Speiseröhren-Divertikel
(Ösophagus-Divertikel; Aussackungen der Speiseröhre)
Was sind Divertikel?
Als Divertikel bezeichnet man umschriebene Ausstülpungen im Magen-Darm-Trakt. Die Wände der Speiseröhre, des Magens und des Darmes bestehen aus mehreren Schichten Muskelgewebe und sind innen mit Schleimhaut ausgekleidet.
Ist die gesamte Wand ausgebuchtet, spricht man von einem "echten" Divertikel, wohingegen sich bei einem "Pseudo-Divertikel" lediglich die Schleimhaut durch eine Muskellücke nach außen vorstülpt.
Divertikel können überall im Verdauungstrakt vorkommen. So findet man sie in der Speiseröhre (Ösophagus-Divertikel), im Zwölffingerdarm (Duodenal-Divertikel) und besonders häufig im Dickdarm (Kolon-Divertikel). Treten mehrere Divertikel auf, spricht man von einer Divertikulose.
Welche Speiseröhren-Divertikel gibt es?
Die Speiseröhre ist ein etwa 25 Zentimeter langer und 1 Zentimeter weiter, innen mit Schleimhaut überzogener Muskelschlauch, der Rachen und Magen verbindet. Man unterscheidet einen Hals- (Pars cervicalis), einen Brust- (Pars thoracica) und einen Bauchteil (Pars abdominalis) der Speiseröhre. Der medizinische Fachbegriff für Speiseröhre lautet Ösophagus.
Speiseröhren-Divertikel können an verschiedenen Stellen vorkommen und haben typische Ursachen. In Abhängigkeit von ihrer Lokalisation und ihrem Typ unterscheidet man:
- Das zervikale Speiseröhren-Divertikel (Zenker-Divertikel): Häufigste Aussackung der Speiseröhre, die vor allem Männer im höheren Lebensalter betrifft und sich im Hals-/Rachen-Teil der Speiseröhre (ungefähr im Bereich der Schlüsselbeine) befindet. Es ist ein Pseudo-Divertikel, d. h. es stülpt sich lediglich die Schleimhaut durch eine Muskellücke im Ösophagus - und nicht die gesamte Wand des Muskelschlauchs aus.
- Das thorakale (parabronchiale) Speiseröhren-Divertikel: Echtes Divertikel im Brustbereich der Speiseröhre in Höhe der Gabelung der Hauptbronchien.
- Das epiphrenische (parahiatale) Speiseröhren-Divertikel: Pseudo-Divertikel dicht oberhalb des Zwerchfells, das oft zufällig bei einer Röntgenuntersuchung entdeckt wird.
Wie entstehen Aussackungen der Speiseröhre?
Das zervikale und das epiphrenische Speiseröhren-Divertikel sind so genannte Pulsions-Divertikel. Sie entstehen als Folge eines dauerhaft erhöhten Drucks innerhalb der Speiseröhre. Dies kann zum Beispiel bei Funktionsstörungen des oberen oder des unteren Speiseröhren-Schließmuskels (Sphinkters) vorkommen. Da die Pulsions-Divertikel typischerweise nur aus Schleimhaut bestehen, die sich durch eine muskelschwache Stelle der Ösophaguswand gestülpt hat, werden sie auch als Schleimhauthernien (Schleimhautbrüche) oder als "falsche" bzw. "Pseudo-Divertikel" bezeichnet.
Beim thorakalen Speiseröhren-Divertikel handelt es sich um ein Traktionsdivertikel, das durch Zug von außen verursacht wird. So können beispielsweise wiederholte Entzündungen im Brustraum narbige Stränge hinterlassen, die so stark an der Ösophaguswand ziehen, dass sich die gesamte Muskelwand ausbuchtet. Deshalb nennt man diese Ausstülpungen auch "echte" Divertikel.
Welche Beschwerden machen Ösophagus-Divertikel?
Viele Speiseröhren-Divertikel bleiben völlig unbemerkt und werden manchmal zufällig bei einer Röntgenuntersuchung entdeckt. Andere, vor allem große Divertikel, verursachen aber auch zum Teil sehr unangenehme Beschwerden.
Am häufigsten leiden die Betroffenen an einem kloßigen Druckgefühl im Brustkorb, Schluckstörungen und Mundgeruch. Oft müssen sie aufstoßen, zum Teil finden sich morgens Reste unverdauter, während des Schlafes aufgestoßener Nahrung auf dem Kopfkissen.
Die Nahrungsaufnahme kann einen Hustenreiz auslösen. Typisch für das Zenker-Divertikel ist ein gurgelndes Geräusch beim Trinken von Flüssigkeit, die sich dabei in der Aussackung sammelt.
Welche Komplikationen können auftreten?
Es besteht die Gefahr, sich beim Essen und Trinken zu verschlucken. Gelangt aufgestoßener saurer Mageninhalt in die Lunge, kann dies eine Lungenentzündung zur Folge haben, da die Säure des Magens sehr ätzend ist und das Lungengewebe stark angreift und schädigt.
Andere Komplikationen treten sehr selten auf. So können Speiseröhren-Divertikel bluten, einreißen und durchbrechen (perforieren), sich entzünden oder Verbindungsgänge (Fisteln) zu anderen Organen oder Strukturen ausbilden.
Wie wird die Erkrankung diagnostiziert?
Die Beschwerden (Schluckstörungen, Druck- und Fremdkörpergefühl sowie Aufstoßen unverdauter Nahrung) führen die Betroffenen häufig zum Arzt, der daraufhin den Verdacht auf Divertikel der Speiseröhre äußert.
Nach einer ausführlichen Befragung zu den aktuellen Beschwerden, eventuellen Vor- oder Begleiterkrankungen und vielem mehr, sowie nach einer gründlichen körperlichen Untersuchung wird der Arzt eine Röntgenuntersuchung veranlassen. Um die Speiseröhre und die Aussackungen erkennen zu können, ist es notwendig, vor der Röntgenaufnahme ein Kontrastmittel zu trinken.
Im Anschluss an die Röntgenuntersuchung kann man ggf. noch eine Spiegelung der Speiseröhre (Ösophagoskopie) durchführen. Dabei wird das Endoskop, ein biegsames Instrument bestehend aus einem Schlauch mit Optik und Lichtquelle, durch den Mund am Kehlkopf vorbei in die Speiseröhre vorgeschoben. Wenn bei der Untersuchung Veränderungen der Schleimhaut festgestellt werden, entnimmt der Arzt mit einer kleinen Zange Gewebeproben, um diese mikroskopisch zu untersuchen.
Die Spiegeluntersuchung mit der Entnahme von Gewebe ist vor allem wichtig, um eine bösartige Erkrankung der Speiseröhre, das Ösophagus-Karzinom (Speiseröhren-Krebs), auszuschließen.
Wie behandelt man die Aussackungen der Speiseröhre?
Zenker-Divertikel werden in der Regel immer operativ entfernt. Dabei wird ein Halsschnitt vorgenommen, die Muskeln der Speiseröhre eingeschnitten (Myotomie) und das Divertikel abgetragen (Resektion). Die entstehende Lücke wird wieder verschlossen. Der Eingriff kann heutzutage, vor allem bei kleinen Ausstülpungen, auch auf endoskopischem Wege durch den Mund erfolgen, sodass kein Schnitt von außen notwendig ist. Das Divertikel wird dann mittels Laser oder Klammernahtgerät behandelt.
Die Erfolgsquote ist mit über 95 Prozent sehr gut. Komplikationen treten äußerst selten auf. Wird bei der Entfernung des Divertikels der Rekurrens-Nerv beschädigt, kann Heiserkeit die Folge sein. Selten kommt es zu einer Fistelbildung, d. h. zu einer krankhaften Verbindung zwischen Speiseröhre und einem benachbarten Organ oder der Haut. In ein bis drei Prozent der Fälle tritt das Divertikel nach der operativen Entfernung erneut auf (Rezidiv).
Allgemein kann es wie bei jeder Operation zu Verletzungen von Blutgefäßen mit Blutungen und Nachblutungen oder von anderen Strukturen im Operationsgebiet kommen. Infektionen, Entzündungen, Wundheilungsstörungen und eine erhöhte Gefahr von Blutgerinnselbildung zählen ebenfalls zu allgemeinen Risiken einer Operation.
Da thorakale Speiseröhren-Divertikel meist keine Beschwerden verursachen, müssen sie, ebenso wie die epiphrenischen Divertikel, nur in Ausnahmefällen behandelt (und dann ebenfalls operiert) werden.
Impressum
Copyright: sanvartis GmbH
Erstellungsdatum: Oktober 2002
Autor: Dr. med. Martina Waitz
Lektorat: Melanie Wilberg
Letzte Aktualisierung: April 2005
Durch: Dr. med. Maria-Anna Schoppmeyer
Literatur/Leitlinien/EBM:
Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag (2004).
Colombo-Benkmann M., Unruh V., Kocher T., Krieglstein C., Senninger N.: Aktuelle Behandlungskonzepte des Zenker-Divertikels - Indikationen und Ergebnisse. Zentralblatt Chirurgie 128, S. 171-186 (2003).
Siewert, J. R.: Chirurgie. Springer (7. Auflage, 2001).
Schumpelick, V.: Chirurgie. Thieme (2000).


