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Mittelohrentzündung, akute



(Otitis media acuta)


Wie funktioniert das Hören?


Akustische Signale verursachen Schallwellen, die über Ohrmuschel und Gehörgang auf das Trommelfell treffen. Das Trommelfell grenzt den Gehörgang vom Mittelohr ab, das mit Schleimhaut ausgekleidet ist.

Hier befinden sich die drei Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel. Sie verbinden das Trommelfell mit Innenohr und Hörorgan, das die weitergeleiteten Schallwellen in elektrische Nervensignale umwandelt. Diese erreichen über den Hörnerv das Gehirn.

Das Mittelohr ist für die Anpassung an den Umgebungsdruck über einen Gang (die so genannte Ohrtrompete) mit dem Rachen verbunden.

Wie kommt es zu einer akuten Mittelohrentzündung?


Einer Mittelohrentzündung geht meist ein Virusinfekt der oberen Luftwege voraus. Bakterien oder Viren gelangen über die Ohrtrompete aus dem Rachen in das Mittelohr und können so eine Mittelohrentzündung (Otitis media) auslösen.

Schleimhautschwellungen infolge der Virusinfektion engen die Öffnungen der Ohrtrompete ein, die zusätzlich durch Schleim verlegt werden. Das Mittelohr wird dann nicht mehr ausreichend belüftet. Es entsteht ein Unterdruck und ein Erguss im Mittelohr. Die Bakterien verursachen eine Entzündung der Schleimhaut. Der Erguss wird eitrig und kann nicht mehr entlang der Ohrtrompete abfließen.

Im Kindesalter ist die akute Otitis media die häufigste Entzündungskrankheit und tritt meistens zwischen dem 6. und 18. Lebensmonat auf. Sie ist bei Kleinkindern deshalb so häufig, weil sie noch eine kurze und weite Ohrtrompete haben und Keime aus den oberen Luftwegen leichter ins Mittelohr gelangen können. In der Regel haben Kinder bis zum Alter von sieben Jahren mindestens eine akute Mittelohrentzündung erlebt. Mit zunehmendem Alter werden Mittelohrentzündungen seltener, können aber generell in jedem Lebensalter vorkommen.

Welche Beschwerden macht eine akute Mittelohrentzündung?


Die häufig sehr starken Ohrenschmerzen entstehen durch die Flüssigkeit, die sich im Mittelohr ansammelt. Die Schmerzen enden schlagartig, wenn das Trommelfell dem Druck nachgibt und durch einen kleinen Riss das Sekret abfließen kann. Der Einriss verheilt meistens innerhalb von ein bis zwei Wochen.

Zu den allgemeinen Beschwerden im Rahmen eines Infekts gehören Fieber, Kopfschmerzen Abgeschlagenheit und Unwohlsein. Appetitlosigkeit, Trinkunlust, Weinerlichkeit, Unruhe und Schlafstörungen kommen häufig bei Kindern und Säuglingen hinzu. Der Erguss im Mittelohr führt oft zu einer vorübergehenden Schwerhörigkeit. Flüstern oder leise Töne können nicht mehr wahrgenommen werden.

Der Erguss besteht durchschnittlich drei Wochen länger als die eigentliche Entzündung. Bleibt eine Schwerhörigkeit über diesen Zeitraum hinaus bestehen, sollte der Hals-Nasen-Ohren-Arzt das Ohr untersuchen.

Welche Komplikationen sind bei einer akuten Mittelohrentzündung möglich?


Vermutlich würden wohl 70 Prozent der Fälle einer akuten Mittelohrentzündung auch ohne Behandlung ausheilen. Eine ärztliche Behandlung ist dennoch in jedem Falle ratsam, weil ernste Komplikationen mit schweren bleibenden Schäden möglich sind.

Zu den seltenen Komplikation gehört die Entzündung des Warzenfortsatzes (Mastoiditis). Die Entzündung ist auf den Schädelknochen hinter dem Ohr übergegangen. Der Knochen kann innerhalb von Stunden angegriffen werden. Sichtbare Zeichen sind eine sehr schmerzhafte teigige Schwellung hinter dem Ohr und eine abstehende Ohrmuschel. Eine entzündliche Beteiligung des Innenohrs und Gleichgewichtsorgans kann zu bleibendem Hörverlust und Schwindel führen.

Unmittelbar in der Nähe des Mittelohrs liegt der Knochenkanal eines Gesichtsnerven, des Fazialisnerven. Dieser Nerv versorgt einen Großteil der mimischen Muskulatur. Greift die Entzündung auf den Nerv über, kann sich eine Lähmung der Gesichtsmuskeln ausbilden (sog. Fazialisparese).

Als sehr seltene Komplikation kann eine Hirnhautentzündung auftreten, wenn die Infektion auf das Schädelinnere übergreift. Bei Menschen mit einer geschwächten Immunabwehr ist eine Blutvergiftung möglich, wenn Keime in die Blutbahn eindringen.
Infolge gehäufter Mittelohrenzündungen kann ein bleibender Defekt im Trommelfell entstehen.

Wie wird eine akute Mittelohrentzündung festgestellt?


Der Arzt stellt die Diagnose anhand der Vorgeschichte und den typischen Beschwerden des Betroffenen. Bestätigt wird sie durch die Ergebnisse der ärztlichen Untersuchung. Besonders wichtig ist die Untersuchung des Trommelfells. Weiterhin können Hörprüfungen, Gleichgewichtstests, spezielle Röntgenaufnahmen des Schädels und eine Blutabnahme sinnvoll sein.

Sollen die Krankheitserreger genau bestimmt werden, wird das entzündliche Sekret im Mittelohr untersucht. Dazu wird ein kleiner, in der Regel nicht schmerzhafter, Schnitt im Trommelfell gemacht (so genannte Parazentese), um Sekret aus dem Mittelohr für die mikrobiologische Untersuchung zu gewinnen.

Wie wird eine akute Mittelohrentzündung behandelt?


Nasentropfen (z. B. Xylometazolin) wirken Schleimhaut abschwellend durch eine Engstellung der Blutgefäße. Sie sollten alle drei bis vier Stunden verabreicht werden, am besten im Liegen und bei zurück geneigtem Kopf. So können sie in den Nasenrachenraum fließen, sodass die Schleimhaut um die Öffnung der Ohrtrompete abschwillt. Nasentropfen sollten aber nur während einer akuten Entzündung und keinesfalls längerfristig angewandt werden. Als Nebenwirkung können Schleimhaut-Reizungen, Herzrasen oder Kopfschmerzen auftreten.

Schmerzmedikamente, die auch das Fieber senken, gibt es für Säuglinge und Kinder auch als Zäpfchen oder Saft. Hier eignet sich z. B. das Paracetamol. Als unerwünschte Nebenwirkungen sind hier gelegentlich Überempfindlichkeitsreaktionen, Magen-Darm-Beschwerden und bei zu hoher Dosierung auch Schäden der Leber und Veränderungen des Blutbilds zu beobachten. Auch Schmerzmittel sollten nur kurzfristig eingenommen werden.

Es ist nicht vorhersehbar, bei welchen Patienten es zu Komplikationen kommt. Aus diesem Grund sollte eine akute Mittelohrentzündung mit einem Antibiotikum behandelt werden, vor allem bei Kindern mit schweren Allgemeinerkrankungen, während der ersten zwei Lebensjahre, bei wiederholt auftretenden Mittelohrentzündungen bei ausgeprägten Krankheitsverläufen und während einer Influenza-(Grippe-)epidemie.

Mittel der Wahl ist ein so genanntes Breitband-Penizillin (z. B. Amoxizillin), das gegen eine Reihe der häufigsten Erreger einer Mittelohrentzündung wirkt. Bei einer Penizillin-Unverträglichkeit können auch andere Antibiotika eingesetzt werden. Zwei bis drei Tage nach Beginn der antibiotischen Behandlung sollte das Ohr von einem Arzt kontrolliert werden. Tritt innerhalb dieser Zeit keine Besserung ein, sollte das Antibiotikum gewechselt werden, da das gewählte Mittel den Erreger anscheinend nicht abtöten konnte. Obwohl die Beschwerden meist nach ein bis zwei Tagen abklingen, sollten Antibiotika über sieben bis zehn Tage gegeben werden, um eine komplette Ausheilung zu erreichen und um eine Resistenzentwicklung (d. h. der Erreger wird widerstandsfähig gegen das Mittel) zu vermeiden.
Nebenwirkungen der Antibiotika können u. a. in Form von Magen-Darm-Beschwerden, allergischen Reaktionen und Hautausschlägen auftreten.

Bei beginnenden Komplikationen wird eine Parazentese durchgeführt. Dabei wird im unteren Teil des Trommelfells ein kleiner Schnitt gemacht, durch den die Flüssigkeit aus dem Mittelohr in den Gehörgang abfließen kann. Auch um den Krankheitserreger exakt bestimmen zu können, kann ein kleiner Trommelfellschnitt nötig werden, um entzündliches Sekret aus dem Mittelohr zu gewinnen. Oft bringt diese Maßnahme zusätzlich auch eine Erleichterung für den Patienten, da durch das Abfließen des Sekrets eine Druckentlastung eintritt.

Greift die Entzündung auf den Warzenfortsatz über, kann meist nur eine Operation eine Heilung bringen. Der Knochen hinter dem Ohr wird dabei aufgebohrt und die entzündete Schleimhaut entfernt.
Eine Bestrahlung mit Rotlicht sowie Inhalationen mit Kamillendampf können bei einer akuten Mittelohrentzündung helfen, die Beschwerden zu lindern. Eine Mütze oder ein Stirnband schützt vor Kälte und Zugluft.

Antibiotikahaltige oder schmerzstillende Ohrentropfen sind unwirksam, weil sie bei einem intakten Trommelfell nicht in das Mittelohr gelangen. Nur bei einem Loch im Trommelfell und wenn abfließendes Sekret zu einer Entzündung des Gehörgangs führt, können antibiotikahaltige Ohrentropfen angewandt werden. Fließt Sekret aus dem Mittelohr, darf keine Watte in den Gehörgang eingebracht werden, weil die Krankheitserreger sich dann besser vermehren können.

Pflanzliche Medikamente oder andere Alternativen zu der o. g. Therapie sollten in Anbetracht der möglichen Komplikationen einer Mittelohrentzündung sowie wegen der fehlenden erwiesenen Wirksamkeit dieser Mittel nicht als Standardtherapie zum Einsatz kommen.

Gibt es Risikofaktoren für eine akute Mittelohrentzündung?


Tritt eine Mittelohrentzündung bereits im ersten Lebenshalbjahr auf, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass es später zu wiederholt auftretenden Mittelohrentzündungen kommt. Man hat beobachtet, dass Kinder, die einen Schnuller verwenden, eher zu gehäuften Mittelohrentzündungen neigen.

Wenn Kinder unter drei Jahren Kindergruppen oder einen Hort besuchen, bekommen sie häufiger Mittelohrentzündungen, vor allem wenn die Gruppen sehr groß sind. Ebenso erkranken Kinder, in deren Familie häufig Entzündungen des Mittelohrs aufgetreten sind, selbst oft auch häufiger an dieser Infektion.

Akute Mittelohrentzündungen treten bevorzugt in den Wintermonaten auf. Grunderkrankungen wie eine Gaumenspalte, Funktionsstörungen der Ohrtrompete und ein geschwächtes Immunsystem sowie Allergien begünstigen die Entstehung von Mittelohrentzündungen.

Tabakrauch und Luftverschmutzungen bzw. eine erhöhte Konzentration von Schwefeldioxid in der Luft gelten als Risikofaktoren.

Kann man einer akuten Mittelohrentzündung vorbeugen?


Da verschiedene Krankheitserreger eine Mittelohrentzündung auslösen können, gibt es keinen Impfstoff, der alle Erreger gleichzeitig abdeckt. Eine Impfung gegen einzelne Erreger kann demnach auch nur einen Teil der Infektionen verhindern.

Risikofaktoren wie Rauchen sind beeinflussbar. Kinder sollten nicht mit dem Schnuller im Mund schlafen. Stillen stärkt im Allgemeinen das Immunsystem und schützt so vor Infekten.

Im Kindesalter können Operationen wie eine Entfernung einer vergrößerten Rachenmandel, eine Parazentese und Einlage von Trommelfellröhrchen zu einer Besserung wiederholter Mittelohrentzündungen führen, besonders wenn mehrere Erkrankungen innerhalb kurzer Zeit (weniger Monate) aufgetreten sind.


Literatur/Leitlinien/EBM:



Arnold, W.: Checkliste Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Thieme (3. Auflage 1999).

Boenninghaus, H. G.: Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. Springer (11. Auflage 2001).

Probst, R.: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Thieme (2000).

Strutz, J.: Praxis der HNO-Heilkunde, Kopf- u. Halschirurgie. Thieme (2001).

Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie: Akute Otitis media (Letzte Aktualisierung Juni 2001).
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