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Schulangst



(Schulphobie)


Welche Gründe gibt es für Schulangst?


Schulverweigerndes Verhalten ist ein relativ häufig beobachtetes Phänomen. Für dieses Verhalten eines Kindes oder eines Jugendlichen kommen verschiedene Gründe in Frage.

Schule schwänzen ist die häufigste Ursache für das Fernbleiben vom Unterricht. Fast jeder Schüler hat dies im Laufe seiner Schulzeit schon einmal versucht oder auch praktiziert. Sofern dieses Verhalten ein "tolerables" Maß überschreitet, liegt bei diesen Kindern und Jugendlichen oft eine mangelnde Gewissensausprägung vor. Das Schuleschwänzen ist ein Ausweichverhalten (eine Anpassungsstörung), bei der eine angenehme Aktivität, wie z. B. zum Fußball oder ins Schwimmbad zu gehen, einer schulischen Leistungssituation vorgezogen wird.

Davon abzugrenzen sind Phobien. Phobien sind starke Angstzustände vor bestimmten Objekten oder Situationen, z. B. vor Tieren, geschlossenen Räumen oder vor Dunkelheit. Die Schulphobie ist eine Sonderform, bei der die Kinder aus panischer Furcht den Schulbesuch vermeiden. In diesem Zusammenhang findet man häufig Trennungsängste des Kindes, z. B. durch eine zu starke Bindung des Kindes an die Mutter, die einen Schulbesuch für das Kind oder den Jugendlichen nahezu unmöglich machen. Neben dem Gefühl von Angst können auch körperliche Beschwerden wie Übelkeit, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und Kreislauflabilität auftreten. Die Angst kann bereits auftreten, wenn das Kind das Haus verlassen soll. Elterliche Strenge, gutes Zureden oder Beruhigung helfen oft nicht. Bei der Schulphobie sind die Ursachen also überwiegend im familiären Umfeld zu suchen.

Allerdings können auch Probleme in der Schule wie z. B. Versagensängste die Situation verstärken. Bei der Schulangst weicht das Kind oder der Jugendliche den Schulsituationen aus Angst vor Kränkung (Versagenssituationen, Ausgrenzung) oder Demütigung (Lern- oder körperliche Schwäche, Erkrankungen) aus. Es erlebt zunächst durch sein Verweigerungsverhalten eine gefühlsmäßige Erleichterung, da die Angst auslösenden Situationen wegfallen. Später treten aber Schuldgefühle hinzu, da die Erwartungshaltung der Eltern nicht mehr erfüllt werden kann. Auch treten in der Folge häufig Leistungsbeeinträchtigungen auf, so dass es zu einem Teufelskreis kommen kann: Durch nachlassende Schulleistungen erlebt das Kind zunehmende Kränkungen und Versagenssituationen, die die Schulangst verstärken. Die Folge ist vermehrtes Fernbleiben von der Schule, was wiederum weitere Leistungseinbußen bedingt.

Welche Verhaltensmuster und körperlichen Symptome können auffallen?


Nicht selten treten bei Schulangst und Schulphobie körperliche Symptome und Verhaltensmuster auf, die Eltern, Lehrern und Ärzten als "Signal" zur Erkennung der Problematik dienen können. Hierzu zählen Reaktionen, die insbesondere morgens vor der Schule geäußert werden. So können bei Kindern und Jugendlichen in Folge von Schulangst Bauchschmerzen, Schwindel, Kreislauflabilität, Durchfall, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, Nägelkauen, Stimmungsschwankungen u. a. auftreten.

Im Bereich der Verhaltenversänderung findet man ein breites Spektrum. Dazu gehört morgendliches Trödeln, Begleitungswunsch auf dem Schulweg und offensichtliche Weigerung zur Schule zu gehen, die mit Panikreaktionen und Vorwürfen an die Eltern ("Du hast mich nicht lieb, wenn du mich weggibst"), an Lehrer ("Der ist so streng, die Aufgaben sind zu schwer") und an Mitschüler (Misstrauen, Mobbing) verbunden sein können.

Verstärkt werden die Krankheitssymptome und Verhaltensprobleme bei der Schulphobie durch familiäre Besonderheiten wie Unsicherheit oder Angst vor dem eigenen Alleinsein eines Elternteils, durch schwelende Partnerkonflikte bis hin zu Trennungsabsichten der Eltern und familiären Verlusterlebnissen. Diese Konstellationen verstärken in dem Kind die Befürchtungen, es könne etwas Schlimmes passieren, wenn es nicht zu Hause ist - die Weigerung, in die Schule zu gehen, erscheint ihm um so mehr "notwendig.

Was ist zu tun, wenn das Kind den Schulbesuch verweigert?


Wenn körperliche Symptome vorliegen, ist zunächst notwendig, eine organische Ursache der Beschwerden vom Kinderarzt ausschließen zu lassen. Ist dies erfolgt, wird der Arzt mit den Eltern die Situation besprechen und ein gemeinsames Vorgehen festlegen.

Verstärkungseffekte des Verhaltens durch Schulatteste, krankheitsbedingte Freistellungen und Ähnliches sollten vermieden werden. Das Kind lernt sonst, dass das Äußern körperlicher Symptome davor bewahrt, sich der angstauslösenden Schulsituation aussetzen zu müssen. In der Folge werden die körperlichen Beschwerden vermehrt auftreten. Auch führen krankheitsbedingte Fehlzeiten meist zu Leistungseinbußen, welche die Angst des Kindes, in die Schule zu gehen und zu versagen, weiter verstärken.

Falls nötig, sollte die Familie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. (z. B. Familientherapie, Verhaltenstherapie). Dies kann meist ambulant, aber auch teilstationär und bei schweren Verläufen auch stationär in der Kinder- und Jugendpsychiatrie erfolgen.
Bei der Schulphobie mit ausgeprägter Trennungssymptomatik (meist Mutter-Kind) gilt es zu verdeutlichen, dass eine Trennung ein Schritt in Richtung Selbstständigkeit und Selbstvertrauen des Einzelnen bedeutet.

In verhaltenstherapeutischen Ansätzen werden Verarbeitungsmöglichkeiten der Angst entwickelt, wobei verschiedene Verfahren kombiniert werden können. Die bekannteste Therapieform ist die Desensibilisierung, wobei schrittweise immer stärkere Angst auslösende Situationen angeboten werden, bis das Kind durch die Situation keine Angst oder körperlichen Beschwerden mehr empfindet. Das Kind lernt so, dass auch ohne das gewohnte Vermeidungsverhalten, die Angst von selbst (durch einen Gewöhnungseffekt) abnimmt. Auch werden in der Verhaltenstherapie häufig Trainingsprogramme mit den Kindern ausgeführt, in denen sie selbstsicheres und sozial angemessenes Verhalten üben können, um so besser mit Verunsicherungen und Kränkungen in schulischen Situationen umgehen zu können.

Die Familientherapie richtet das Augenmerk auf ein gestörtes familiäres Verhaltensmuster und bearbeitet Angst förderndes Verhalten (z. B. wird herausgearbeitet, inwieweit die ehelichen Streitigkeiten in dem Kind den Wunsch wecken, zu Hause zu bleiben, um schlichten zu können). Ein mögliches Vorgehen ist beispielsweise das Rollenspiel - so soll z. B. die Mutter in der Rolle des Kindes erleben, wie dieses familiäre Konflikte wahrnimmt. Es ist sinnvoll, jedes Familienmitglied in die Therapie mit verschiedenen Schwerpunkten einzubeziehen.

Bei der Schulangst kommt der Beobachtung durch Eltern, Lehrer und teilweise durch den Arzt eine große Bedeutung zu. Es gilt zunächst das Ausweichverhalten möglichst früh zu erkennen und mögliche Angstauslöser in der Schule zu identifizieren. Gespräche mit dem Lehrer, ggf. dem Klassenlehrer oder Schulpsychologen, sind sinnvoll. Dem Kind sollten neue Erfolgserlebnisse ermöglicht werden, z. B. durch die Definition neuer, erreichbarer Ziele, um so den Teufelskreis von Versagen und Schulangst zu durchbrechen.

Wie ist die Prognose?


Die Prognose bei der Schulphobie ist abhängig vom Alter, vom Schweregrad und von der Mitarbeit der Eltern. Je früher die Behandlung beginnt und je geringer die Schulangst, desto besser sind die Erfolgsaussichten und umso mehr können Begleitprobleme, z. B. in der Familie, vermieden werden.

Die schulische Wiedereingliederung sollte sorgfältig vorbereitet werden, schrittweise erfolgen und ggf. vom Therapeuten begleitet werden. Nach stationärer Behandlung ist eine ambulante Nachbetreuung notwendig, um den Therapieerfolg zu sichern.


Literatur/Leitlinien/EBM:



Lentze, M.J.; Schaub, J.; Schulte, F.J.: Pädiatrie. Springer (2.Aufl. 2002).

Remschmidt, H.: Kinder- und Jugendpsychiatrie. Thieme (3.Aufl. 2000).

Reinhardt, D.: Therapie der Krankheiten im Kindes- und Jugendalter. Springer (7.Aufl. 2003).

Petermann, F.: Kinderverhaltenstherapie. Schneider Verlag (2.Aufl. 2003).

Davison, G.C.; Neale, J.M.; Hautzinger, M.: Klinische Psychologie. Beltz Verlag (6.Aufl. 2002).

Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie: Phobische Störungen und Emotionale Störungen des Kindesalters.
AWMF-Leitlinien-Register Nr. 028/021 (Letzte Aktualisierung: 2003).
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