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Schulterluxation



(Schultergelenkluxation; Ausrenken des Schultergelenkes;
Schultergelenk, ausgerenktes)



Wie ist das Schultergelenk aufgebaut?


Das Schultergelenk ermöglicht dem Arm - als zentrales Greiforgan des Menschen - einen großen Bewegungsspielraum. Um diese große Beweglichkeit zu gewährleisten, ist die knöcherne Gelenkfläche zwischen der Gelenkpfanne des Schulterblattes und dem Oberarmkopf relativ klein. Der Oberarmkopf ist etwa dreimal größer als die Gelenkpfanne. Zur Vergrößerung der Kontaktfläche wird die knöcherne Gelenkfläche des Schulterblatts von einer Gelenklippe umgeben. Zusätzliche Stabilität geben die Gelenkkapsel und die Muskulatur, die den Oberarmkopf kappenförmig umgreift. Die Fixierung des Gelenks ist durch eine aus vier Muskeln bestehende Muskelhaube, die so genannte Rotatorenmanschette, gewährleistet.

Wie kommt es zu einer Schulterluxation?


Aufgrund des großen Oberarmkopfes und der dazu relativ kleinen Gelenkpfanne kommt es im Schultergelenk leicht zu einer Ausrenkung (Luxation). Die Schulter kann in verschiedene Richtungen ausrenken: am häufigsten nach vorne (80 % der Fälle), nach unten (15 %) und selten nach hinten (5 %).

Aufgrund der verschiedenen Ursachen werden drei Arten der Schulterluxation unterschieden:

Habituelle Luxation:
Ausrenken der Schulter ohne äußere Einwirkung. Die Ursache hierfür sind vor allem angeborene Fehlstellungen des Gelenks oder der Gelenkpfanne oder eine Muskel-Kapsel-Band-Schwäche.

Traumatische Luxation:
Auskugeln der Schulter durch einen Unfall, z. B. einen Sturz auf den nach hinten ausgestreckten Arm.

Rezidivierende (wiederauftretende) Luxation:
Diese Art der Schulterluxation ähnelt der habituellen Luxation. Der Unterschied besteht darin, dass die Ursache der wiederholten Luxation in einer vorausgegangenen ersten traumatischen Schulterluxation liegt. Vor allem junge, aktive und sportliche Menschen sind von dieser Art der Schulterluxation betroffen. Man schätzt, dass ca. 80 % der unter Dreißigjährigen nach der ersten Luxation eine zweite erleiden.

Welche Untersuchungen sind notwendig?


Eine traumatische Erstluxation kann meist schon allein aufgrund des typischen Erscheinungsbildes und der tastbaren leeren Gelenkpfanne erkannt werden. Der Arm hängt herunter und man spricht von einer "federnden Fixation", da das Gelenk keine Stabilität mehr hat. Der Arm schmerzt und der Schmerz nimmt bei Bewegung zu.

Zum Ausschluss einer knöchernen Verletzung muss das Schultergelenk geröntgt werden. Um Schäden am Gelenkknorpel, der Gelenkkapsel, der Bänderr und Sehnen sowie der Muskulatur zu erkennen, kann eine Ultraschalluntersuchung (Sonografie), eine Computertomographie (CT) oder eine Magnetresonanztomographie (MRT) mit Gabe von Kontrastmittel in die Gelenkhöhle erfolgen. Besteht der Verdacht auf ein muskuläres Ungleichgewicht im Schulterbereich als Ursache der Luxation sollte ein Elektromyogramm (EMG) durchgeführt werden.

Weiterhin muss auf Verletzungen von Nerven und Gefäßen geachtet werden.

Welche Behandlungsmethoden gibt es, wie ist die Prognose?


Eine ausgerenkte Schulter muss so schnell wie möglich wieder eingerenkt werden, damit keine Schäden an Knorpel und Weichteilen auftreten. Um die Muskelverspannung zu lösen und um weitere Verletzungen zu vermeiden, werden Schmerzmittel und evtl. muskelentspannende Medikamente gegeben. Unter Umständen kann auch eine Kurznarkose sinnvoll sein. In seltenen Fällen ist eine notfallmäßige Operation notwendig, z. B. wenn Teile der Gelenkkapsel eingeklemmt sind und es nicht gelingt, die Schulter einzurenken.

Nach erfolgter Einrenkung muss mithilfe eines Röntgenbildes der Erfolg bestätigt werden. Außerdem werden die Durchblutung, die Beweglichkeit und das Empfinden des Armes kontrolliert. Die weitere Behandlung hängt u. a. vom Alter des Verletzten, der Zahl und Art der Ausrenkungen, der sportlichen Aktivität sowie der subjektiven und objektiven Beeinträchtigung ab.

Konservative Therapie
Ist die Ausrenkung erstmals und aufgrund eines Unfalls aufgetreten hat bei Kindern und Jugendlichen die anschließende Ruhigstellung des verletzten Gelenkes in einem speziellen Verband (Gilchrist-Verband) für ein bis zwei Wochen eine sehr gute Prognose. Meist genügen selbständige Bewegungsübungen zur Wiederherstellung der vollen Beweglichkeit und Belastbarkeit.

Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen (bis zum 30. Lebensjahr) kommt es in mehr als der Hälfte der Fälle nach der ruhig stellenden Behandlung zum Auftreten einer erneuten Luxation. Nach dem ersten oder zweiten Wiederauftreten sollte eine operative Stabilisierung erfolgen. Sonst kann es durch wiederholte Luxationen zu einer dauerhaften schmerzhaften Bewegungseinschränkung (Arthrose) kommen. Durch die Aufgabe von schulterbelastenden Sportarten kann das Risiko einer erneuten Ausrenkung vermindert werden.

Patienten über 40 Jahre müssen nur selten mit einer erneuten Ausrenkung rechnen. Nach einer kurzen Ruhigstellung des Armes ist die Durchführung von Krankengymnastik besonders wichtig, da es sonst zu einer Versteifung des Gelenks kommen kann. Bei anhaltenden Beschwerden sind weitere Untersuchungen zum Ausschluss eines Risses im Muskelmantel (Ruptur der Rotatorenmanschette) notwendig. Dieser ist häufig Anlass zur operativen Stabilisierung.

Operative Therapie
Die sofortige operative Wiederherstellung des Schultergelenkes ist notwendig bei:
  • Unmöglichkeit der Wiedereinrenkung
  • Unmöglichkeit den Oberarmkopf im Gelenk zu halten
  • begleitendem Gefäßschaden
  • knöchernem Pfannenrandbruch
  • verschobenen Brüchen der Oberarmhöcker
  • Abrissverletzungen der Sehnen


Die primäre operative Therapie (im Anschluss an die notfallmäßige Einrenkung) ist zu empfehlen bei:
  • jüngeren, körperlich aktiven Patienten aufgrund der hohen Zahl erneuter Ausrenkungen
  • einem Knorpeldefekt des Oberarmkopfes


Die sekundäre operative Therapie (d. h. Operation zu einem späteren Zeitpunkt) ist zu empfehlen bei:
  • wiederkehrender Ausrenkung
  • subjektiver Instabilität
  • Rissen der Rotatorenmanschette mit fortschreitenden Beschwerden

Unter Berücksichtigung des individuellen Verletzungsmusters können offene Gelenkoperationen oder arthroskopische Operationen (im Rahmen einer Gelenkspiegelung) durchgeführt werden. Das Spektrum reicht über die Korrektur der Weichteile und Kapselstrukturen bis hin zur Stabilisation durch Einbringen von Knochenstrukturen (Knochenspan vom Beckenkamm) oder einer Änderung der Oberarmachse.

Je nach Operationsmethode schließen sich nach einer bis zu sechswöchigen Ruhigstellungsphase Rehabilitationsmaßnahmen an. Die Zeit bis zur vollständigen Wiederherstellung kann 18 bis 24 Monate betragen.

Die Nachteile der Operation liegen in den allgemeinen Operations- und Narkoserisiken wie Nachblutung, Wundheilungsstörungen, Infektion, Thrombose, Verletzung von Nerven und Gefäßen. Jedoch kann in bestimmten Fällen und Altersgruppen das Risiko für eine erneute Luxation erheblich gesenkt werden.

Nachbehandlung
Im Anschluss an die Ruhigstellung des Armes sowohl nach konservativer als auch nach operativer Therapie wird ein muskelstärkendes Training regelmäßig über einen längeren Zeitraum durchgeführt. Die Übungen werden nach Maßgabe des behandelnden Arztes individuell von einem Krankengymnasten zusammengestellt und zunächst unter Anleitung geübt.

Wird die Schulter beruflich oder sportlich bedingt stark belastet, ist es wichtig, die beteiligte Muskulatur auf Dauer zu kräftigen. Nur sie kann dem Gelenk zusätzliche Stabilität verschaffen. Dies gilt auch dann, wenn die Luxation schon einige Zeit zurückliegt. Anfangs wird die Kräftigung der Schultergürtelmuskulatur im Rahmen der Krankengymnastik durchgeführt. Die Übungen müssen dann eigenständig fortgeführt werden. Muskelkräftigung kann auch im Rahmen eines Trainings im Fitnessstudio unter fachlicher Anleitung erfolgen.

Impressum


Copyright: sanvartis GmbH
Erstellungsdatum: Juli 2000
Autor: Kerstin Szielasko
Letzte Aktualisierung: Juni 2005
Durch: Dr. med. Maria-Anna Schoppmeyer

Literatur/Leitlinien/EBM:


Habermeyer P., Lichtenberg S.: Diagnose und Therapie der vorderen und hinteren Schulterluxation: Teil 1: Diagnose. Der Chirurg 74 (11), S. 1178-1188 (2003).

Habermeyer P., Lichtenberg S.: Diagnose und Therapie der vorderen und hinteren Schulterluxation: Teil 2: Therapie. Der Chirurg 74 (12), S. 1178-1194 (2003).

Müller, M.: Chirurgie. Medizinische Verlags- und Informationsdienste (2002/2003).

Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie und Berifsverband der Ärzte für Orthopädie: Schulterluxation, rezidivierend und habituell (4/2002).

Hasse, F.M.: Klinikleitfaden Chirurgie. Urban & Fischer (3. Auflage 2002).

Trentz, O.: Checkliste Traumatologie. Thieme (5. Auflage 2000).
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