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Schwangerschaftsgestosen



(Gestosen; Schwangerschaftserbrechen; Emesis gravidarum; Hyperemesis gravidarum; EPH-Gestosen; Präeklampsie; Eklampsie; HELLP-Syndrom; Propfgestose; Schwangerschaftsvergiftung)


Was versteht man unter Schwangerschaftsgestosen?


Unter dem Sammelbegriff Schwangerschaftsgestosen subsummiert man Erkrankungen, die ursächlich mit der Schwangerschaft in Verbindung stehen. Eigentlich ist die Schwangerschaft ein vollkommen natürlicher Vorgang, der weder für die werdende Mutter noch für das Ungeborene gesundheitliche Probleme mit sich bringen sollte.

Trotzdem bedeutet die Umstellung eine Belastung für den Organismus. Das kann zu Krankheitsbildern führen, die entweder durch die Schwangerschaft selbst ausgelöst oder durch diese verstärkt werden. Obwohl die Krankheiten in ihrem Beschwerdebild sehr unterschiedlich sind, werden sie alle unter dem Bergriff Gestosen zusammengefasst.

Nach dem Zeitpunkt des Auftretens unterscheidet man Frühgestosen (bis zur 20. Schwangerschaftswoche) und Spätgestosen (nach der 20. Schwangerschaftswoche).
Weitaus am häufigsten - und auch am harmlosesten - ist die zu den Frühgestosen zählende Emesis gravidarum, das Schwangerschaftserbrechen. Sehr viel gefürchteter sind die Spätgestosen Präeklampsie, Eklampsie und HELLP-Syndrom.

Schwangerschaftserbrechen - die wichtigste Frühgestose


5 bis 20 Prozent aller werdenden Mütter leiden in den ersten Wochen der Schwangerschaft unter morgendlicher Übelkeit, Brechreiz und Erbrechen. Überdurchschnittlich häufig tritt die Emesis gravidarum bei Erstgebärenden und in Mehrlings-Schwangerschaften auf. Wahrscheinlich werden Beschwerden durch die hormonelle Umstellung und zwar in erster Linie durch das vom Mutterkuchen gebildete Hormon HCG verursacht. Von einem leichten Gewichtsverlust abgesehen, ist die Krankheit zwar lästig, aber in den meisten Fällen harmlos und muss nicht behandelt werden. Viele Frauen fühlen sich besser, wenn sie im Bett frühstücken und über dem Tag mehrere kleinere Mahlzeiten zu sich nehmen. Zwischen der 9. und der 12. Schwangerschaftswoche verschwindet die Übelkeit in der Regel wieder.

Gefährlich wird es, wenn die Emesis gravidarum in eine Hyperemesis gravidarum übergeht. Die Schwangeren erbrechen dann bis zu zehn Mal am Tag und verlieren dabei soviel Flüssigkeit und Elektrolyte (Blutsalze), dass sie im Krankenhaus mit einer Infusionstherapie behandelt werden müssen. Neben der hormonellen Umstellung scheinen seelische Konflikte bei der Hyperemesis eine Rolle zu spielen, denn bei vielen Betroffenen ist psychische Betreuung die wirksamste Medizin. Insgesamt ist die Hyperemesis gravidarum aber eher selten.

Was versteht man unter den Spätgestosen Präeklampsie und Eklampsie?


Die Spätgestosen Präeklampsie, Eklampsie und das HELLP-Syndrom werden auch heute noch oft unter dem Begriff EPH-Gestosen zusammengefasst, eine Bezeichnung die sich an den charakteristischen Symptomen orientiert:
Aus der Definition der Präeklampsie wurden die Ödeme mittlerweile herausgenommen. Zum einen, weil Wassereinlagerungen im Gewebe auch bei normalen Schwangerschaften auftreten, zum anderen gibt es auch schwere Präeklampsien völlig ohne Ödembildung. Da Bluthochdruck das wichtigste Symptom ist, setzt sich der Begriff "schwangerschaftsinduzierte Hypertonie" mehr und mehr durch. Laut der gängigen Definition handelt es sich bei der Präeklampsie um eine Spätgestose mit Bluthochdruck, Proteinurie, die von zusätzlichen Beschwerden wie Übelkeit und Schwindel begleitet sein kann und das Potenzial besitzt, in eine lebensbedrohliche Eklampsie (siehe unten) über zu gehen.

Etwa fünf Prozent aller Schwangeren leiden unter einer Präeklampsie. Besonders häufig betroffen sind Erstgebärende und Frauen in Mehrlings-Schwangerschaften. Meist tritt die Krankheit im letzten Schwangerschaftsdrittel auf, vor der 20. Schwangerschaftswoche kommt sie praktisch nie vor. Der Verlauf ist sehr unterschiedlich und reicht von einem leichten Bluthochdruck bis hin zum Vollbild der Eklampsie. Diese schwerste Form der Spätgestose ist definiert durch das Auftreten von Krämpfen und/oder tiefer Bewusstlosigkeit (Koma) bei Schwangeren mit Präeklampsie und kann, sofern sie nicht sofort intensivmedizinisch behandelt wird, zum Tod von Mutter und Kind führen. Dank der verbesserten Vorsorgeuntersuchungen sind Eklampsien mittlerweile selten geworden.

Welche Ursachen haben die Spätgestosen?


Warum sich eine Präeklampsie entwickelt, ist nach wie vor nicht geklärt - wie bei der Henne und dem Ei lassen sich Ursache und Wirkung nur schwer voneinander trennen. Aus unbekannten Gründen kommt es zu Schäden an den Innenwänden von Blutgefäßen, was dann die Blutzirkulation zwischen mütterlichem und kindlichem Blutkreislauf in der Plazenta (Mutterkuchen) behindert. Um das zu kompensieren, erhöht sich der Blutdruck der Schwangeren.

Umgekehrt kann ein chronischer Hochdruck der Mutter selbst eine Mangeldurchblutung des Mutterkuchens auslösen. Man nimmt an, dass sich die beiden Mechanismen gegenseitig verstärken. Bluthochdruck und Gefäßschäden beeinträchtigen auch die Funktion der Niere, die in Folge dessen vermehrt Proteine (Eiweiße) im Urin ausscheidet. Das Vollbild der Eklampsie entwickelt sich aus einer nicht oder zu spät behandelten Präeklampsie.

Wie verschiedene Studien gezeigt haben, begünstigen einige Umstände die Entstehung einer Präeklampsie. Dabei scheint aber nicht ein einzelner Faktor, sondern vielmehr die Kombination mehrerer eine ursächliche Rolle zu spielen.

Die wichtigsten Risikofaktoren sind:
  • Bereits bestehender chronischer Bluthochdruck oder eine chronische Nierenerkrankung. Dann spricht man von einer Propfgestose, weil sie sich auf ein bereits vorhandenes Leiden aufpropft.
  • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
  • Schwangerschaftsalter über 40 Jahre
  • Sehr junge Schwangere
  • Eine schwere Präeklampsie in einer vorangegangenen Schwangerschaft
  • Erbliche Komponenten, wie Bluthochdruck in der Familie
  • Mehrlingsschwangerschaften


Welche Beschwerden bereitet die Präeklampsie?


Sehr oft bereitet die Präeklampsie nur geringe oder gar keine Beschwerden. Der erhöhte Blutdruck kann sich durch Schwindel, Kopfschmerzen, Ohrensausen und Herzklopfen bemerkbar machen. Erster Hinweis auf Ödeme sind geschwollene Beine, vor allem an den Knöcheln, und eine übermäßige Gewichtszunahme.

Erst im fortgeschrittenen Stadium werden die Krankheitszeichen deutlicher. Am Übergang zur Eklampsie leiden die Betroffenen dann auch unter Benommenheit, Sehstörungen wie Flimmern vor den Augen, Müdigkeit bis hin zur Benommenheit, Übelkeit und Schmerzen in der Bauchregion. Die unauffällige Symptomatik am Beginn der Erkrankung birgt die Gefahr, dass eine Präeklampsie übersehen wird. Deshalb sind die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen während der Schwangerschaft, bei denen der Arzt auch stets den Blutdruck misst, so wichtig.

Welche Gefahren drohen bei Spätgestosen?


Die Schädigung der Blutgefäße kann die Entwicklung und die Durchblutung des Mutterkuchens behindern. Wenn die Funktion der Plazenta stark beeinträchtigt ist, wird das Ungeborene nicht mehr ausreichend mit nähr- und sauerstoffreichem Blut versorgt. Die Folge können Wachstumsstörungen oder eine Frühgeburt sein. Manche Experten schätzen, dass 50 Prozent aller Frühgeburten ursächlich mit einer Präeklampsie in Verbindung stehen. Seltener kommt es zu einer vorzeitigen Plazentalösung, die je nach Ausprägung zum Tod des Kindes im Muterleib führen kann.

Jede Präeklampsie birgt, insbesondere wenn sie nicht rechtzeitig erkannt und behandelt wird, das Risiko in eine Eklampsie überzugehen. Diese schwerste Form der Spätgestose mit epileptischen Anfällen und Koma ist ein lebensbedrohliches Krankheitsbild, die Sterblichkeit der Schwangeren liegt bei zwei bis fünf Prozent. Selbst bei sofortiger Entbindung sterben bis zu 20 Prozent der Neugeborenen. Dank der Vorsorgeuntersuchungen bei Schwangeren werden Präeklampsien meist früh diagnostiziert, was dazu beigetragen hat, dass Eklampsien heutzutage selten geworden sind.

Wie wird die Präeklampsie diagnostiziert?


Die Diagnose Präeklampsie beruht auf drei Verfahren, die alle fester Bestandteil jeder Kontrolluntersuchung in der Schwangerschaftsvorsorge sind:
  • Blutdruckmessung zur Diagnose eines bereits bestehenden oder eines schwangerschaftsinduzierten Bluthochdrucks. Um die Werte vergleichen zu können, misst der Arzt immer am gleichen Arm und in der gleichen Position. Laut Definition spricht man von einer Hypertonie, wenn der Blutdruck über 140/90 mm Hg liegt, beziehungsweise wenn im Vergleich zu den vorherigen Untersuchungen der erste, also der systolische, Wert um mehr als 30 mm Hg und der zweite, der diastolische, Wert um mehr als 15 mm Hg angestiegen ist.
  • Harnuntersuchung zur Bestimmung einer Proteinurie. Zunächst wird der Urin über 24 Stunden gesammelt und dann der Eiweißgehalt gemessen. In der Schwangerschaft gilt eine Ausscheidung von 300 mg Eiweiß pro Liter 24-Stunden-Urin als normal, darüber spricht man von einer Proteinurie. Je ausgeprägter die Proteinurie, desto schwerer die Nierenfunktionsstörung und damit auch die Präeklampsie.
  • Einlagerungen von Wasser im Gewebe machen sich durch rasche und übermäßige Gewichtszunahme bemerkbar. Besonders gut lassen sich Ödeme an Füßen und Beinen erkennen, als teigige Schwellung.


Ist die Präeklampsie diagnostiziert, kann der Arzt anhand dieser drei Untersuchungen den Verlauf der Krankheit und den Erfolg der Therapie beurteilen. Bei einer schweren Präeklampsie, die im Krankenhaus behandelt werden muss, helfen weitere Blutuntersuchungen wie Blutbild, Prüfung der Blutgerinnung, Leber- und Nierenwerte und Elektrolyte Komplikationen und Organschäden zu erkennen. Mit der Doppler-Sonografie, einer speziellen Ultraschalluntersuchung, lässt sich der Blutfluss in der Plazenta überprüfen.

Wie werden die Spätgestosen behandelt?


Die Wahl der Behandlungsmethode richtet sich nach zum einen nach der Schwere, zum anderen nach dem Zeitpunkt des Auftretens der Erkrankung. In leichten Fällen können Bettruhe und viel Schlaf ausreichen, um ein weiteres Ansteigen des Blutdruckes zu verhindern. Erhöht sich der Blutdruck dennoch oder kommt zum Hypertonus noch eine Proteinurie hinzu, muss die Schwangere unbedingt ins Krankenhaus, denn jetzt droht Gefahr für das Ungeborene und sie selbst. Denn jede Prä-Eklamsie kann rasch in eine lebensgefährliche Eklampsie übergehen.

Blutdruck, Eiweißausscheidung im Urin und Gewicht werden in der Klinik täglich gemessen. Mit Hilfe der Ultraschalluntersuchung klärt der Arzt, ob sich das Kind normal entwickelt. Außerdem überprüft er mittels CTG (Kardiotokogramm) täglich die kindlichen Herztöne.

Die einzige ursächliche Therapie der Präeklampsie ist die Entbindung. Bis zur 32. Schwangerschaftswoche versucht man wegen der Unreife des Kindes zunächst, den Blutdruck medikamentös auf Werte unter 160/90 mm Hg zu senken. Dabei wird der Zustand der Schwangeren und des Fötus engmaschig kontrolliert, denn durch die Blutdrucksenkung kann sich die Durchblutung der Plazenta und damit die Sauerstoffversorgung des Ungeborenen verschlechtern.

Eine schwere Präeklampsie oder eine Eklampsie bedrohen akut das Leben von Mutter und Kind, die möglichst rasche Entbindung lässt sich dann nicht mehr vermeiden. Abgeschirmt von Außenreizen wie Licht und Lärm, senken die Ärzte unter ständiger Überwachung von Herz, Kreislauf und der Durchblutung der Plazenta den Blutdruck und geben Beruhigungsmittel und Magnesium, um gefährliche Krampfanfälle zu verhindern. Sobald der Zustand der Patientin stabil ist, wird die Geburt entweder mit Medikamenten eingeleitet oder das Kind per Kaiserschnitt entbunden.

Wenn die Schwangerschaft weiter fortgeschritten und das Kind reif genug ist, also ab der 34. Schwangerschaftswoche, raten die aktuellen Leitlinien, auch bei einer leichten Präeklampsie mit der Geburt nicht länger zu warten. So kann die Gefahr einer akuten Verschlechterung von vornherein ausgeschlossen werden.

Nach der Entbindung pendelt sich der mütterliche Organismus meist rasch wieder ein und die Symptome der Spätgestose verschwinden innerhalb weniger Wochen.

Was ist das HELLP-Syndrom?


Das 1982 erstmals beschriebene HELLP-Syndrom ist eine schwere Form der Spätgestose mit meist sehr hohem Blutdruck, die durch Leberfunktionsstörungen zusätzlich kompliziert wird. Hinzu kommen noch massive Beeinträchtigungen der Blutgerinnung, die zu Ausfällen der verschiedensten Organe führen können. Die Betroffen klagen über Übelkeit, Erbrechen und starke Schmerzen im Bereich der Leber.

Die Diagnose stellt der Arzt mittels Blutuntersuchung anhand der Hauptsymptome, die der Krankheit auch den Namen geben:
  • Hämolyse: Zerfall der roten Blutkörperchen
  • Elevated Liver Enzymes: erhöhte Leberwerte
  • Low platelet count: niedrige Zahl der Blutplättchen (Thrombozyten)


Das HELLP-Syndrom ist eine lebensgefährliche Krankheit und muss sofort behandelt werden. Nachdem die Ärzte den Blutdruck gesenkt und die Gerinnungsstörung stabilisiert haben, wird das Kind schnellstmöglich entbunden, in aller Regel per Kaiserschnitt.

Was kann man zur Vorbeugung tun?


Der wichtigste Schritt zur Vorbeugung einer Spätgestose ist, regelmäßig zu den im Mutter-Kind-Pass empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen zu gehen. Da die wichtigsten Krankheitszeichen Blutdruck, Eiweißausscheidung im Urin und das Körpergewicht dort regelmäßig überprüft werden, kann der Arzt eine beginnende Präeklampsie rasch erkennen und frühzeitig behandeln.

Werdende Mütter, die bereits in einer vorherigen Schwangerschaft unter einer Gestose gelitten haben, sollten das ihrem Gynäkologen unbedingt mitteilen, denn dann sind unter Umständen noch engmaschigere Kontrollen nötig. Durch die regelmäßige Schwangerenvorsorge konnte die Zahl der schweren Krankheitsverläufe, insbesondere der Eklampsien, deutlich gesenkt werden.
Amerikanische Forscher arbeiten derzeit an einem Urintest, mit dem sich das Risiko einer Präeklampsie vorhersagen lässt. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend, bis diese einfache Früherkennungsmethode auf dem Markt ist, wird aber wohl noch etwas Zeit vergehen.

Impressum


Copyright: sanvartis GmbH
Erstellungsdatum: September 2002
Autor: Ulrich Kraft
Letzte Aktualisierung: April 2005
Durch: Ulrich Kraft (Arzt)

Literatur/Leitlinien/EBM:[/h2]
Diedrich, K.: Gynäkologie und Geburtshilfe. Springer (2000).

Goerke, K.: Klinikleitfaden Gynäkologie und Geburtshilfe. Urban & Fischer (2002).

Stauber, M., Weyerstahl, T.: Gynäkologie und Geburtshilfe. Thieme (2. überarbeitete Auflage 2005).

Schmidt-Matthiesen, H.: Gynäkologie und Geburtshilfe. Schattauer (2002).

Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF):
Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft Schwangerschaftshochdruck / Gestose der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: Empfehlungen für Diagnostik und Therapie bei Bluthochdruck in der Schwangerschaft. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 015/018 (letzte Aktualisierung 2002).
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