Schilddrüsenunterfunktion
(Hypothyreose)
Was ist die Schilddrüse und was versteht man unter einer Hypothyreose?
Die Schilddrüse (Glandula thyroidea) ist eine Hormon produzierende Drüse, die aus zwei Schilddrüsen-Lappen und einer diese verbindende Struktur, den Isthmus, besteht. Sie liegt am Hals vor dem Schildknorpel des Kehlkopfes. Normalerweise ist sie wegen der davor liegenden Muskeln nicht zu sehen und nur beim Schlucken tastbar (da sie sich dabei nach oben schiebt).
Die Schilddrüse produziert die Hormone Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4). Gesteuert wird dieser Prozess durch den im Zwischenhirn liegenden Hypothalamus mit seinem Thyreotropin-Releasing-Hormon (TRH) sowie durch die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) mit ihrem Thyroidea-Stimulierenden-Hormon (TSH).
Ist die Konzentration der Schilddrüsenhormone im Blut normal, spricht man von einer euthyreoten Stoffwechsellage (Euthyreose). Werden mehr Schilddrüsenhormone hergestellt, als der Körper braucht, nennt man dies eine Überfunktion (Hyperthyreose). Im Gegensatz dazu findet sich bei einer Unterfunktion (Hypothyreose) zu wenig Schilddrüsenhormon im Blut. Frauen sind von der Krankheit wesentlich häufiger betroffen als Männer.
Was sind die Ursachen einer Hypothyreose?
Eine Hypothyreose kann verschiedene Ursachen haben. Prinzipiell unterscheidet man drei Formen der Schilddrüsenunterfunktion:
- Primäre Form: Hier liegt die Ursache in der Schilddrüse selbst. Diese Form ist die häufigste.
- Sekundäre Form: Die Ursache liegt hier in der Hirnanhangsdrüse, die das Thyroidea-stimulierende Hormon produziert, das wiederum in der Schilddrüse die Hormonproduktion induziert. Zumeist finden sich Tumoren im Vorderlappen der Hirnanhangsdrüse als Auslöser einer sekundären Unterfunktion.
- Tertiäre Form: Hier liegt die Störung liegt im Hypothalamus, einer Hirnregion, die der Hirnanhangsdrüse übergeordnet ist. Der Hypothalamas produziert das so genannte TRH, einen Botenstoff, der die Bildung und Abgabe des TSH fördert. Die tertiäre Form als Ursache einer Schilddrüsenunterfunktion ist allerdings eine Rarität.
Angeborene Form:
Eines von 5.000 Neugeborenen leidet an einer angeborenen Schilddrüsenunterfunktion. Die vollständige Ausprägung der Erkrankung ist durch das in den letzten Jahren routinemäßige Screening aller Neugeborenen auf Hypothyreose am fünften Tag nach der Geburt sehr selten geworden.
Typisch sind eine verminderte Aktivität und Bewegungsarmut der Neugeborenen, eine Trinkschwäche, eine vergrößerte Zunge (Makroglossie), ein hohes Geburtsgewicht und eine gelbe Haut. Wird die Schilddrüsenunterfunktion nicht behandelt, kommt es zu einer verzögerten körperlichen und geistigen Entwicklung. Man spricht dann von Kretinismus. E ist es sehr wichtig, die Krankheit rasch zu entdecken, denn bei rechtzeitiger Diagnose lassen sich die fehlenden Hormone von außen zuführen und das Kind entwickelt sich normal.
Ursachen für die angeborene Form sind:
- Das Fehlen der Schilddrüse (Aplasie)
- Die Schilddrüse sitzt an der falschen Stelle (Dysplasie)
- Hormonbildungsstörungen
- Schädigung der kindlichen Schilddrüse während der Schwangerschaft (z. B. durch Hormonmangel, Hormonüberschuss, Radiojodtherapie)
Die im Laufe des Lebens erworbene Schilddrüsenunterfunktion kann mehrere Ursachen haben. So entsteht eine Hypothyreose häufig als Folge einer Schilddrüsenentzündung (Thyreoiditis). Dabei werden verschiedene Formen unterschieden:
Hashimoto Thyreoiditis: Hier handelt es sich um eine so genannte Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, bei der der Körper die eigene Schilddrüse fälschlicherweise als "Fremdkörper" erkennt, Antikörper gegen das Gewebe produziert und durch eine chronische Entzündung langsam zerstört. Diese Form der Schilddrüsenerkrankung ist die häufigste Ursache der Hypothyreose. Betroffen sind vor allem Frauen nach dem 40. Lebensjahr. Die Erkrankung verläuft in der Regel harmlos, die Unterfunktion der Schilddrüse muss allerdings vom Arzt behandelt werden.
Fibrosierende Thyreoiditis: Bei dieser Entzündungsform handelt es sich ebenfalls um eine immunologische Erkrankung. Die Schilddrüse ist hart, asymmetrisch vergrößert und verschiebt sich nicht - wie normalerweise - beim Schlucken. Ein Drittel dieser Entzündungen führt zu einer Hypothyreose.
Postpartale Thyreoiditis: Bei dieser Sonderform der Schilddrüsenentzündung kommt es im Anschluss an die Geburt (post partum) bei der Mutter zu einer immunologischen Reaktion, die nach einer vorübergehenden Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) in eine Schilddrüsenunterfunktion mündet. Sie heilt im Allgemeinen nach etwa acht Monaten wieder aus.
Eine Schilddrüsenunterfunktion kann sich auch als Folge von medizinischen Interventionen entwickeln, die dann meist aufgrund einer Überfunktion der Schilddrüse durchgeführt werden mussten. Man spricht dann von einer iatrogenen Hypothyreose, z. B.:
- nach einer Schilddrüsenoperation
- nach einer Radiojodtherapie
- durch zu hoch dosierte Medikamente, die die Schilddrüse hemmen (Thyreostatika)
Wie äußert sich eine Hypothyreose?
Schilddrüsenhormone sind für fast alle Stoffwechselfunktionen des Körpers wichtig. Ein Mangel an Schilddrüsenhormon lässt viele Stoffwechselprozesse zu stark oder zu schnell ablaufen und wirkt sich damit auf den gesamten Organismus aus. Welche Beschwerden sich wie stark zeigen, hängt von der Ausprägung des hormonellen Defizits ab.
Eine Unterfunktion der Schilddrüse kann sich mit folgenden typischen Merkmalen zeigen:
- Kälteempfindlichkeit
- Müdigkeit mit verstärktem Schlafbedürfnis
- verminderte Leistungsfähigkeit
- Gewichtszunahme
- Verstopfung
- trockene, schuppende gelbliche und kühle Haut
- heisere und tiefe Stimme, langsame oft verwaschene Sprache
- dünner werdendes Haar
- Gedächtnisstörung
- Lidödeme, also Flüssigkeitseinlagerungen an den Augenlidern
- Störungen der Monatsblutung bei Frauen
- Verminderung des sexuellen Lustempfindens
- depressive Stimmungslage
- frühzeitige Arteriosklerose aufgrund gesteigerter Blutfette
- verlangsamter Herzschlag (Bradykardie)
Wie wird eine Schilddrüsenunterfunktion diagnostiziert?
Meist erhält der Arzt schon durch die Schilderung der Beschwerden erste Hinweise auf die Erkrankung. Dann schließen in der Regel verschiedene Untersuchungen an, mit dem Ziel, die Diagnose zu sichern, aber auch um die Ursache festzustellen denn sie entscheidet über die weitere Therapie. Zu den Diagnosemethoden bei Schilddrüsenerkrankungen gehören:
Blutuntersuchungen:
Der Arzt bestimmt die Konzentration des Thyroidea-Stimulierenden-Hormons der Hypophyse sowie der Schilddrüsenhormone im Blut (T3, T4). Außerdem ist bei einer Schilddrüsenunterfunktion das Cholesterin im Blut meist erhöht. Bei Schilddrüsenentzündungen lassen sich häufig bestimmte Antikörper gegen körpereigenes Gewebe im Blut nachweisen.
Sonografie (Ultraschall) der Schilddrüse:
Mit Hilfe des Ultraschalls werden die Größe und die Struktur der Schilddrüse beurteilt, die bei einer Hypothyreose meist verkleinert ist. Durch eine Feinnadelpunktion (Anstechen mit einer Kanüle) werden kleine Gewebeproben der Schilddrüse zur Untersuchung unter dem Mikroskop entnommen.
Schilddrüsenszintigrafie:
Bei einer Szintigrafie wird die Funktion des Organs kontrolliert, in dem man die Jodanreicherung in der Schilddrüse misst. Bei der Untersuchung bekommt der Patient eine radioaktiv markierte Substanz in die Vene gespritzt. Da gesundes und krankes Gewebe die Substanz unterschiedlich stark aufnehmen, lassen sich so Gebiete gesteigerter Hormonproduktion ("heiße Knoten") von solchen mit normaler, niedriger oder gar fehlender Produktion ("kalte Knoten") unterscheiden.
Wie wird eine Hypothyreose behandelt?
Die Schilddrüsenunterfunktion wird mit künstlichem Schilddrüsenhormon (Levothyroxin, L-T4) behandelt.
Man beginnt die Therapie mit einer niedrigen Dosis, erhöht sie stufenweise, bis die gewünschte Dosis erreicht ist. Der Grund für diese einschleichende Therapie: Bei zu hoher und zu schneller Verabreichung des Schilddrüsenhormons können vor allem Herzrhythmusstörungen und Angina pectoris-Anfälle auftreten.
Die Schilddrüsenwerte werden regelmäßig kontrolliert. Auch wenn die angestrebte Dosis gefunden ist sollte man sich sein Leben lang einmal jährlich untersuchen lassen.
Levothyroxin hat bei korrekter Dosierung und Einnahme so gut wie keine Nebenwirkungen, da durch diese so genannte Substitutionstherapie nur das fehlende körpereigene Hormon ersetzt wird. Bei einer überhöhten Dosis treten jedoch Symptome einer zu hohen Stoffwechselaktivität wie Herzrasen, Schwitzen, Unruhe und Nervosität, Durchfall und Gewichtsverlust auf.
Literatur/Leitlinien/EBM:
Braun, J.: Klinikleitfaden Innere Medizin. Urban & Fischer (9. Auflage 2003).
Greten, H.: Innere Medizin. Thieme (12. Auflage 2005).
Harrison, T. R.: Harrisons Innere Medizin. ABW Wissenschaftsverlag (2003).
Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag (2004).
Reinwein, D.: Checkliste Endokrinologie und Stoffwechsel. Thieme (2000).
Spelsberg, F.: Die Schilddrüse in Klinik und Praxis. Hüthig Medizin (2000).


