (beruflich, privat), Stress
  • Erkrankungen in der Familie (z. B. Darmkrebs)

Nach dieser Befragung erfolgt eine gründliche körperliche Untersuchung. Dabei wird der Bauch abgetastet und mit einem Stethoskop abgehört. Außerdem tastet der Arzt den Enddarm vorsichtig mit dem Finger aus (rektale Untersuchung).

Um andere Erkrankungen auszuschließen, sind einige Untersuchungen erforderlich. In der Regel wird Blut abgenommen und ein Blutbild erstellt sowie die Entzündungszeichen, die Leber- und Nierenwerte u. ä. bestimmt. Der Stuhl wird auf Blut und Wurmeier sowie andere Krankheitserreger untersucht.

Um einen bösartigen Darmtumor oder eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung als Ursache der Beschwerden auszuschließen, werden weitere Untersuchungen durchgeführt werden. Dazu gehören eine Ultraschalluntersuchung der Bauchorgane (Sonografie) und eine Darmspiegelung (Koloskopie). Wenn Magenbeschwerden vorherrschen wird eine Magenspiegelung (Gastroskopie) durchgeführt. Ggf. können Röntgenuntersuchungen sowie Tests auf Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten (z. B. H2-Atemtest mit Laktosebelastung) stattfinden. Erst wenn aufgrund dieser Untersuchungen ein andere Erkrankung ausgeschlossen ist, kann von einem Reizdarmsyndrom gesprochen werden.

Für die Betroffenen selbst ist es ratsam, ein Tagebuch zu führen, in dem sie z. B. Zeitpunkt, Dauer und Intensität der Beschwerden eintragen und mit dem Arzt besprechen.

Wie kann man das Reizdarmsyndrom behandeln?


Da die genaue Ursache nicht bekannt ist, kann auch keine ursächliche Therapie erfolgen. Die Behandlung muss sich deshalb individuell nach den Beschwerden richten. Eine eingehende Beratung und Aufklärung steht am Anfang der Behandlung. Die Erkrankung ist nicht schwerwiegend, sie hat keine anderen Krankheiten zur Folge und die Lebenserwartung ist durch sie nicht eingeschränkt.

Besteht ein Zusammenhang der Beschwerden mit Stress- oder Konfliktsituationen, ist eine Lebensumstellung Erfolg versprechend. Hier eignen sich Entspannungstherapien, z. B. autogenes Training oder Meditation. Hilfen bei der Stressbewältigung können auch ein regelmäßiger Tagesablauf, täglich körperliche Bewegung mit ausreichender Belastung (Fahrradfahren, Gymnastik, Jogging und Schwimmen) und eine ausgeglichene Freizeitgestaltung sein.

Ein weiterer Baustein zur Besserung der Beschwerden kann eine Ernährungsumstellung sein. Empfehlenswert ist eine gesunde und ausgeglichene Kost mit einem hohen Anteil an Ballaststoffen sowie reichlich Flüssigkeit. Nahrungsmittel, die Unverträglichkeiten verursachen, sollten gemieden werden. Auch auf fettreiche Mahlzeiten sowie auf Nikotin, Kaffee und Alkohol sollten Betroffene verzichten. Außerdem sollte man sich Zeit nehmen und die Mahlzeiten nicht unter Zeitdruck einnehmen. Spezielle "Reizdarm-Diäten" gibt es allerdings nicht.

Kommt es trotz dieser Maßnahmen zu keiner Besserung der Beschwerden können Medikamente eingesetzt werden. Hierzu zählen Medikamente, welche die Reizübertragung des Botenstoffes Serotonin an der Darmmuskulatur beeinflussen (z. B. Tegaserod, Alosetron), trizyklische Antidepressiva oder muskelentspannende Substanzen. Auch pflanzliche Mittel wie Artischocken-Extrakte oder ein Gemisch aus Kümmel- und Pfefferminzöl sowie das Probiotikum VSL III kommen zum Einsatz.

Mittel gegen Blähungen sind meist nicht sehr wirksam. Bei Verstopfung stehen Ballast- und Faserstoffe an erster Stelle. Dazu zählen z. B. Weizenkleie, Leinsamen und Quellmittel, die jedoch ihrerseits Blähungen verursachen können.

Liegt ein behandlungsbedürftiger Durchfall vor, ist die Einnahme von Loperamid möglich. Dieser Wirkstoff hemmt die Darmbewegung.

Da das Colon irritabile eine Funktionsstörung des Darms ohne organisch nachweisbare Veränderung ist, werden die Beschwerden ohne Behandlung zwar bleiben und sich ggf. auch verschlechtern. Die Diagnose sollte jedoch durch einen Arzt gestellt und andere Ursachen auf jeden Fall ausgeschlossen werden. Ziel jeglicher Bemühungen sollte sein, die Beschwerden bestmöglich zu behandeln und zu lindern, da die Erkrankung für viele der Betroffenen eine erhebliche Minderung der Lebensqualität darstellt.

Literatur/Leitlinien/EBM:



Adam, B., Liebgrets, T., Holtmann, G.: Das Reizdarmsyndrom. Deutsche Medizinische Wochenschrift 130, S. 399-401 (2005).

Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag (2005).

Harrison, T. R.: Harrisons Innere Medizin. ABW Wissenschaftsverlag (2003).

Koop: Gastroenterologie compact. Thieme (2001).

Kruis, W., Rebstock, M.: Kurzleitfaden Reizdarmsyndrom. Thieme (2001).

Hahn, E. G., Riemann, J. F.: Klinische Gastroenterologie (1999).
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