Wirbelbruch
(Wirbelfraktur; Bruch der Wirbelsäule)
Wie ist die Wirbelsäule aufgebaut?
Die Wirbelsäule besteht aus sieben Halswirbeln, zwölf Brustwirbeln und fünf Lendenwirbeln. Aus fünf Kreuzbeinwirbeln, die miteinander verschmolzen sind, besteht das Kreuzbein, an das sich das Steißbein anschließt, welches aus drei bis vier Wirbeln entstanden und meist nur noch rudimentär vorhanden ist..
Jeder einzelne Wirbel besteht aus einem kompakten Wirbelkörper, der hinten in einem Bogen in einem Dornfortsatz ausläuft. Dieser Bogen hat an den Seiten zwei flügelartige Querfortsätze. Mit weiteren Fortsätzen an den Wirbelbögen, die sich dachziegelartig überlappen, berühren sich jeweils benachbarte Wirbel im hinteren Bereich. Diese kleinen Gelenke werden auch Facetten genannt. Zwischen den Wirbelkörpern befinden sich die Bandscheiben.
Zwischen den Wirbelbögen verlaufen Bandverbindungen und Muskeln, so dass die Wirbelsäule im Ganzen ein funktionelles System mit statischen und dynamischen Elementen bildet. In dem Kanal (Spinalkanal), den die Wirbelbögen bilden, verläuft das Rückenmark. Die Nervenäste, die das Rückenmark abgibt, verlaufen zwischen den Querfortsätzen.
Was ist ein Wirbelbruch?
Man kann verschiedene Formen von Wirbelbrüchen unterscheiden: Brüche des Wirbelkörpers, des Wirbelbogens oder der Fortsätze. Am Wirbelkörper kommen Kompressionsbrüche (der Wirbelkörper ist zusammengedrückt), Berstungsbrüche (zerborstene Wirbelkörper) und Kantenabbrüche (an der Vorder- oder Hinterkante) vor. Besonders Kompressionsbrüche können so eingestaucht sein, dass sich die Bruchstücke der Knochen miteinander verkeilen und nicht verschieblich sind; solche Brüche werden deshalb als stabil bezeichnet.
Frakturen der Wirbel machen zwei Prozent aller Knochenbrüche aus.
Wie kommt es zu einer Wirbelfraktur?
Wirbelbrüche setzen die Einwirkung großer Kräfte voraus, es sei denn, die Wirbel sind durch eine Minderung der Knochendichte (Osteoporose) oder durch andere Erkrankungen (z. B. Tumorleiden mit Tochtergeschwülsten in den Wirbeln) vorgeschädigt.
Die Frakturen entstehen beim Sturz aus der Höhe auf Kopf, Gesäß oder ausgestreckten Beine durch Stauchung, oder sie werden durch Überbiegung der Wirbelsäule beispielsweise beim Verkehrsunfall mit Lenkradanprall verursacht. Bei den Stauchungsverletzungen kommt es eher zu Wirbelkörperkompressions- oder Wirbelkörperberstungsbrüchen, beim Überbiegen treten eher Bogen- oder Gelenkfortsatzfrakturen auf.
Bei 20 Prozent der Patienten mit Wirbelbrüchen sind zwei oder mehr Wirbelkörper betroffen.
Welche Symptome können auftreten?
In der Regel besteht in dem betroffenen Abschnitt der Wirbelsäule ein Druck-, Klopf- und Stauchungsschmerz. Seltener findet sich eine Buckelbildung oder eine tastbare Lücke in der Dornfortsatzreihe. Schmerzbedingt ist häufig die Beweglichkeit der Wirbelsäule eingeschränkt, es kommt zu einer Schonhaltung und auch zu einer Verhärtung der Muskulatur.
Ist das Rückenmark mitbetroffen, treten unterhalb der Verletzung entsprechende Störungen oder auch Ausfälle auf, z. B. Empfindungsstörungen, unnatürliche Reflexe oder auch Lähmungen. Je nach der Lokalisation des Wirbelbruchs und Ausmaß der Rückenmarksschädigung kann es in schweren Fällen zu einer kompletten Querschnittslähmung kommen.
Stabile Verletzungen, bei denen es zu einer Verkeilung der Knochenstücke kommt, gehen gelegentlich aber auch völlig ohne Beschwerden einher.
Wie wird die Diagnose gestellt?
Bei Hinweisen auf eine Verletzung des Rückgrates sind stets Röntgenbilder in zwei Ebenen (von vorne und von der Seite) erforderlich, häufig noch zusätzlich Schräg- oder Schichtaufnahmen.
Um die Weite des Spinalkanals und die Stabilität der Hinterkante des Wirbelkörpers sowie der Wirbelbögen besser beurteilen zu können, wird eine Computertomografie durchgeführt. Besteht der Verdacht auf eine Beteiligung des Rückenmarks, können in einer Kernspintomografie Einblutungen in den Spinalkanal und ins Rückenmark sowie Bandscheibenvorfälle erkannt werden.
Besteht der Verdacht auf eine Mitbeteiligung des Rückenmarks, erfolgt immer eine gründliche neurologische Untersuchung.
Wie sieht die Behandlung aus?
Bei der Behandlung von Knochenbrüchen unterscheidet man eine konservative (keine Operation) und eine operative Therapie. Abhängig von der Lokalisation des Wirbelbruchs bezogen auf die Höhe der Wirbelsäule sowie von Begleitverletzungen und dem Allgemeinzustand des Verletzten kommen unterschiedliche Verfahren in Betracht.
Halswirbelbrüche
Fünf Prozent aller Wirbelfrakturen sind Brüche im Halswirbelbereich. Die ersten zwei Halswirbel haben eine besondere Form und Funktion. Sie tragen den Schädel und erlauben die Drehbewegung des Kopfes.
Der erste Halswirbel hat keinen richtigen Wirbelkörper sondern insgesamt eine Ringform. Brüche dieses Ringes sind häufig von Bandverletzungen begleitet. Eine alleinige Ruhigstellung reicht zur Heilung der Bandverletzungen nicht aus, deshalb erfolgt in diesen Fällen eine direkte Verschraubung der Gelenke zwischen Atlas und Hinterkopf. Sind nur die Atlasbögen gebrochen, erfolgt die Therapie meist konservativ, also nicht operativ. Dazu wird der Kopf mit einem so genannten Fixateur ruhig gestellt. Hierzu werden Schrauben von außen in die Schädeldecke gedreht und über Stäbe mit einer Weste an den Schultern so verbunden, das keine Bewegung der Halswirbelsäule mehr möglich ist. Ist der hintere Anteil des Atlasbogens gebrochen, kann auch die Ruhigstellung mit einer Halskrawatte ausreichend sein.
Der zweite Halswirbel hat einen nach oben gerichteten Zahn, der in den Ring des Atlas hineinreicht. Brüche dieses Zahns (Dens) werden meist verschraubt, anschließend erfolgt die Ruhigstellung in einer Kunststoffkrawatte für sechs Wochen. Brüche am Bogen dieses Halswirbels können meist konservativ behandelt werden.
Wirbelkörper-Einbrüche mit keilförmiger Erniedrigung lassen sich meist nicht geschlossen aufrichten und müssen in der Regel operiert werden. Die operative Therapie besteht in diesem Fall in der Entfernung der zerrissenen Bandscheibe, dem Einsetzen eines Knochenspans (der aus dem Beckenkamm entnommen wird) und der dauerhaften Verbindung zu den benachbarten Wirbeln zur Stabilisierung.
Brustwirbel- bzw. Lendenwirbelbrüche
In fast der Hälfte der Fälle ist bei einem Wirbelbruch der Bereich der unteren Brustwirbel- und oberen Lendenwirbelsäule betroffen. Handelt es sich um stabile Wirbelkörperbrüche, kleinere Kantenbrüche oder Kompressionsbrüche mit nur geringer Höhenminderung, kann eine konservative Therapie erfolgen. In der Regel muss die Behandlung im Krankenhaus durchgeführt werden. Damit die Wirbel wieder heilen können, muss der Betroffene Bettruhe einhalten (Lagerung auf einer harten Matratze), außerdem werden Schmerzmittel verabreicht. Damit sich während der Bettruhe keine Thrombose (Blutgerinnsel) in den Blutgefäßen entwickelt, werden vorbeugend bestimmte Medikamente ins Unterhautfettgewebe gespritzt.
Wie lange die Bettruhe notwendig ist, richtet sich nach individuellen Gegebenheiten wie Alter und Allgemeinzustand des Verletzten, Anzahl der verletzten Wirbel und Schwere der Wirbelverletzungen. Da im Sitzen der höchste Druck auf den Wirbeln lastet, sollte man anschließend zunächst nur gehen und liegen. Meist wird für eine Übergangszeit von einigen Wochen ein Stützkorsett verordnet. Mit der Krankengymnastik kann begonnen werden, wenn die Schmerzen abgeklungen sind.
Berstungsbrüche und Kompressionsbrüche mit großer Höhenminderung sowie bestimmte Formen mit Beteiligung der Wirbelkörperhinterkante erfordern ein operatives Vorgehen. Je nach Befund kann ein Knochenspan zum Aufrichten erforderlich sein, die Stabilisierung erfolgt mit einem so genannten Fixateur interne. Dabei wird der verletzte Bereich durch Metallschienen stabilisiert, die an den Wirbelkörpern über und unter dem verletzten Wirbel fest verschraubt werden und die Verletzung überbrücken.
Wirbelverletzung beim Kind
Durch die große Elastizität von Knochen, Bandscheiben und Bändern sind Wirbelverletzungen im Kindesalter sehr selten. Kompressionsbrüche mit weniger als 50 Prozent Höhenminderung werden in der Regel konservativ behandelt. Je nachdem, wie stark die Schmerzen sind, wird eine möglichst frühe Aufhebung der Bettruhe angestrebt. Bestehen Verformungen in beiden Ebenen, wird ein Gipskorsett angelegt. Erst bei starken Formveränderungen der Wirbel muss operiert werden.
Wird ein Wirbelbruch nicht behandelt, können lange Zeit Beschwerden bestehen. Handelt es sich um einen instabilen Bruch, kann es zu Schädigungen des Rückenmarks bis hin zur Querschnittslähmung kommen.
Welche Komplikationen sind möglich?
Bei zehn Prozent aller Patienten mit Wirbelsäulenverletzungen ist mit Nerven- und Rückenmarksschäden zu rechnen. Die Schädigung des Rückenmarks erfolgt durch Quetschung als Folge der Verschiebung von Wirbeln oder Bandscheiben. Bei der Halsmarklähmung entsteht das typische Bild eines hohen Querschnitts: Beide Arme und Beine, Brustkorb-, Bauch- und Rückenmuskulatur, die Blasen-, Mastdarm- und Sexualfunktion sind betroffen. Liegt die Schädigung unterhalb der Halswirbelsäule, sind die Arme nicht betroffen.
Entscheidend ist es, bereits am Unfallort eine Verletzung der Wirbelsäule zu erkennen. Größte Vorsicht ist bei der Umlagerung und beim Transport geboten. Die Behandlung von Patienten mit einer Querschnittslähmung sollte in speziellen Zentren erfolgen. In etwa 20 Prozent kommt es zur Rückbildung eines zunächst kompletten Querschnitts.
Heilt ein Wirbelbruch mit einer Höhenminderung oder Deformierung aus, kann es zu Veränderungen in der Achse der Wirbelsäule kommen. Das kann dazu führen, dass Bandscheiben oder Wirbelgelenke schneller verschleißen und die Muskulatur des Rückens stark beansprucht wird. In einigen Fällen verursachen solche Veränderungen dauerhafte Rückenschmerzen. Meist ist dann ein konstantes Training der Rückenmuskulatur, zunächst unter krankengymnastischer Anleitung, erforderlich.
Literatur/ Leitlinien/ EBM:
Hasse, F. M.; Nürnberger, H.: Klinikleitfaden Chirurgie. Urban & Fischer (3.Aufl. 2002).
Schumpelick, V. Bleese, N. M., Mommsen, U.: Chirurgie. Thieme (6.Aufl. 2004).
Siewert, J. R.; Allgöwer, M.: Chirurgie. Springer (7.Aufl. 2001).
Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)
Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie: Wirbelkörperfrakturen.
AWMF-Leitlinien-Register Nr. 006/086. (Letzte Aktualisierung: 2002).


