Unterzuckerung
(Hypoglykämie)
Was ist eine Unterzuckerung?
Der normale Blutzuckerwert sollte in nüchternem Zustand eine Konzentration von 110 mg/dl (6,1 mmol/l) nicht überschreiten. Fällt er unter 40 mg/dl (2,2 mmol/l), liegt per Definition eine Unterzuckerung (Hypoglykämie) vor. Auch bei einem Blutzuckerwert von bis zu 50 mg/dl (2,77 mmol/l) kann man von einer Hypoglykämie sprechen, wenn zusätzlich typische Zeichen einer Unterzuckerung auftreten, die sich nach Gabe von Glukose rasch bessern. Der Bereich zwischen 50- und 60 mg/dl ist eine Grauzone, solche niedrig-normalen Blutzuckerwerte erreichen auch gesunde Menschen gelegentlich, etwa beim Fasten. Werte Über 60 mg/dl schließen eine Unterzuckerung aus, auch wenn die Symptome dafür sprechen.
Die Glukose (Blutzucker, entspricht chemisch dem Traubenzucker) ist als wichtigster Energielieferant des Organismus für eine reibungslose Funktion vieler Organe erforderlich. Insbesondere das Gehirn ist auf eine minimale Glukosemenge im Blut angewiesen, da es selber keine Energiedepots oder Energiereserven hat. Glukose ist somit die einzige Energiequelle für den Hirnstoffwechsel.
Bei einer Unterzuckerung wird die kritische Glukosekonzentration im Blut unterschritten. In Folge der Unterversorgung kommt es zu Funktionsausfällen an verschiedenen Organsystemen, insbesondere im Gehirns.
Was sind die Ursachen einer Unterzuckerung?
In den weitaus meisten Fällen entsteht eine Unterzuckerung bei der Therapie der Diabetes mellitus, durch eine relative Überdosierung der blutzuckersenkenden Medikamente (Tabletten oder Insulin). Dies kann passieren, wenn nach dem Spritzen von Insulin die notwendige Mahlzeit unterbleibt oder die Insulineinheiten falsch berechnet wurden, wenn der Wirkstoff, der in einigen so genannten Antidiabetika enthalten ist, aufgrund nachlassender Nierenfunktion nicht mehr ausreichend ausgeschieden wird, bei starker körperlicher Belastung oder wenn zu viel Alkohol getrunken wurde.
Auch bei Gesunden können durch exzessiven Alkoholkonsum Hypoglykämien hervorgerufen werden, da Alkohol zu einer Senkung des Blutzuckerspiegels führt. Erkrankungen, die durch Unterzuckerungen auffällig werden, sind extrem selten. Meist handelt es sich dabei um einen beginnenden Diabetes mellitus, um Insulin produzierende Tumoren des Magen-Darm-Traktes oder der Bauchspeicheldrüse.
Wie wird eine Unterzuckerung erkannt?
Wichtig ist es, die Anzeichen einer Unterzuckerung rechtzeitig zu erkennen. Allerdings können diese Beschwerden sehr verschieden und uncharakteristisch sein. Es gibt fast kein Symptom, das bei einer Hypoglykämie nicht auftreten könnte.
Wie erwähnt, ist eine ausreichende Glukosemenge im Blut insbesondere für eine reibungslose Gehirnfunktion notwendig. Leichte Unterzuckerungen können sich durch ein flaues Gefühl in der Magengegend, Müdigkeit, verminderte Konzentrationsfähigkeit und Heißhunger äußern. Werden diese Warnsignale ignoriert, kommt es in der Folge zu Herzrasen, Zittern, Schweißausbruch, Blässe, Übelkeit und Unruhe. Kopfschmerzen, Sehstörungen, Schwindel und Verhaltensauffälligkeiten können hinzu kommen.
Nicht selten treten auch unbemerkte Unterzuckerungen in der Nacht während des Schlafes auf. Sie äußern sich z. B. durch morgendliche Kopfschmerzen, Nachtschweiß, Angstträume und unruhigen Schlaf.
Mit einer einfachen Blutzuckermessung lässt sich die Unterzuckerung feststellen.
Wie verläuft eine Unterzuckerung?
Unbehandelt kommt es im weiteren Verlauf zu zunehmender körperlicher Schwäche, oft zu Wesens- und Verhaltensauffälligkeiten (Aggressivität, Orientierungsverlust), Seh-, Sprach- und Gefühlsstörungen, Krämpfen sowie schließlich zur Bewusstlosigkeit.
Da spätestens in diesem Stadium Selbsthilfe nicht mehr möglich ist, besteht Lebensgefahr.
Bei andauernder Unterzuckerung, das heißt ohne Therapie, kann eine Hypoglykämie zu dauerhaften Gehirnschädigungen oder gar zum Versagen der Atmung und so zum Tode führen. Deshalb ist es umso wichtiger, Warnzeichen rechtzeitig zu erkennen und gegenzusteuern.
Wie wird eine Unterzuckerung behandelt?
Eine Unterzuckerung kann im Frühstadium sowohl durch die Gabe von Glukose, zum Beispiel durch die Einnahme von Traubenzucker, als auch von gesüßten Getränken (z. B. Cola, Obstsaft) effektiv behandelt werden. Im Zweifelsfalle gilt: Lieber zu viel als zu wenig.
Bei mittelschweren und schweren Fällen verabreicht der Arzt unverzüglich Glukose als Infusion. Ist dies nicht möglich, weil kein Arzt vorhanden oder der Patient sehr unruhig ist, kann man alternativ das den Blutzucker steigernde Hormon Glukagon in die Muskulatur spritzen. Viele Diabetiker führen dieses Medikament für den Notfall mit sich.
Wenn der Patient Glukose bekommen hat, bessern sich die Beschwerden in der Regel nach fünf bis zehn Minuten.
Falls es zu neurologischen und psychischen Auffälligkeiten gekommen ist, sollte der Betroffene zumindest für einige Stunden zur Kontrolle im Krankenhaus überwacht werden.
Welche Auswirkungen hat eine drohende Unterzuckerung?
Ein Diabetiker lernt, immer an die Möglichkeit einer Unterzuckerung zu denken und die Warnhinweise durch Eigenbeobachtung ernst zu nehmen. Ferner sollten die Angehörigen und Arbeitskollegen über die Erkrankung informiert sein, damit sie im Notfall rechtzeitig Erste Hilfe leisten können.
Hier einige Hinweise zur Unterzuckerung:
- Eine (drohende) Unterzuckerung kann sowohl durch das Essen von zuckerhaltigen Nahrungsmitteln wie Traubenzucker, durch das Trinken zuckerhaltiger Getränke sowie durch den Arzt über Glukose-Infusionen, als auch durch die Gabe des Blutzucker steigernden Hormons Glukagon behandelt werden.
- Diabetiker sollten niemals mehr Insulin spritzen als verordnet. Die regulären Spritzzeitpunkte sind einzuhalten. Auch wenn Tabletten oder die Insulinspritze einmal vergessen wurden, sollte man die fehlende Einnahme auf keinen Fall nachholen.
- Alkohol führt zu einer Unterzuckerung. Bei Nicht-Diabetikern wird diese Situation durch entsprechende Stoffwechselvorgänge ausgeglichen werden. Diabetikern hingegen fehlt dieser Regulationsmechanismus, sodass z. B. eine Hypoglykämie durch Alkohol im Schlaf lebensbedrohend ist. Daher sollte Alkohol gemieden oder nur mit Vorsicht genossen werden.
- Bei einer starken körperlichen Betätigung benötigt der Organismus deutlich weniger Insulin. Also muss jede sportliche Belastung in den Ernährungs- oder Therapieplan eingerechnet werden.
- Bei vielen Erkrankungen (z. B. Grippe, Durchfall etc.) kommt es zu Störungen des Glukosestoffwechsels. Diese Situation muss man bei der Diabeteseinstellung berücksichtigen.
Literatur/Leitlinien/EBM:
Berger: Diabetes mellitus. Urban & Fischer (2000).
Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag (2005).
Nationale Versorgungs-Leitlinie Diabetes mellitus Typ 2, Bundesärztekammer (Mai 2002).
Bundesministerium für Gesundheit und Soziales (BMGS):
Vierte Verordnung zur Änderung der Risikostruktur-Ausgleichsverordnung (RSAV),
Anlagen 1 und 2b : Anforderung an strukturierte Behandlungsprogramme für Diabetes mellitus Typ 2.
R. Lobmann, H. Lehnert: Hypoglykämie. Der Internist Nr. 44 (2003), 1275-1281.
AWMF-Leitlinien: Leitlinien der Deutschen Diabetes-Gesellschaft: Therapieziele und Behandlungsstrategien beim Diabetes mellitus (057/011K) Mai 2002
AWMF-Leitlinien: Leitlinien der Deutschen Diabetes-Gesellschaft: Definition, Klassifikation und Diagnostik des Diabetes mellitus (057/012K) Mai 2002
AWMF-Leitlinien: Leitlinien der Deutschen Diabetes-Gesellschaft: Behandlung des Typ 1 Diabetes (057/013K) Mai 2002
AWMF-Leitlinien: Leitlinien der Deutschen Diabetes-Gesellschaft: Diabetes Mellitus Typ 2 (057/012K) Mai 2002


